Glaskugel-Fahrt oder Arbeit von zu Hause?
Zukunftsvisionen

Drohnen und Glaskugeln: Neben den Transportmitteln könnte sich auch die Berichterstattung der Zukunft stark verändern: Ein Gedankenspiel. Montage: Veron Beqa (2)
 
Durch den technischen Fortschritt fällt die Arbeit zu Hause wesentlich leichter.

Der technische Fortschritt ist nicht aufzuhalten. Wir haben einmal verrückt gesponnen, wie die Welt und unsere Arbeit in 30 Jahren aussehen könnten. Vielleicht gibt es bald überall Drohnen, autonom fahrende Autos und technische Implantate - oder vielleicht sieht die Zukunft auch ganz anders aus?

Mit Glaskugel-Transport-System und E-Notizbuch ins Jahr 2047

Von Dominik Konrad

Die Glaskugel des kommunalen Weidener Transport-Systems hält vor dem Oberpfalz-Medienzentrum. Kollegen gehen durch die Eingangstür. Überall ist das Klicken der startenden elektronischen Sprach-Assistenten zu hören. "Guten Morgen, Dominik. Deine Anmeldung bei Oberpfalz-Medien wurde bestätigt", murmelt es in mein Ohr-Implantat. "Verbindung zur Weidener Redaktion hergestellt. Soll ich dir einen Kaffee kochen?" Die Dschungel-Treppe im verglasten Treppen-Treibhaus führt in den ersten Stock. Vorbei an den Gelbbrust-Aras winden sich die Stufen um den Mahagoni-Baum. In meinem Iris-Implantat blinken Nachrichten auf: "Wirtschaftswunder in Syrien: Wiederaufbau in vollem Gang", "Russischer Bürgerkrieg erreicht Moskau", "Schwarz-Grüne Koalition plant Reform des Telepathiegesetzes".

Als ich mich gerade auf den Gymnastikball an meinem Multifunktionsarbeitsplatz setze, unterbricht mich die Ressortleiterin: "Dominik, in der Drohnen-Zentrale der Post hat es gebrannt. Aktuell werden keine Pakete ausgeflogen. Die Abonnenten diskutieren auf OM-Social." Sie drückt mir ein E-Notizbuch in die Hand. "Ich habe dir die Artikel und die Diskussion da rauf geladen. Die Leute wollen ihre Pakete! Vielleicht schwebt unser Foto-Filmer noch vorbei. Nimm dir aber auf jeden Fall eine Kamera-Drohne mit. Wir brauchen einen Videobeitrag und einen Bericht fürs Onetz. Und bitte denk daran, dass du die Fragen in einer sinnvollen Reihenfolge stellst. Bei unserem neuen Premiumangebot können die Abonnenten das ja sofort auf ihre Iris-Implantate aufspielen."

Normalerweise fliegen über dem Zustellzentrum in Tröglersricht bei WeidenSchwärme an Post-Drohnen wie aus einem Bienenstock. Doch heute ist alles ruhig. Es riecht nur ein wenig verbrannt. Vor der Drohnen-Zentrale warten die Zustell-Planer, Lkw-Fernsteuerer und Maschinen-Programmierer. Der Chef-Pilot des Werks steht mit seinen Mitarbeitern verloren vor dem Werktor. Er berichtet vom Brand. Im Iris-Kurznachrichtendienst flackert eine Nachricht der Ressortleiterin auf: "Fotofilmer ist mit Ministerpräsidentin Ilse Aigner noch auf der Einweihung der Glaskugel-Schnelltransport-Brücke. Du musst bitte selber fotografieren."

Einige Zeit später ist der Videobeitrag im Kasten und der Artikel geschrieben. Ich melde mich ab und schalte die Medien-Implantate aus. Abends geht es noch zur Stadtratssitzung nach Windischeschenbach. Die Räte streiten sich seit Jahren mit den Zoigl-Wirten über den Bau eines Cyber-Funparks mit virtuellen Autorennen und Fußball in erweiterter Realität. Die Wirte sagen, das mache die Zoigl-Kultur kaputt. "Den Termin mache ich ohne technische Hilfsmittel", denke ich und zücke Block und Stift.

Kuscheldecke statt Konferenz

Von Marion Espach

Meistens sitzen wir bei Konferenzen alle an einem Tisch, verbringen die Mittagspause mit Kollegen und es ist immer jemand da, an dessen Bürotür man klopfen kann. Oder es gibt immerhin einen Schreibtisch, an dem man vorbeischauen kann. Ob das in 30 Jahren immer noch so ist? Wahrscheinlich nicht. Der technische Fortschritt macht ja bekanntlich vor nichts Halt - erst recht nicht vor dem kollegialen Miteinander.

Warum in der Redaktion arbeiten, wenn es auch von zu Hause aus geht? Gemütlich auf der Couch sitzen, eingekuschelt in eine Decke und mit einer heißen Tasse Tee in der Hand - keine schlechte Vorstellung. Möglichkeiten dazu gibt es schon jetzt, in ferner Zukunft sicher noch bessere. Man will lieber mit der besten Freundin shoppen gehen, im Freibad in der Sonne brutzeln oder im Fitnessstudio schwitzen, als über Termine der nächsten Tage sprechen? Dank moderner Geräte und Systeme ist das kein Problem. Über Telefonkonferenzen oder Facetime-Anrufe wie wir sie heute kennen, werden wir in ein paar Jahren - oder Jahrzehnten - lachen.

Redakteuren stehen im Jahr 2047 wahrscheinlich selbstbestimmte und ortsunabhängige, aber auch einsame Arbeitstage bevor. Kollegen sieht man hauptsächlich über Bildschirme. Tablet-ähnliche Geräte, soziale Netzwerke und Message-Dienste - wie auch immer die aussehen werden - lösen persönliche Gespräche, Kaffee- und Raucherpausen ab. Der Austausch dauert nur so lange wie nötig, Informationen beschränken sich auf das Wesentliche. Die Folge: Kollegen dienen nur als Info-Quelle, als Mensch treten sie in den Hintergrund.

Nicht, dass wir heute Zeit für stundenlange Gespräche haben, aber immerhin für ein paar persönliche Worte. Wie der Kollege am Schreibtisch neben uns tickt, was er in seiner Freizeit gerne macht und was ihn auf 180 bringt, sollten wir am besten jetzt herausfinden. Wer weiß, ob wir in ein paar Jahren noch die Möglichkeit dazu haben.

Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.