29.03.2017 - 08:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Holocaust-Überlebender Ernst Grube im Zeitzeugengespräch mit Wirtschaftsschülern Jeden Tag Angst

Ausgrenzung und Tod bestimmen die Kindheit von Ernst Grube: Der 84-Jährige hat den NS-Terror überlebt. Im Zeitzeugengespräch mit Schülern der Wirtschaftsschule spricht er darüber.

Der Mann hat viel durchgemacht: Ernst Grube erzählt in der Wirtschaftsschule von der NS-Zeit. Bild: Schönberger
von Julian Trager Kontakt Profil

Ruhe. Keiner flüstert, keiner schwätzt. Die Neunt- und Zehntklässler der Gustl-Lang-Schule kleben dem Mann vor der Tafel förmlich an den Lippen. Ungewöhnlich - denn es ist Freitagmittag, kurz vorm Wochenende.

Das liegt an Ernst Grube. Der 84-jährige Jude hat den NS-Terror als Kind und Jugendlicher überlebt. Im Zeitzeugengespräch erzählt der Münchener viel, seine Worte wählt er aber mit Bedacht. "Der Garant meines Überlebens war mein Vater", sagt Grube. Da dieser evangelischen Glaubens war, sind Grube, seine Mutter und seine zwei Geschwister dem Tod entronnen. "Hätte sich mein Vater scheiden lassen, wäre ich jetzt nicht hier."

Angst vor dem Sterben hatte Grube, der 1932 geboren wurde, trotzdem. Knapp drei Monate vor dem Kriegsende wurde er mit Mutter und Geschwister ins Konzentrationslager nach Theresienstadt gebracht. Jeden Tag stellte er sich dort die Frage: "Wird es ein Morgen geben?" Es gab ihn. Am 8. Mai kam die Rote Armee, am 26. Juni war die Familie wiedervereint mit dem Vater in München.

Der Tod war in seiner Kindheit stets präsent. Nachdem die Nazis der Familie das Haus wegnahmen, wurden die drei Kinder im Herbst 1938 in ein jüdisches Heim gesteckt. 46 Kinder lebten dort, nur 8 überlebten die NS-Zeit. Beim ersten Transport aus München in ein Vernichtungslager waren 23 Kinder aus der Unterkunft dabei. "Die Gemeinschaft war auf einmal zerstört", sagt Grube. Das Leben im Heim hat er in guter Erinnerung: "Ein Ort der Geborgenheit." Im Frühjahr 1942 lösten die Nazis die Einrichtung auf. Grube musste in ein Ghetto. Dort lebte er in einer kleinen, völlig überfüllten Baracke ohne Klo. "Da gab es keinen privaten Raum", erinnert sich der heute 84-Jährige.

Schon als kleiner Bub musste Grube einen Judenstern tragen. Er durfte nicht in die Schule, in keine Vereine. Wie es sich anfühlt, gezeichnet zu sein? "Das kann man sich gar nicht vorstellen." Bespuckt, geschubst und beleidigt sind er und seine Freunde worden. Die heutige Situation der Flüchtlinge in Europa erinnert ihn oft an damals. Er denkt an die Ängste der Geflüchteten, wie wenig Hoffnung sie haben. Grube stellt aber klar: "Die Verhältnisse sind nicht vergleichbar zu damals." Die Juden hatten zur NS-Zeit keine Rechte, die Flüchtlinge schon. Heute gibt es viele Menschen, die helfen. "Die Solidarität mit Geflüchteten ist wichtig."

Organisiert wurde das Gespräch von "Arbeit und Leben" im Rahmen der Ausstellung "Endstation Vernichtung". Schulleiter Thomas Reitmeier ist beeindruckt: "Ein sehr bewegender Vortrag." Veranstalterin Ursula Soderer dankt den Schülern für ihre Disziplin und schmunzelt: "Wenn's denn das nächste Mal im Unterricht auch so wär."

Wird es ein Morgen geben?Ernst Grubes Gedanken im KZ Theresienstadt

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