09.03.2018 - 14:44 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Jahrzehnte bewacht Reinhold Balk (BGS) den Eisernen Vorhang - dann geht er auf "Ich hätte das nie und nimmer geglaubt"



Jahrzehnte war diese Grenze dicht.
Hunderte starben bei Fluchtversuchen.
1990 fiel der Eiserne Vorhang, wie hier in
Waldmünchen. Reinhold Balk, damals beim
Bundesgrenzschutz und später Leiter der Erstaufnahme
in Weiden, hat all dies hautnah erlebt.

Wenn Ihnen jemand gesagt hätte, dass es diese Grenze mal nicht mehr gibt...
Reinhold Balk: Dann hätte ich das nie und nimmer geglaubt. Für mich war Pilsen weiter weg als New York.

Der Bundesgrenzschutz hatte schon zu Zeiten des Kalten Krieges ein sehr genaues Bild vom Aufbau des Eisernen Vorhangs.

Das hatten wir alle drei: Grenzpolizei, Zoll und wir. Wir haben die Zaunverläufe gemeinsam festgehalten.

Als der Eiserne Vorhang fiel: Waren Sie da überrascht, wie gut Ihre Kenntnisse waren? Oder überrascht über die Dinge, die Sie nicht gewusst hatten?

Unsere Unterlagen haben schon gestimmt. Ein-, zweimal die Woche hatten wir die Grenze mit dem Hubschrauber abgeflogen. Aus der Luft sah man auch den Signalzaun, der weiter hinten lief, ziemlich gut.

Gab es Überläufer, denen die Flucht gelang?

Ja. Das waren unsere zuverlässigsten Informationsquellen.

Waren das viele?

Wenige. In den 80er Jahren lag die Zahl der Flüchtlinge, die erfolgreich über die bayerische Grenze kamen, bei jährlich unter 20. Davon waren zwei, drei Uniformierte. Die Massen sind weit vor dem Zaun gescheitert, im Inland oder in der Grenzzone.

Wieso war es so schwer, zur Grenze zu kommen?

Die Sperrzone war ein fünf, sechs Kilometer breiter Streifen. Um diese zu betreten, brauchte man Sonderausweise. Innerhalb dieser Zone gab es jede Menge freiwillige Grenzhelfer. Die waren sehr wichtig, das habe ich am Anfang unterschätzt. Sie haben jeden, der nicht hingehörte, gemeldet. Zwei Drittel der Flüchtenden kamen erst gar nicht am Signalzaun an. Und wer über den Zaun kam, schaffte es meistens auch nicht zu uns. Bei Alarm fuhr die Kompanie durch die Durchlässe im Zaun nach vorne an die Grenze und stellte sich in Blickrichtung Landesinnere auf. Der Flüchtling wurde schon erwartet.

Halten Sie es für möglich, dass Ihnen jemand entgangen ist: Dass jemand klammheimlich rüberkam?

Ja. Es gibt da einen Fall aus den 80ern bei Eisenstein: Einem tschechischen Grenzwacht-Soldaten war die Flucht gelungen. Er ist per Anhalter nach München. Dort stellte ihn die Polizei in einem Park fest. Wir waren ja nicht ständig an der Grenze. Die Tschechen hatten 5000 Leute dort.

Diese Zahl ist allerdings schockierend. Das ist eine Armee.

Uns standen an der bayerischen Grenze drei Brigaden gegenüber: Eger, Taus, Schüttenhofen.

Die toten DDR-Bürger der aktuellen Ermittlungen - Schmidt, Hoffmeister, Schlenz und Tautz: Sagen Ihnen diese Namen etwas?

Ich kannte keinen einzigen. Diese Männer starben im Landesinneren der Tschechoslowakei. Der Fall Johann Dick aus dem Jahr 1986 ist mir natürlich vertraut. Sein Tod war Folge einer Verkettung tragischer Umstände: Er war wandern - und die Tschechen suchten einen flüchtigen Polen. Geschossen haben meines Wissens Kräfte der Nachbarkompanie Branka, die nicht ortskundig waren.

