24.03.2017 - 20:06 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Historiker Dr. Sebastian Schott im Interview über den Hitlerbesuch in Weiden "Züge einer Tragikkomödie"

Der neue Band der "Oberpfälzer Heimat", erhältlich für 12,90 in den Weidener Buchhandlungen und im Stadtarchiv, hat gute Karten, ein Bestseller zu werden. Zu verdanken wäre das - neben allen anderen lesenswerten Beiträgen - dem historischen Aufsatz von Dr. Sebastian Schott, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadtarchivs. Er beschreibt auf 32 Seiten den Besuch Adolf Hitlers in Weiden 1932.

Dr. Sebastian Schott. Bild: Hartl
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Ich muss ehrlich gestehen: Ich habe Ihren Aufsatz über die Hitler-Rede am Hammerweg wie einen Krimi verschlungen, der an manchen Stellen einer gewissen Komik nicht entbehrt.

Sebastian Schott: Wie fast alles, was die NS-Ortsgruppe in der sogenannten Kampfzeit, also in den Jahren vor 1933, anging, hatte auch der Hitler-Besuch Züge einer Tragikkomödie. Typisch für die Weidener NSDAP: großspurig und dann total überfordert. In dem Fall haben mir die örtlichen Nationalsozialisten schon beinahe leid getan, so gnadenlos wurden sie von der oberen Parteileitung in München ausgenutzt. Sie mussten kurzfristig unmögliche Auflagen erfüllen und blieben am Ende auf den Kosten sitzen.

Warum beschäftigten Sie sich gerade jetzt mit diesem Thema?

Schott: Wie das oft so ist: Ich habe im Archiv eigentlich etwas ganz anderes gesucht. Im Findbuch habe ich dann entdeckt, dass es zum Besuch Adolf Hitlers eine ganze Akte gibt. Ich war selbst überrascht, dass das so eine interessante Geschichte ist.

Viele haben vom Hitler-Besuch noch nie gehört - wie kommt's?

Schott: Das hat mich auch gewundert. Im Prinzip ist das ja kein Geheimnis, wird von Bernhard M. Baron in "Eine Stadt wird braun" auch kurz erwähnt. Aber in 85 Jahren hat das niemand richtig recherchiert.

Erschreckend, dass Zeitungen und Zuhörer die Situation offenbar komplett unterschätzten. Der Oberpfälzische Kurier, Vorläufer unserer Zeitung, schrieb: "Die Partei Adolf Hitlers ist dabei, langsam und sicher abzusteigen."

Schott: Weiden war ein hartes Pflaster für die NSDAP. Gerade die nördliche Oberpfalz war eine Gegend, wo die Nationalsozialisten bei freien Wahlen niemals aus eigener Kraft eine entscheidende politische Position erreicht hätten. Hitler ratterte in einer halben Stunde eine lustlose Standardrede herunter, um dann sofort wieder abzuhauen. Auch wenn das für viele sicher ein Erlebnis war. Man muss sich das vorstellen: Ein Zelt für 15 000 Menschen in einer Stadt mit 27 000 Einwohnern. Das war völlig jenseits von Gut und Böse. Selbst wenn das Zelt nicht voll war, sind 7000 bis 8000 Zuhörer - größtenteils allerdings nicht aus Weiden selbst - schon eine beachtliche Menge.

Gewirkt scheint es ja zu haben.

Schott:
Tatsächlich kam die NSDAP im November 1932 in Weiden auf über 20 Prozent und überholte die SPD. Dabei büßte die NSDAP bei diesen Reichstagswahlen eigentlich zwei Millionen Stimmen ein.

Der Hitler-Besuch hatte ein juristisches Nachspiel. Der Zeltverleiher engagierte Anwalt Dr. Franz Joseph Pfleger, um an sein Geld zu kommen. Pfleger erwirkte die öffentliche Versteigerung des Mobiliars der NS-Kreisleitung vor dem Büro in der Ringstraße: Aktenschrank, Stühle, Schreibmaschine...

Schott: Pfleger wusste, dass der Erlös nie reichen würde, um die Schulden zu decken. Er wollte als Vertreter der Bayerische Volkspartei die Nazis vorführen. Wenn er geahnt hätte, dass die ein halbes Jahr später an der Macht sind... Ach, er hätte es wohl trotzdem getan. Pfleger war ein sehr mutiger Mann, der seine jüdischen Mandanten bis zum Schluss vertreten hat. Ab 1933 wurde er mehrfach verhaftet.

Sehen Sie Parallelen zu aktuellen politischen Konstellationen?

Schott: Nein, im Gegenteil. Ich halte es für höchst problematisch, jede rechte Gruppierung als rechtsradikal zu bezeichnen. Das ist eine Verharmlosung des Dritten Reiches. Man muss die AfD nicht mögen, Wilders nicht und Le Pen. Das sind Rechte, zum Teil sogar Feinde einer westlichen parlamentarischen Demokratie. Aber man sollte sich bewusster werden, dass Nationalsozialisten Leute sind, die extremistischen Judenhass predigen, die Europa mit Krieg verändern wollen und bereit sind, ihre Gegner in Konzentrationslager zu stecken. Das ist schon noch mal etwas anderes. (Seite 32)

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