19.03.2018 - 16:18 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Gericht verurteilt 39-Jährigen wegen versuchten Mordes[Aktualisierung] Urteil gefallen: Bauarbeiter muss fünf Jahre in Haft

Mit einem vergleichsweise milden Urteil endet am Montag der Prozess gegen einen Bauarbeiter (39). Die Schwurgerichtskammer verurteilt ihn wegen versuchten Mordes an seinem Vorarbeiter zu fünf Jahren Freiheitsstrafe. Darauf stünde bis zu lebenslängliche Haft. Das Gericht berücksichtigt, dass das Opfer den Täter jahrelang "drangsaliert" habe.

Kurz vor der Urteilsverkündung darf die Mutter den Sohn kurz drücken. Familienangehörige, Freunde und Kollegen waren vom ersten bis zum letzten Prozesstag im Gericht. Bild: Schönberger
von Christine Ascherl Kontakt Profil

„Klarer geht Heimtücke nicht", nennt Vorsitzender Richter Markus Fillinger das Mordmerkmal. Am Morgen des 15. September 2017 radelte der Angeklagte zur Baufirma in Mantel (Landkreis Neustadt/WN). In einem Rucksack hat er ein Beil stecken, das er Jahre zuvor auf einer Baustelle gefunden hatte. Laut mehrerer Zeugen wartete der 39-Jährige vor dem Gelände, bis sein Vorgesetzter den Hof betrat. Dann fuhr er von hinten an ihn heran und hieb ihm das Beil in den Nacken. Fillinger: "Besser hätte es ein Henker auch nicht machen können." Dies sei "mitnichten eine Spontan-Tat".

Der Richter spricht allerdings von einem "tragischen und außergewöhnlichen" Verfahren. Die Kammer hat in vier Verhandlungstagen die halbe Baufirma antreten lassen. Und es fand sich unter 15 Zeugen kein einziger, der ein gutes Haar an dem Geschädigten gelassen hätte. Der Vorarbeiter wurde als gemeiner Despot geschildert, der selbst wenig arbeitete, andere dafür permanent beleidigend herabsetzte. Jeder hielt so viel Abstand wie möglich. Zwei Maurer ließen sich auf andere Baustellen versetzen, einer verließ die Firma.

Bruder: Nie in Rage erlebt

Diesem ungeliebten "Kapo" wurde 2014 der Angeklagte zugeteilt. Ihm gelten noch heute alle Sympathien der Kollegen: ein ruhiger Typ, fleißig und zuverlässig. Einer, der sich nicht provozieren ließ und seine Arbeit machte. Auch die Familie lässt über ihn nichts kommen. Sein Bruder sagt: "Ich glaube, es braucht lange, bis er in Rage gerät. Aber eigentlich habe ich das bei ihm noch nie erlebt." Die Solidarisierung der Zuhörer mit dem Täter nimmt bizarre Züge an: In einer Pause fünf Minuten vor der Urteilverkündung wünscht eine nahe Verwandte des Opfers dem Angeklagten eine niedrige Strafe.

Dennoch: Unter dem Strich bleibt ein versuchter Mord. Oberstaatsanwalt Rainer Lehner zitiert das Alte Testament: "Wer Wind sät, wird Sturm ernten." Schlechtes wird mit Schlechterem vergolten. "Das heißt auch, dass Vergeltung schlecht ist und nichts ist, was akzeptiert werden kann." Lehner erinnert an das martialische Beil, 62 Zentimeter lang und zwei Kilo schwer. Die Kriminalbeamtin befragte für ihre Ermittlungen einen Berufsschullehrer für das Metzgerhandwerk: Mit diesem Werkzeug werden Rinder und Schweine gespalten. Für jeden Laien sei erkennbar, dass ein Schlag töten kann: "Der Angeklagte hat den Tod des Geschädigten zumindest billigend in Kauf genommen." Lehner fordert 6 Jahre.

Schon da ist ein Aufatmen bei den vielen Angehörigen, Freunden und Kollegen hörbar. Im Vorfeld standen 8 Jahre zur Diskussion. Warum so "niedrig"? Richter Fillinger erklärt eine zweifache Verschiebung des Strafrahmens, die unter anderem der Vorgeschichte geschuldet ist. Zum einen blieb die Tat sprichwörtlich im Versuchsstadium stecken, wenn auch haarscharf und zufällig. Das Beil durchschlug die kräftige Nackenmuskulatur - bis ein, zwei Zentimeter vor das Rückenmark, so der Rechtsmediziner. Die Kollegen der Baufirma leisteten beherzt Erste Hilfe - und sahen dabei die Wirbelsäule.

Die zweite Verschiebung - auf letztlich einen Strafrahmen von 6 Monate bis elf Jahre - ist einem Täter-Opfer-Ausgleich zu verdanken. Der Angeklagte hat im Vorfeld 10000 Euro an das Opfer überwiesen. Das Gericht honoriert seine Entschuldigung und Reue.

Mehrere Beschwerden

Dem Angeklagten könne kein Vorwurf gemacht werden, die Firma nicht verlassen zu haben: "Ein Opfer - und das war er damals - muss einem Täter nicht weichen", sagt Fillinger. Drei Mal beschwerten sich Mitarbeiter bei der Firmenleitung über den Vorarbeiter: "Warum das dann in dem Betrieb nicht aufgefallen sein soll, weiß ich auch nicht." Drei Tage vor der Tat rief man die Geschäftsführer aus diesem Grund zu einer Baustelle nach Auerbach. Die Chefs sprachen mit dem Vorarbeiter. Sie hatten vor, das Team endgültig zu trennen. Soweit kam es nicht mehr.

Verteidiger Franz Schlama plädierte auf gefährliche Körperverletzung und 3,5 Jahre Haft. Jahrelang habe der Angeklagte Ruhe bewahrt: "Dann ist das Fass übergelaufen." Der 39-Jährige habe ohne Tötungsabsicht gehandelt. Sein letztes Wort: "Es tut mir leid. Ich werde die Strafe nehmen müssen, die ich kriege."

Wer Wind sät, wird Sturm ernten. Schlechtes wird mit Schlechterem vergolten. Das heißt aber auch, dass die Vergeltung schlecht ist.Oberstaatsanwalt Rainer Lehner

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