Für weniger Kosten und bessere Integration
Sargpflicht auf dem Prüfstand

Der Bestatter Salih Güler in der islamischen Sektion des Neuen Südfriedhofs in München. Archivbild: dpa
 
"In Bayern gibt es eine gewachsene Bestattungskultur - und dazu gehört die christliche Tradition einer Sargpflicht." Zitat: Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU)

Jeder Verstorbene braucht einen Sarg. Die Kosten dafür würden sich immer mehr Menschen gerne sparen. Doch das verbietet das bayerische Gesetz bisher. Immer wieder gibt es Versuche, die Vorschriften zu lockern - auch mit Blick auf muslimische Traditionen.

Weiden/Amberg/München. (esa/epd/dpa) Erneut hat die SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag kürzlich einen Vorstoß unternommen, die in Bayern geltende Sargpflicht bei Bestattungen zu lockern - vergeblich. Die CSU schmetterte den Vorstoß ab. Die meisten Bundesländer haben dieses Gesetz bereits vor Jahren angepasst. Damit wollen sie nicht nur die Beerdigungskosten senken, sondern auch die Integration fördern.

Zum Beispiel ist es bei Muslimen Tradition, dass ein Leichnam nur in ein Tuch gewickelt beerdigt wird. Verstorbene islamischen Glaubens werden demnach in ein Grab, das Richtung Mekka zeigt, gelegt. Diese Grabstätten für Muslime gibt es inzwischen auch in Weiden und Amberg. Einen Sarg benötigen sie trotzdem. "Das Bayerische Bestattungsgesetz gilt auch für muslimische Grabfelder und die Einäscherung", sagt Susanne Schwab, Pressesprecherin der Stadt Amberg.

Die meisten Bundesländer haben diese Verordnung bereits gelockert. 2014 hat der baden-württembergische Landtag beschlossen, Bestattungen nach religiösem Ritus zu ermöglichen und die Sargpflicht dafür abzuschaffen. Damit wolle das Land die Integration von Muslimen fördern, die sonst für eine Bestattung nach islamischen Regeln zum Beispiel in die Türkei zurückkehren mussten, obwohl sie ihr ganzes Leben in Deutschland verbracht haben.

In Bayern benötigt jeder Tote immer noch einen Sarg, auch auf muslimischen Grabfeldern. "Als Gründe für die Sargpflicht werden einerseits Tradition, auch die Menschenwürde, und teilweise hygienische Gründe genannt. Es wird aber auch mit einer besseren Verwesung des Leichnams argumentiert", teilt Norbert Schmieglitz, Pressesprecher der Stadt Weiden, mit. Auch für den Transport eines Leichnams ist ein Sarg nötig, um die Flüssigkeiten, die aus dem Leichnam austreten, aufzufangen. Der Sarg muss für Erdbestattung und Einäscherung laut Verordnung nicht zwingend aus Vollholz sein. Er muss aber unter anderem die Verwesung der Leiche innerhalb der Ruhezeit ermöglichen und darf Boden oder Grundwasser nicht schädigen. Ist der Sarg aus einem anderen Material als Holz, muss der Hersteller ein Gutachten vorlegen, heißt es in der Verordnung. Bei der Einäscherung in einem Krematorium dient ein Holzsarg auch als Energiequelle für das Feuer.

Erfinderische Lösungen

Salih Güler hat es aufgegeben, sich über die "Obrigkeiten" in Bayern aufzuregen. "Da entscheiden Personen, die keine Ahnung von der Materie haben, über unsere Köpfe hinweg", sagt er. "Die wissen gar nicht, welch eine Last es ist, unseren Trauernden diese Regelung der Sargpflicht zu erklären." Mittlerweile seien sie "erfinderisch geworden, was bedeutet, dass wir den Sarg ein wenig drehen oder den Leichnam darin", sagt Güler, der seit 2010 ein islamisches Bestattungsunternehmen in München führt. Rund 200 Verstorbene beerdigt er pro Jahr in ganz Bayern, Tendenz steigend. "Manchmal bekomme ich so viele Aufträge auf einmal, dass ich mich am liebsten vierteilen würde."

Nach Angaben des bayerischen Innenministeriums gibt es in zahlreichen Gemeinden muslimische Grabfelder auf den Friedhöfen. Allerdings werde keine Statistik zur genauen Anzahl der Gräber sowie der Bestattungen in den vergangenen Jahren geführt. In etwa der Hälfte aller Fälle wollen die muslimischen Bürger im Freistaat beerdigt werden, der Rest entscheide sich für eine Überführung des Leichnams in die Heimat, sagt Güler. "Viele Muslime sehen mittlerweile ihr Zuhause in Bayern, sind aus krisengebeutelten Ländern wie Syrien, dem Irak oder Afghanistan vor Jahren hierhergekommen." Oft fehle auch der Bezug zur Heimat, weil die Menschen dort keine Angehörigen mehr hätten." Bürger mit türkischen Wurzeln hingegen ließen ihre Toten überwiegend überführen. "Die ältere Generation hat vor Jahren in eine Art Sterbegeldkasse eingezahlt, die die gesamten Kosten in einem Todesfall übernimmt", erklärt der Bestatter. Dennoch nimmt die Zahl derer, die in Bayern beerdigt werden wollen, laut Güler zu.

Zusätzliches Leintuch

Der Freistaat bleibt hartnäckig. "In Bayern gibt es eine gewachsene Bestattungskultur - und dazu gehört die christliche Tradition einer Sargpflicht", sagt Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU). Und diese Tradition soll auch künftig erhalten werden. Die Staatsregierung sei dennoch dem gesellschaftlichen Bedürfnis nach individuellen Bestattungsformen nachgekommen. "Angehörige des muslimischen Glaubens können ihren islamischen Bestattungsriten bereits heute im Freistaat in angemessenem Rahmen nachgehen", betont Huml. So seien ein zusätzliches Leichentuch neben der Sargpflicht wie auch Ausnahmen der Bestattungsfrist in begründeten Fällen möglich. In Bayern ist die Ruhezeit auf eine bestimmte Zeit begrenzt, im Islam hingegen gilt die ewige Ruhe.

In Bayern gibt es eine gewachsene Bestattungskultur - und dazu gehört die christliche Tradition einer Sargpflicht.Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.