20.01.2017 - 18:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Immer weniger können schwimmen: Eine 63-Jährige will es lernen Maria schwimmt

Mehr und mehr Erwachsene können sich nicht sicher im Wasser bewegen. Aber nur wenige haben den Mut, etwas dagegen zu unternehmen. So wie Maria, 63 Jahre alt und Schwimmschülerin.

von Franz Kurz Kontakt Profil

Die gleiche Bewegung. Immer wieder. Beine ausstrecken und aneinander drücken, Fersen Richtung Po, die Füße in einem U-förmigen Schwung nach hinten, Beine wieder aneinander. Und alles von vorne. Maria hat zu Hause trainiert während der Weihnachtspause. Ausstrecken, anziehen, Schwung. Einmal, zweimal, unzählige Male. Trockenübungen.

Früher Abend. Draußen fegt der Wind Schneeflocken über den Parkplatz des Realschulhallenbades. Drinnen steht die Luft, heiß und schwül. Maria steigt die Treppe hinab ins kleine Becken, Wassertemperatur 28 Grad. Sie greift ein Schwimmbrett und treibt sich mit den Beinen nach vorne. Ausstrecken, anziehen, Schwung.

Immer alleine

Eine halbe Stunde zuvor war hier noch ein Haufen Kinder. Sie schrieen, klatschten, platschten und feuerten sich gegenseitig an. Schwimmkurs für absolute Anfänger. Die Ältesten 7 Jahre alt, die Jüngsten 4. Maria ist 63. Wenn sie steht, reicht ihr das Wasser bis über die Hüfte. Wenn sie sich hineinlegt, ohne Brett, bekommt sie ziemlich schnell ein Problem.

Maria kann nicht schwimmen. Noch nicht jedenfalls. Sie hat es einfach nie gelernt, sagt sie. In der Schule nicht, von den Eltern nicht. Jetzt sollen es ihr Bernhard Zach und Susanne Römisch beibringen. Die beiden geben im Realschulbad Kurse im Auftrag des Schwimmvereins (SV). Meistens für Kinder, so wie vor einer halben Stunde. Manchmal aber auch für Erwachsene, so wie für Maria. Kinder üben immer in Gruppen, da lernen sie am besten, sagt Zach. Erwachsene üben immer allein, möglichst dann, wenn sie kaum einer sieht. "Das Problem bei Älteren ist, dass sie sich schämen."

Für Maria gilt das allerdings nur bedingt. Eigentlich gehe sie ja offen damit um, dass sie nicht schwimmen kann, sagt sie. "Das hat ja nichts mit Dummheit zu tun, das ist Koordination." Trotzdem müsse es nicht jeder wissen. Es kämen halt doch immer wieder Sprüche. Außerdem habe sie eine leitende Position in der Arbeit, weshalb sie auch ihren Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen will. Wenn ihr Team wüsste, dass die Vorgesetzte sich nicht mal über Wasser halten kann ... Denn die, sagt Maria, "können bestimmt alle schwimmen".

Zwei Auffälligkeiten

Oder auch nicht. Darauf deuten zumindest Zahlen der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft hin. "Anfang der 90er hatten wir noch eine Schwimmfähigkeit von 90 Prozent in der Gesamtbevölkerung", erklärt Achim Wiese, Sprecher beim DLRG-Bundeszentrum. Bei Umfragen von 2004 und 2010 gaben dann 20 Prozent und mehr an, nicht oder nur schlecht schwimmen zu können.

Besonders auffällig sind dabei zwei gegensätzliche Gruppen: Bei der Generation Ü 60 und bei Kindern am Ende der Grundschulzeit ist der Anteil der Nicht- oder Schlechtschwimmer überdurchschnittlich. Die Älteren seien in einer Zeit aufgewachsen, in der es noch nicht so viele Hallenbäder gegeben habe. Bei den Jungen mache sich bemerkbar, dass inzwischen viele Bäder wieder geschlossen hätten, erklärt Weise. Einige Schulen könnten den Kindern deshalb keinen Schwimmunterricht anbieten. Obendrein fehle Lehrern oft die nötige Qualifikation.

Zahlen für Weiden gibt es nicht. Nur recht unterschiedliche Erfahrungen. Schwimmlehrer Zach bietet auch Kurse für Realschüler. Da habe etwa jeder Zehnte Förderbedarf, berichtet er. Ganz anderes hat Andrea Glaubitz, Vorsitzende der DLRG Weiden, erlebt. Vor einem Jahr habe sie zusammen mit dem Schwimmverein Kurse für eine vierte Klasse angeboten. Die Hälfte der Schüler habe sich einen der Gutscheine geholt.

Eine Generationenfrage

"Das hört sich jetzt platt an", sagt Glaubitz. Aber die Gesellschaft habe sich nunmal gewandelt. Mehr Alleinerziehende, mehr Familien, in denen beide Eltern arbeiten, mehr Zeit am Computer statt draußen am See - so bleibe das Schwimmen eben oft auf der Strecke.

