20.02.2017 - 09:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Forscherteam entdeckt "Wächter-Zelle" im Harntrakt Winzige Zelle als großer Fund

Wie ein Wächter postiert sich die "schmeckende" Zelle: Nicht nur auf der Zunge oder in der Nase, sondern auch im Harntrakt. Die Entdeckung sorgte in der Medizin international für Furore. Der Fund liegt drei Jahre zurück, nun stellen sich die Folgen ein - zum Wohl der Patienten.

Ein Wissenschaftler mit internationalem Ansehen als Chefarzt der Urologie an den Kliniken Nordoberpfalz: Professor Dr. Dr. Thomas Bschleipfer. Der Mediziner ist u. a. als Kapazität bei der European Medicin Agency (EMA) gefragt. Bild: cf
von Clemens Fütterer Kontakt Profil

"Im menschlichen Körper derzeit eine neue Zelle zu entdecken und ihr sogar eine Funktion zuweisen zu können, passiert im Leben eines Wissenschaftlers nur einmal. Da geht einem das Herz auf." Der Wissenschaftler Professor Dr. Dr. Thomas Bschleipfer, seit 2014 Urologie-Chefarzt an den Kliniken Nordoberpfalz, ging mit einem hochkarätigen Team jahrelang der Funktion der sogenannten Bürstenzelle (Brush Cell) in der Harnröhre auf den Grund. Deren Entdeckung unter dem Fluoreszenz- und Elektronenmikroskops war noch die - vergleichsweise - leichteste Aufgabe ...

"Feinde" ausschwemmen

Das Bundesland Hessen stufte die Forschungsarbeit an der Justus-Liebig-Universität Gießen so bedeutend ein, dass es 230 000 Euro Fördergelder überwies. Die diffizilen und langwierigen Studien, erst bei Mäusen und Ratten - später bei Affen, Schweinen, Rindern und Pferden - erbrachten schließlich den Nachweis, dass diese chemo-sensorische Zelle spezielle Moleküle und Bitterstoffe von Bakterien "schmeckt", um dann über Nervenzellen die Blase zu stimulieren, die "Feinde" des Körpers auszuschwemmen.

"Der Harndrang steht daher in direktem Zusammenhang mit der Wächter-Funktion dieser Zelle für den Urogenital-Trakt", erklärt Bschleipfer. In zahllosen Nächten recherchierte der 44-Jährige im Labor, nachdem der Tag mit der anspruchsvollen ärztlichen Tätigkeit als Urologe am Universitätsklinikum Gießen und Marburg ausgefüllt war.

Das Forscherteam unter der Federführung von Professor Dr. Wolfgang Kummer, Direktor des Instituts für Anatomie und Zellbiologie an der Uni Gießen, und Professor Bschleipfer erntete für die Ergebnisse in den vergangenen Jahren ein halbes Dutzend Auszeichnungen auf internationaler Mediziner-Ebene. "Das war für uns ein Riesenwurf." Auch weltweit renommierte Fach-Publikationen (zum Beispiel PNAS) beschreiben diese Arbeit. Veröffentlichungen in hochrangigen internationalen Mediziner-Zeitschriften sprechen für die Wichtigkeit der Studien.

Was bewirkt die "schmeckende" Zelle in der medizinischen Praxis? Bschleipfer: "Beispielsweise kann eine Fehlfunktion der Zelle zu einer Überaktivität der Blase führen, selbst dann, wenn keine Keime mehr vorhanden sind." Das Problem des ständigen Harndrangs, fortwährend auf die Toilette zu müssen, ist weit verbreitet. "Es ist denkbar, nun entsprechende Medikamente zu entwickeln, um die Zelle zu blockieren und damit die Blasen-Tätigkeit wieder zu normalisieren", erläutert Bschleipfer. Zielgerichtete Erfolge sind möglicherweise auch für querschnittsgelähmte Patienten denkbar, indem man "über eine Stimulation oder Hemmung der Zelle Harndrang und Blasenentleerung" reguliert.

Wie eine Klo-Spülung

"Wir erforschten, dass diese Zelle in der Harnröhre genauso ,schmecken' kann wie jene auf der Zunge.", betont Bschleipfer. Diese "Wächter-Zelle" rege dann die Reflexe an: "Wie eine Art Klo-Spülung." Das Alter der Bürstenzelle im Harntrakt wurde - über Stoffe im Evolutionsprozess - auf 64,5 Millionen Jahre taxiert. Lange blieb der Winzling im Verborgenen: Ein kleiner Fund als großer Schritt für die Medizin.

Im menschlichen Körper derzeit eine neue Zelle zu entdecken und ihr sogar eine Funktion zuweisen zu können, passiert im Leben eines Wissenschaftlers nur einmal.Prof. Dr. Dr. Thomas Bschleipfer, Chefarzt Urologie an den Kliniken Nordoberpfalz

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