Flüchtlinge werden Übersetzer und Dolmetscher
Sprachen öffnen Türen

In der Europa-Schule Weiden werden Flüchtlinge zu Dolmetschern und Übersetzern ausgebildet. Emad Wakaa (links) erklärt seinen Klassenkameraden beim Tabu-Spiel eine Vokabel. Bilder: Schönberger (3)/ Saller (1)
 
Randa Moussa (links) und Sobhi Mahmoud testen eine der neuen Dolmetscherkabinen. Die Schule schaffte die Anlagen für über 20 000 Euro an.

Auf dem Schild neben der Tür zum Klassenzimmer steht "Spanisch". Doch die Studenten in dem Raum sprechen kein Wort dieser Sprache. Dafür Deutsch, Englisch, Arabisch. Die Flüchtlinge werden zu Dolmetschern und Übersetzern ausgebildet.

Zehn Männer und eine Frau sitzen heute in dem Raum, an der Tafel müht sich Katharina Kiener. "Die drei Minuten sind gleich um", sagt die Deutschlehrerin. Schnell müssen die elf Studenten den Lückentext über "Work and Travel" vervollständigen. Dann lesen sie nacheinander den Text vor. Ein paar sprechen flüssig und artikulieren gut. Andere lesen stockender. Abdullah Alnabhan stolpert über das Wort "Brückenjahr". Zwei Mal spricht er es aus, bis seine Lehrerin zufrieden ist.

19 Flüchtlinge besuchen seit September die Berufsfachschule an der Europa-Berufsschule. Wenn sie das Schuljahr erfolgreich abschließen, sind sie Fremdsprachenkorrespondenten. Dann sollen sie die Fachakademie für Sprachen besuchen und eine Ausbildung zum Dolmetscher und Übersetzer für Arabisch-Deutsch oder Arabisch-Englisch machen. Wenn es klappt, dürfen sie für Gerichte und Ämter arbeiten. Die Idee zu den "Dolmetschern der Kulturen" hatte Schulleiter Josef Weilhammer.

"Bei manchen haben wir Bedenken, ob sie es schaffen. Aber es sind auch Lichter dabei", sagt Studiendirektor Alois Pecher über seine "Studierenden". Obwohl die Flüchtlinge eine Schule besuchen, nennt er sie Studenten. Die Klassenkameraden kommen aus Syrien, dem Libanon, dem Iran oder Palästina. Sie sind erst seit Kurzem oder schon Jahre in Deutschland. Sie sind Anfang 20 bis Mitte 40 Jahre alt. Einige wohnen in Weiden, manche haben einen weiten Schulweg, weil sie zum Beispiel in Neunburg vorm Wald wohnen.


Bei manchen haben wir Bedenken, ob sie es schaffen. Aber es sind auch Lichter dabei.Alois Pecher, Studiendirektor

So gut wie Muttersprachler

Drei Frauen besuchen den Unterricht. Doch heute ist nur Randa Moussa da. Die 38-Jährige stammt aus dem Libanon und lebt seit 19 Jahren in Deutschland. In ihrer Heimat hat sie als Krankenpflegerin gearbeitet, in Weiden traut sie sich das nicht. Ihr Kopftuch komme nicht so gut an, erklärt die dreifache Mutter. Da viele Libanesen zwei- oder gar dreisprachig aufwachsen, sei sie Fremdsprachen gewohnt. "Sprachen öffnen viele Türe", sagt die Studentin in fast fehlerfreiem Deutsch. Im Internet sah sie das Angebot der Europaschule und hat sich angemeldet.

Kieners Unterricht findet in den Räumen über der Volkshochschule in der Luitpoldstraße statt. Im Juli sollen die Flüchtlinge sehr gut und flüssig Deutsch und Englisch sprechen - fast so gut wie Muttersprachler. Das ist Voraussetzung für die Fachakademie. "Wer es nicht schafft, kann noch ein Jahr dranhängen", meint Pecher, Mitglied der Schulleitung. Am Ende der Fachakademie für Sprachen müssen sie das Niveau eines Muttersprachlers erreicht haben.

