08.02.2018 - 20:12 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Harald Grill liest am Augustinus-Gymnasium aus Roman "Hochzeit im Dunkeln" Liebe, Leid und Leben

Uralte Reclam-Heftchen, Grammatik und öde Theorie: Deutschunterricht kann langweilig sein. Aber nicht, wenn die Klasse ein eigenes Projekt startet - und Schriftsteller Harald Grill zu einer Lesung einlädt.

Die Schüler und Lehrerin Daniela Meidinger (links) lauschen gespannt Harald Grills Erzählungen. Bild: Schönberger
von ​Tina Sandmann Kontakt Profil

Michael kommt nach drei Monaten aus dem Zweiten Weltkrieg heim. Doch nicht als gefeierter Held. Er hat ein Bein verloren. Für den Vater, einen Landwirt, ist das eine Katastrophe: Der Sohn ist zu nichts mehr zu gebrauchen und schläft bis 10 Uhr vormittags. Michael tut sich schwer, wieder daheim. Er verliebt sich in das schlesische Flüchtlingsmädchen Adelheid - und findet neuen Halt.

Schriftsteller Harald Grill erzählt in seinem Roman "Hochzeit im Dunkeln" die Leidensgeschichte seines Vaters und die Liebesgeschichte seiner Eltern. Die Klasse 10b des Augustinus-Gymnasiums hatte den Autor eingeladen. Im Deutschunterricht arbeiteten die Schüler mit Lehrerin Daniela Meidinger seit Weihnachten an einem Unterrichtsprojekt zu Grills Roman. Die Jugendlichen charakterisierten die wichtigsten Figuren und diskutierten geschichtliche Themen wie Heimatvertriebene, Entnazifizierung und Besatzung.

Der Höhepunkt des Projekts war die Lesung vergangene Woche. Grill gab den Schülern einen Einblick in die Entstehung des Romans. Der Vater - im Buch Michael - steht im Mittelpunkt. "Ich wollte mich in ihn hineinversetzen", sagte Grill. Dafür nahm er einiges auf sich: Er legte eine Schraube in seinen Schuh und lief vom Bahnhof in seinen Heimatort. "Ich habe geflucht, weil ich Schmerzen hatte. Diese Schimpferei habe ich ins Buch einfließen lassen."

Grill hatte vorher geplant, die Geschichte seiner Eltern abwechselnd aus Sicht des Vaters und der Mutter zu erzählen. "Doch meine Mutter sagte nichts." Er beschloss, Interviews zu führen. "Meine Tante Maria hat mir drei Stunden lang ins Diktiergerät gelabert." Grill recherchierte auch im Deggendorfer Zeitungsarchiv. "Ich habe von Skandalen im Krankenhaus gelesen und wusste jeden Tag, wie damals das Wetter war." Der Autor empfand die Stimmung damals nach. "Ich bin in diese Zeit eingetaucht." Er verwendete 80 Prozent seiner Notizen nicht. "Aber ich wusste, wie sich die Leute fühlten."

Grill erklärte den Schülern, wie er einen Roman konstruiert: "Ich spanne in meinem Zimmer eine Wäscheleine. Von Bücherregal zu Bücherregal und wieder zurück. Da hänge ich meine Notizen und Ideen auf." Dabei gehe er immer nach dem gleichen Schema vor: Zuerst denkt er sich den Anfang aus, dann das Ende. "Die Geschichte ist der Weg."

Die Vergangenheit seiner Eltern, die Grill im Roman erzählt, ist in Wahrheit ein bisschen anders abgelaufen. "Ich habe die Geschichte neu komponiert." Das gefiel Grills Mutter so gut, dass sie in ihren letzten Lebensjahren den Roman als Lebensgeschichte erzählt hat. "Sie hat es akzeptiert, dass ihre Geschichte ein bisschen anders klingt, als es in Wirklichkeit war."

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