Bei Maria hatte es ebenfalls mit der Gesellschaft zu tun - mit der zu ihrer Zeit. Ihre Eltern hätten in ihr eine angehende Hausfrau gesehen. Wozu sollte sie dann so etwas lernen? In anderen Fällen ist es schlicht Angst, erläutert Glaubitz, die selbst Kurse für Erwachsene anbietet. Ein typisches Beispiel ist für sie der Mann, der als Kind in einen Weiher gefallen war. Seither traute er sich nicht ins Wasser. Als er selbst Kinder bekam, wollte er aber doch mit ihnen schwimmen. Er kam zu Glaubitz. Sie triff ihn inzwischen regelmäßig in der Thermenwelt.

Etwa drei Erwachsenenkurse hält Glaubitz ehrenamtlich im Jahr. Die Nachfrage würde auch mehr erlauben. Noch größer dürfte allerdings die Zahl derjenigen sein, die sich nicht trauen. Einzugestehen, dass man als Erwachsener nicht schwimmen kann, "das ist ja so, wie wenn man seine Seele offenlegt". Diese Hemmschwelle überhaupt zu überwinden, sagt Glaubitz, das schaffe nicht jeder. Umso mehr Respekt verdienten Menschen wie Maria.

Ausstrecken, anziehen, Schwung. Durchs große Becken des Realschulbads gleiten inzwischen Schwimm-Teams des SV. Schmetterling, Rücken - für die Acht- bis Elfjährigen geht es um Feinheiten bei der Technik. Für Maria im kleinen Becken nebenan um Grundlagen. Sie und das Schwimmbrett arbeiten sich weiter, Meter um Meter. Zach treibt sie vorwärts, erklärt, motiviert. "Einwandfrei!" "Sehr gut!" Marias Beine rudern. Für sie selbst. Und für ihre Enkelin.

Maria mag 63 sein. Zu alt für Neues ist sie nicht. Als eine Arbeitskollegin sie einmal fragte, was sie eigentlich im Ruhestand machen wolle, der ja auch bald ansteht, sagte sie: Klavierspielen. Maria dachte über das Gespräch nach. Und fing an. Zwei Jahre ist das her. Heute, sagt sie, spiele sie Beethoven und Tschaikowski. Es klinge vielleicht nicht ganz perfekt. Aber es sei trotzdem eine wunderbare Sache. Maria lächelt.

"Kann ja nicht sein"

Schwimmen lernen, das habe sie auch schon lange gewollt. "Den Ausschlag hat dann meine Enkelin gegeben." Fünf ist die, das Seepferdchen hat sie schon. Und nun soll sie eine Oma haben, die ihr nur vom Ufer aus zusieht? "Das kann ja nicht sein", sagt Maria. In der Zeitung las sie dann über Kurse beim SV. Maria rief an. Im November stieg sie mit den Trainern Zach und Römisch zum ersten Mal ins Wasser.

Wenn Maria vom Klavierspielen erzählt, trippeln ihre Finger in kleinen Bögen durch die Luft. Wenn sie übers Schwimmen spricht, rudern die Hände wild umher. Sie konnte sich auch schon vor ihrer ersten Kursstunde ein wenig über Wasser halten. Allerdings nur mit chaotischem, anstrengendem Strampeln. Zum richtigen Schwimmen "die absolut falschen Bewegungen", wie Zach sagt.

Kommen Erwachsene zu ihm, rede er erst einmal viel mit ihnen. Er wolle wissen, warum sie nicht schwimmen können. Ob sie Angst haben. Maria, das war schnell klar, hat keine. "Sie ist gleich voller Elan ins Wasser." Und dann voller Elan fast untergegangen. Seither versucht Zach, ihr die falschen Bewegungen aus dem Gedächtnis zu löschen. Und die richtigen einzutrichtern. Angefangen bei der Beinarbeit.

40 Bahnen, jede Woche

Wie lange es dauert, bis Erwachsene schwimmen lernen, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Geschafft hat es am Ende aber noch jeder der Schützlinge von Zach und auch von Andrea Glaubitz. Teils mit erstaunlichen Folgen. 15 Jahre ist es her, dass Glaubitz ihren ersten Erwachsenenkurs hielt. Der Teilnehmer: ein Mann Ende 50. Glaubitz sieht ihn noch heute jede Woche beim Training, wo er seine 40 Bahnen abspult.

Maria sagt, sie wäre zufrieden, wenn sie eine schafft. Ihr Trainer sagt, bis dahin dürfte es nicht mehr lange dauern.

Ausstrecken, anziehen, Schwung. Die Lektion sitzt langsam. Zach hat das Schwimmbrett an den Beckenrand gelegt. Nächste Übung. Maria soll es mit Beinen und Armen gleichzeitig versuchen. Ganz langsam. Ein Zug, noch einer, noch einer. Dann geht es nicht mehr. Maria sinkt, Zach muss sie stützen. Maria schnauft. Weit gekommen ist sie nicht, drei Meter vielleicht. Aber das ohne Gestrampel. "Rein technisch", erklärt ihr Trainer, "ist sie gerade zum ersten Mal geschwommen." Also gleich noch einmal. Und dann noch einmal. Maria lächelt, holt Luft und streckt die Beine aus.

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