08.03.2018 - 16:20 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

In der Tagespflege für Demenzkranke "pflegt man die Seele" Trauzeuge ist längst vergessen

Zum Kaffee am Nachmittag treffen sich alle Tagesgäste. "Dann singen wir gemeinsam voller Inbrunst ,Am Brunnen vor dem Tore ...'", erzählt Andrea Heumann. "Und Herr Hirsch bringt mit seiner Stimme die Hütte zum Beben."

Ein Zylinder, hier vorgeführt von Betreuungskraft Irene Biller, Brautschleier, Hochzeitsfotos und Eheringe frischen das Gedächtnis der Tagesgäste in punkto Hochzeit wieder auf. Bild: Schönberger
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Alfons Hirsch hat wirklich einen beeindruckenden Bass. Das wird schon bei der Themenstunde am Vormittag deutlich. "Hochzeit" lautet das Thema diesmal. Irene Biller, Betreuungskraft in der Tagespflege für Demenzkranke der Firma Sonnenschein, hat den betreffenden Karton ausgepackt. Auf rotem Samt liegen jetzt ein Zylinder, ein Schleier, Hochzeitsfotos, Brauthandschuhe und ein Kästchen mit Eheringen. Das meiste davon hat Pflegedienstleiterin Andrea Heumann zusammengetragen. "Ich hab das Fotoalbum meiner Eltern geplündert." Zum Wohl der Tagesgäste. Denn die sollen ihr Gedächtnis trainieren - und mit Hilfe von Gegenständen fällt das leichter.

Außerdem mit Hilfe von Liedern. Denn einige davon haben sich von kleinauf eingeprägt. Zum Auftakt der Themenstunde wird deshalb erst mal "Wenn ich ein Vöglein wär ..." angestimmt. Fast alle Anwesenden singen eifrig mit. Dann geht's los. Dass der Zylinder für den Bräutigam bestimmt war und der Schleier für die Braut, weiß Annemarie Hermann sehr gut. Besonders wichtig waren natürlich die Ringe. Die trug der Bräutigam in seiner Hosentasche, um sie später der Braut anzustecken. "Wer trägt seinen Ehering denn noch?", will Irene Biller - unterstützt von Praktikantin Tatjana Held - wissen. Drei Frauen und ein Mann melden sich.

Wo haben Sie Ihren Mann/Ihre Frau kennengelernt? Was musste man vor der Hochzeit auf der Gemeinde erledigen? Haben Sie Zuhause gefeiert oder im Gasthaus? Billers Fragen locken fünf der zehn Tagesgäste gut aus der Reserve. Sie erzählen, wie das bei ihnen so war. Bei den anderen hakt die Betreuungskraft immer wieder nach, um an Details zu kommen. Dabei zeigt sich: Ihren Trauzeugen haben die meisten vergessen. "Schließlich sind es schon 63 Jahre nach der Hochzeit", wie eine Frau betont. Nur Alfons Hirsch und Otto Striegl wissen noch, dass es bei ihnen der Onkel war. "Die Haare musste man schön machen", steuert Annemarie Hermann bei. "Schöne Schuhe, Blumen und ein Auto gehörten auch dazu."

Gemeinsam schmettert die Runde das Lied "Ein Vogel wollte Hochzeit machen". Die meisten haben ihre Hochzeit damals daheim gefeiert, in kleiner Runde. Trotz Wirtschaftswunder war bei vielen in den 50er Jahren noch Sparen angesagt. Dafür ist für so ein Ereignis aber "aufgekocht worden: Braten und so weiter", erzählt Alfons Hirsch. Fleisch gab es damals nur selten.

In dieser Gruppe erinnern sich die meisten noch relativ gut an ihre Hochzeit. Auch wenn nicht jeder ohne Aufforderung damit herausrückt. In der Gruppe II ist die Krankheit bei den Tagesgästen schon etwas weiter vorangeschritten. Neben Gedächtnisübungen steht bei ihnen viel Bewegung auf dem Programm: Ballspiele oder auch Luftballontennis, wobei Ballons mit Fliegenklatscher durch die Luft getrieben werden.

Singen gehört natürlich dazu: "Das weckt die Emotionen, das tut jeder gern", sagt Andrea Heumann. Und beim gemeinsamen Singen am Nachmittag bringt Alfons Hirsch wieder die Hütte zum Beben.

Singen, das weckt die Emotionen, das tut jeder gern.Andrea Heumann, Pflegedienstleiterin

Altenpflege: Für Andrea Heumann kein Job, sondern Berufung

"In der Tagespflege pflegt man die Seele"

Wenn jemand seinen Beruf lebt und liebt, dann Andrea Heumann. Die 52-Jährige sprudelt geradezu über, wenn man sie danach fragt. Kein Wunder: Bereits mit 14 Jahren wusste sie, dass sie Altenpflegerin werden will. "Aber man musste ja volljährig sein wegen des Schichtdienstes." Also machte sie erst eine Ausbildung als Hauswirtschafterin und ein einjähriges Praktikum in einem Altenheim, sie arbeitete als Stationshilfe und absolvierte einen Schwesternhelferinnenkurs, bevor sie die BRK-Altenpflegeschule in Weiden besuchen konnte. "Das war eine klasse Ausbildung. Eine der härtesten in Bayern, hieß es damals."

Den Anstoß für den Berufswunsch gab ein ehrenamtlicher Einsatz beim Caritas-Sonnenzug. "Ich habe damals vier alte Damen auf der Fahrt nach Passau betreut und hatte dann bis zu ihrem Tod Kontakt mit ihnen. Da wusste ich, das ist meins." Bereut hat sie diese Entscheidung nie.

1989 startete sie in ihren Traumberuf, wobei sie betont: "Altenpflege ist kein Job, sondern eine Berufung." Die junge Frau arbeitete sich hoch zur Pflegedienstleiterin, machte eine Zusatzausbildung als Gerontotherapeutin, die ihr in der Arbeit mit Demenzkranken sehr zugute kommt. Mit dem Wechsel zum Pflegedienst Sonnenschein Ende 2009 erfüllte sich ihr zweiter Traum. "Tagespflege ist, glaube ich, der Traum jeder Pflegekraft." Sie hat die erste Tagespflegeeinrichtung in Weiden, die vor kurzem vom "Waldheim" in die Pressather Straße umgezogen ist, damals mit vorbereitet und hier ihre Erfüllung gefunden.

Heumann will Seniorenheime nicht schlecht machen. Aber sie sieht für die Angestellten und die Gäste viele Vorteile in der Tagespflege. "Bei uns gibt's morgens keine Hektik mit Baden, Waschen, Anziehen. Zu uns kommen die Gäste bereits fertig gerichtet und beginnen den Tag mit einem gemütlichen Frühstück. Unser Ziel ist, dass es dem Gast gut geht."

Dabei gibt es keine Schnittstellen wie im Heim, meint Heumann, wo Hauswirtschaftskräfte für das Essen sorgen und Pflegekräfte für die Pflege. "Wir sind wie eine große Familie. Es geht alles ruhiger zu. Ich muss nicht von Zimmer zu Zimmer eilen, selbst wenn ich mir vorgenommen habe, für die Leute mehr Zeit zu haben. Unser Tagesablauf wird nicht unterbrochen von Ärzten, Besuchern oder dem Putzwagen." Ziel sei es, den Gästen einen schönen Tag zu machen. "Das lässt mich jeden Morgen wirklich gern aufstehen." Ihr Fazit: "Im Heim pflegt man Menschen, in der Tagespflege pflegt man die Seele von Menschen." (ps)

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