War das wirklich Zufall? Immerhin war es schon früher zu einem Zwischenfall gekommen: Tschechische Grenzsoldaten zerrten 1969 bei Egerteich zwei DDR-Bürger zurück auf CSSR-Gebiet. Ein Vorfall, den Sie selbst gründlich recherchiert haben.

Egerteich war eine Einzelaktion. Es war von tschechischer Sicht sicher nicht erwünscht, dass die Grenze überschritten wird. Nach dem Tod von Dick hat man Konsequenzen gezogen. An der Grenze wurden weiße Pfähle mit roten Köpfen aufgestellt. Man sieht das teilweise heute noch. Bei diesen Fällen muss man immer im Hinterkopf haben: Die Grenzwache stand unter massivem Druck. Gerade 1968 war die Zahl der Fluchten sprunghaft gestiegen.

Wir war Ihr Verhältnis zu den "Kollegen"? Gab es überhaupt eines?

Wir haben DDR-Grenzaufklärer erlebt, die aus zwei Metern nicht Muh oder Mäh gesagt haben. Bei Tschechen war der Grußaustausch üblich, wenn man sich an der Grenze begegnet ist. In vielen Fällen hat man auch ein Schulterstück oder so etwas getauscht. Die Tauscherei ist dann unsererseits verboten worden, als man feststellte, dass die Tschechen Depots mit Uniformteilen anlegten.

Warum das denn?

Hintergrund war 1978 eine Flucht per Busentführung in Eger, die von der Grenzwacht mit Gewalt beendet wurde und in einem Gemetzel endete. Um das künftig zu verhindern, wollte man in solchen Fällen vortäuschen, dass der Flüchtende schon im Westen wäre. Ähnlich der Geheimdienst-Aktion "Kamen" in den 50ern, wo auf CSSR-Gebiet falsche "Grenzpolizeistationen" aufgebaut waren.

Wenn man jetzt weiß, was CSSR- Grenzwachen getan haben, kann man dann die Hand reichen?

Ich denke, man muss unterscheiden. Es gibt die, die von diesem System überzeugt waren. Ansonsten halte ich es mit dem Talmud: Werfe nie jemandem etwas vor, in dessen Rolle du nicht warst. Viele Soldaten waren Wehrdienstleistende. 24 Monate. Kein Urlaub. In der Unterkunft kein eigener Fernseher, kein Radio, kein Alkohol, einmal im Monat Ausgang ins nächste Wirtshaus. Jede Kompanie hatte einen Schweinestall und ein Wasserwerk. Die waren autark.

Ein einsames Leben in einer praktisch entvölkerten Gegend?

Es gibt 350 getötete Flüchtlinge plus 250 Todesurteile, von denen man nicht weiß, ob sie vollstreckt wurden. Es gibt aber auch 645 Tote auf Seiten der Grenzwache, davon 236 durch Selbstmord. Das System hat seine eigenen Leute kaputt gemacht.

Wenn man ein halbes Leben erlebt, mit welchem Aufwand verhindert wird, dass auch nur eine Maus durchschlüpft - und dann löst sich die Grenze in Luft auf: Wie war das?

Am meisten bewegt hat mich die Grenzöffnung am Übergang Höll bei Waldmünchen. Wir haben jahrzehntelang bloß den Zaun gesehen. Dann siehst du den Zaun, siehst die Menschen dahinter, und dann geht dieser Zaun auf, und es kommt die Menschentraube mit Musik nach Westen. Ganz vorne ist ein Transparent: "Guten Tag Europa."

Ein achtjähriger Bub starb am 5. Mai 1989 im Auto seiner Mutter, als diese bei Philippsreut in den Schlagbaum fuhr. Er gilt als letztes Opfer des Eisernen Vorhangs.

Kevin Strecker. Ein halbes Jahr später - und wir hätten die Familie in der Erstaufnahmeeinrichtung in Weiden begrüßen können. Magazin

Bild: Reinhold Balk

von Christine Ascherl Kontakt Profil

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.