24.03.2017 - 15:28 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Im Oktober 1932 sprach Adolf Hitler bei einer Wahlkampfveranstaltung am Hammerweg in Weiden: Warmes Mineralwasser für den "Führer"

13. Oktober 1932. Mitternacht. Adolf Hitler spricht eine halbe Stunde im Festzelt auf dem Gelände des Turnerbundes. Der Völkische Beobachter berichtet von "jubelndem Beifall der vieltausendköpfigen Menge". Ein recht bekannter Weidener notiert in seinem Tagebuch: "ein Großmaul".

Das einzige Foto. Adolf Hitler betritt am 13. Oktober 1932 gegen 23.30 Uhr das Festzelt auf dem TB-Gelände. Aufgenommen hat das Bild Fotograf Friedrich Hoffer, einer von zwei zugelassenen Fotografen an diesem Abend. Bilder: Stadtarchiv Weiden (3)
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Historiker Dr. Sebastian Schott hat den Hitler-Besuch bis ins Detail recherchiert. Er beschreibt einen perfekt durchgestylten Wahlkampf-Auftritt. Hitler zeigt Star-Allüren. Vorab gibt seine Münchner "Privat-Kanzlei" genaue Anweisungen durch. Kein Rednerpult. "Der Führer spricht frei." Dafür ein Tischchen am Rand der Bühne, darauf eine Flasche geschlossenes "Fachinger" Mineralwasser, zimmerwarm, mit Glas. Rauchverbot im Zelt, um Hitlers Stimme zu schonen. "Das Werfen von Blumen hat zu unterbleiben."

Die Kanzlei weist weiter an: "Vor dem Führer spricht ein guter Redner, bei Nichteinhaltung spricht der Führer überhaupt nicht." Nach ihm spricht niemand. "Die Rede Adolf Hitlers wirkt durch sich selbst." Sollte aus den Reihen der Zuhörer das Deutschlandlied angestimmt werden, sei es nach Absingen einer Strophe mit einem "Heil" abzubrechen, "da erfahrungsgemäß die meisten Anwesenden den Text der weiteren Strophen nicht beherrschen".

Für Zelt verschuldet

Die Weidener Nationalsozialisten stellen die Rede gern als überraschend dar. Für die Organisation wären nur 72 Stunden geblieben. Das ist laut Schott nicht ganz korrekt. Schon in den ersten Oktobertagen hat die Gauleitung aus Regensburg die Nachricht geschickt, dass der Führer bei seiner großen Propagandareise durch Deutschland "höchstwahrscheinlich" auch nach Weiden komme. Die Stadt gilt als nationalsozialistische Diaspora. Der Völkische Beobachter, Kampfblatt der Nationalsozialisten, nennt Weiden eine "schwarz-rote Fabrikstadt".

Die NS-Ortsgruppe mietet ein 15 000-Mann-Zelt. Koste es, was es wolle. Der erst 26-jährige Hans Wöhrl, Leiter der örtlichen NSDAP, haftet persönlich. Das dreischiffige Zelt ist 39 Meter breit, 72 Meter lang und hat eine Fläche von 2808 Quadratmetern. Warum ausgerechnet beim Turnerbund am Hammerweg? Zu den prominentesten Nationalsozialisten der Stadt zählt der Leiter des Krankenhauses, Dr. Ernst Stark, zugleich Vorsitzender des TB. 50 Mann graben Löcher für das Gerüst in den Sportplatz. Schon der Aufbau wird von der Propagandapresse inszeniert: "Der Himmel goss ihnen stundenlang Regenströme in den arbeitsgebeugten Nacken." Am 13. Oktober um 17 Uhr steht das Zelt.

Eine Stunde später öffnen die Abendkassen. Der Besuch kostet eine Reichsmark - die Ortsgruppe versucht, die gröbsten Unkosten zu decken. Die Nationalsozialisten werben überregional für das Ereignis. Die Regensburger NS-Zeitung "Schaffendes Volk" ruft zur Fahrt nach Weiden auf: "Adolf Hitler spricht in Weiden. An diesem Tage legen die Oberpfalz und Niederbayern ihr Treuegelöbnis ab." Ein Inserat im Weidener Anzeiger wirbt für die "Gewaltige Hitlerkundgebung - Oberpfälzer erscheint in Massen". Es fahren Sonderzüge aus Eslarn, Marktredwitz, Schwandorf...

Wie viele Zuhörer kamen? Über 10 000, sagen die Nationalsozialisten, korrigieren später auf 9000. Als Beweis wird im Völkischen Beobachter ein Panoramabild veröffentlicht, das ein Meer an Köpfen zeigt. Der Oberpfälzische Kurier, Vorläufer unserer Zeitung, beziffert die Zahl auf 5000 bis 6000 Zuhörer, darunter etwa 1500 "Uniformierte in Braun". Der Regierungspräsident schätzt 7000 bis 8000.

Die Kundgebung beginnt um 20 Uhr. Hitler ist der NS-Ortsgruppe für 22 Uhr angekündigt. Es ist für ihn der dritte Auftritt des Tages. Er kommt aus Nürnberg. Ab 20 Uhr halten sich drei SS-Männer mit Motorrädern an der Weidener Glasfabrik bereit. Sie geleiten den Hitler-Tross ab der Bahnunterführung (Regensburger Straße) zum Hammerweg.