Potenzielle Arbeitgeber

Ein Großteil der Teilnehmer sei im Heimatland akademisch ausgebildet worden, manche seien Englisch-Lehrer. Diese Vorbildung helfe ihnen nun, meint Pecher. An einer Universität sind für ein Sprachstudium mindestens drei bis fünf Jahre mit vielen sprachpraktischen Kursen vorgesehen. Die meisten Studenten hatten die Sprache schon jahrelang am Gymnasium gelernt. Damit die Ausbildung der Flüchtlinge gelingt, können sie freiwillig einen Vorbereitungskurs besuchen.

Unterrichtet werden die Studenten zum Beispiel in Übersetzen, Gesprächsdolmetschen, Auslandskunde und Informatik - meistens in Englisch. Die Klasse besucht Behörden, Gerichte, die Behinderteneinrichtung in Irchenrieth oder die AOK-Geschäftsstelle. Mit den potenziellen Arbeitgebern sollen die Flüchtlinge Kontakte knüpfen. Manchmal wendet sich das Rathaus an die Klasse, wenn es einen Übersetzer benötigt. Viele Studenten helfen ihren Bekannten. Der Syrer Sobhi Mahmoud (40) zum Beispiel unterstützt seine Freunde bei Behördengängen.

Üben werden die Studenten auch in den beiden Dolmetscherkabinen. Wenn diese fertig aufgebaut sind, können die Flüchtlinge mit Ämtern skypen und ihren Gesprächspartner auf einem großen Bildschirm sehen. Gut 20 000 Euro hat die Einrichtung der Kabinen gekostet. "Vielleicht können sich die Studenten etwas dazuverdienen." Pecher ist optimistisch, dass seine "Dolmetscher der Kulturen" von Ämtern gebraucht werden. Sie können die Flüchtlinge als Übersetzer um Hilfe bitten.

Anders lernen

Für Katharina Kiener aus Nabburg ist die Klasse "eine positive Herausforderung." Eigentlich hat sie Deutsch und Englisch für Gymnasien studiert. Die Europa-Berufsschule ist die erste Stelle der 29-Jährigen nach dem Referendariat. Im Vergleich zu deutschen Schülern würden die Flüchtlinge anders lernen. "Sie sagen zum Beispiel, sie machen Hausaufgaben, so Gott will." Faul seien die Studenten deswegen aber nicht. Noch ein Unterschied fällt Kiener ein: Wenn sich die Studenten miteinander unterhalten, würden sie viel lauter sprechen als Deutsche. "Ich dachte am Anfang, sie streiten", gesteht die Lehrerin.

Sie sind eine positive Herausforderung.Lehrerin Katharina Kiener über ihre Studenten


Wenn die Klasse voll ist, wollen Weilhammer und sein Kollege für das nächste Schuljahr wieder eine Klasse einrichten. Ob die Flüchtlinge nach der Ausbildung einen Arbeitsplatz finden, kann Pecher nicht abschätzen. "So ganz befriedigend ist es für manche Leute nicht", gibt er zu. Die Studenten sind schon erwachsen, ihnen laufe die Zeit davon, meint der Studiendirektor. Sie haben Kinder, bereits eine Ausbildung und schon gearbeitet. Jetzt drücken sie wieder jahrelang die Schulbank.

AusbildungStufe 1: ein halbes Jahr Berufsintegrationsklasse "Fremdsprachenberufe" (Schwerpunkt Deutsch).

Stufe 2: ein Jahr Ausbildung zum Fremdsprachenkorrespondenten an der Berufsfachschule (zusätzlich Englisch).

Stufe 3: zwei Jahre Ausbildung zum Integrationsübersetzer und -dolmetscher (Deutsch und Englisch oder Französisch). (esa)


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