Im Zelt beginnt das große Warten. eine Bayreuther Blaskapelle spielt Marsch um Marsch. Der Wind rüttelt an den Zeltwänden. Der "Führer" verspätet sich um Stunden. Selbst für eifrige Chronisten wird es schwierig, aus der Warterei noch Pathos zu holen: "Und nun warteten die Massen auf ihn, zu dem sie eilen. Lange dauerte es. Von Zeit zu Zeit ging es wie ein Wallen durch die Massen und sie meinten schon er komme und die Augen durchglühte ein tieferes Leuchten. Aber dann musste die Erwartung wieder zurücksinken ins Gedulden. Nirgends musste so ein heißer Kampf um die Seelen zwischen Hitlers Boten und einer oft feindseligen Geistlichkeit ausgefochten werden wie in diesen armen weltverlassenen Gebieten einstiger Hussitenräubereien." Die Wartezeit wird mit Reden der Gauleiter überbrückt.

Um 23.30 Uhr betritt Hitler die Bühne. Zehn Minuten dauert es laut Völkischem Beobachter, bis sich der Jubel so weit legt, dass "der Führer mit einem Heil willkommen geheißen werden kann". Der 43-Jährige spricht bis 0.15 Uhr. Die Rede wird mitstenographiert: "Auch wenn mir das Schicksal heute die Macht gibt, so sehe ich das Schicksal und seine Vollendung nicht darin, dass ich mit 100 000 Mann eine Regierung begründe, sondern darin, dass ich mit den mir zur Verfügung stehenen Mitteln das Werk der Befreiung des deutschen Volkes erst recht weiterführe. (...) Der Kampf wird kein Ende nehmen, bis nicht die geistig überalterte Schicht zurückgetreten ist, bis über diesem ganzen Wirrwarr von Bürgertum und Proletariat sich doch erhebt eine deutsche Nation."

Rätsel um Nacht danach

Noch "während die Menge das Deutschlandlied singt, schreitet Hitler mit seiner Begleitung zum Wagen", so der Völkische Beobachter. Es ist nicht gesichert, wo er die Nacht verbrachte, ob er in Weiden blieb oder weiterreiste. Seine Unterkünfte unterlagen strenger Geheimhaltung. Es gibt ein nicht belegbares Gerücht, wonach Hitler die Nacht in der Ullersrichter Villa des Physik-Nobelpreisträgers Prof. Johannes Stark verbrachte. Fest steht: Am nächsten Tag sprach er in Hof und Selb.

Die Presse ist geteilter Meinung (Kasten). Unter den Zuhörern waren auch einige Neugierige, die daheim vom Erlebten berichten. Darunter Max Lindner, der Sohn von Regers Musiklehrer Adalbert Lindner. Sein Vater schreibt in sein Tagebuch: "Nur halbe Stunde. Hat hier allgemein enttäuscht. Die alten Phrasen. Ich habe das Gefühl, dass man von dem Großmaul H. bereits stark abzurücken beginnt." Wie man sich täuschen kann. Am 30. Januar 1933 wird Hitler zum Reichskanzler ernannt.

Stimmen zur Hitler-Rede 1932 in Weiden

Wie nicht anders zu erwarten war, feiert die Nazi-Presse den Auftritt als großen Triumph. Der Völkische Beobachter titelt: "Des Führers Siegeszug durch Bayerns Gaue" .

Der Oberpfälzische Kurier nennt Hitlers Auftritt "Viel Lärm um Nichts" . Hitler habe mit steigernder Erregung gesprochen, aber nichts Neues berichtet, nur wieder "die ganze Macht für sich" beansprucht. Die katholisch-konservative Zeitung sieht den Nationalsozialismus deutschlandweit auf dem absteigenden Ast. Ihr Urteil: "Eine ungeheure Ernüchterung hat im Volk Platz ergriffen."

Gleiches gilt für den Regierungspräsidenten, der nach München Entwarnung durchgibt: "Es bestehen Anzeichen dafür, dass viele ehemalige Bauernbündler, die der Hitler-Psychose erlegen waren, nunmehr zur alten Partei zurückkehren werden."

Die "Volkswacht" aus Regensburg nimmt den kleinen Mann mit dem Schnurrbart erst gar nicht ernst. "Über die Rede Adolfs ist wenig zu sagen. Es war die übliche Kraftmeierei. Immer nur ich und wieder ich. Gar mancher Hitleranhänger wurde enttäuscht. So, das ist derjenige, der den Herrn über Deutschland spielen will? Diese Frage lag auf vieler Lippen. Sie hatten sich den Herrn anders vorgestellt. Seine Geste mit der Hand, sein unarisches Aussehen, die breite Nase und niedrige Stirn, seine Nervosität. Nach einem arischen Diktator sieht das nicht aus. Jahrmarktausverkäufer - weiter nichts." Das sozialdemokratische Blatt schließt: "Der Nimbus ist dahin, die Weidener Nazi haben ihren größten Trumpf ausgespielt." (ca)

Nur halbe Stunde. Hat hier allgemein enttäuscht. Die alten Phrasen. Ich habe das Gefühl, dass man von dem Großmaul H. bereits stark abzurücken beginnt.Tagebuch Adalbert Lindner

Interview mit Historiker Dr. Sebastian Schott über die Hitler-Rede in Weiden: "Züge einer Tragikkomödie"

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