24.01.2018 - 09:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Josef Wittmann wagt "Bruderhahn"-Experiment in Weiden Halbe Portion

Josef Wittmann wagt ein Experiment, denn es geht ihm um die Ethik: Bald will er auf dem Markt in Weiden den sogenannten "Bruderhahn" anbieten. Das sind Geschwister von Legehennen, die eine Weile leben durften. Doch das geschlachtete Tier wiegt nach zehn Wochen Mast nur 500 Gramm.

Links der kleine Brudergockel, rechts das Masthähnchen. Josef Wittmann verkauft bald beide Tiere an seinem Stand am Markt. Er will ausprobieren, ob das Bruderhahn-Projekt bei den Kunden ankommt. Bild: Schönberger
von Dominik Konrad Kontakt Profil

Weiden/Pleystein. Die Brüder von Legehennen leben nach der Geburt nur ein paar Stunden. Weil sie keine Eier legen können, wandern sie entweder in den Schredder oder werden vergast. Das geht nicht, finden viele Tierschützer. Und so gründete sich die Bruderhahn-Initiative. Die Brudergockel sollen wenigstens ein bisschen leben dürfen. Und um deren Aufzucht zu finanzieren, werden die Eier der Schwestern etwas teuerer.

Da macht Josef Wittmann vom Weidener Bauernmarkt nun mit. Er bietet bald neben den Bruderhahn-Eiern auch die Gockel an. Legehühner und geschlachtete Brudergockel hat er von einer Erzeugergemeinschaft in Österreich bekommen. "Wir haben 1100 Hühner in unserem Bestand und ich habe bis jetzt 300 geschlachtete Bruderhähne bezogen." Der Vorsitzende des Bauernmarktvereins will seine Eierpreise am Stand um 2 bis 3 Cent erhöhen. Das entspricht einem Aufschlag von fast 10 Prozent. "Wir werden eine Zeit lang die beiden Angebote nebenher laufen lassen, und dann werden wir sehen, ob sich der Verbraucher auch für Bruderhahneier entscheidet." Da gebe es nämlich einen Unterschied zwischen den Aussagen der Verbraucher im Interview und dem Verhalten beim Einkauf.

Kunden unterstützen es

Die beiden Weidener Biomärkte von "Eseo" haben seit August vergangenen Jahres die Brudergockel-Eier im Sortiment. Seit Dezember gibt es dort auch die Bruderhähne zu kaufen. Obwohl die Gockel nicht sofort nach dem Schlüpfen getötet werden, dauert ihr Leben trotzdem nur zehn Wochen. Doch immerhin haben sie etwas gelebt. Darum geht es Evita Smart, der Leiterin des "Eseo"-Marktes in der Dr.-Martin-Luther-Straße. Sie will das Projekt unterstützen. Deshalb hat sie Eier und Gockel im Sortiment. "Und dann muss ich auch was dafür tun." Die Rückmeldung der Kunden sei "super". "Wenn sie wissen, um was es geht, unterstützen sie es. Wir hatten überhaupt keine Probleme." Ob die Kunden auch bei Josef Wittmann zugreifen, ist noch unklar: In den kommenden Tagen wird er anfangen, Bruderhahneier und Brudergockel an seinem Stand am Unteren Markt zu verkaufen. Petra Schober ist dort Stammkundin. "Mir ist das wurscht, was die Eier kosten", sagt sie. "Man wird nicht ärmer, wenn man 5 Cent mehr zahlt, aber alle beschweren sich, dass die Küken getötet werden." Die Parksteinerin kann sich gut vorstellen, dort bald einen Bruderhahn zu kaufen.

Lieber fleischige Hähnchen

Markthändler Stefan Hofmann will sich erst einmal nicht umstellen. Zwar bezieht er seine Eier für den Verkauf seit 40 Jahren von einem kleinen Betrieb aus dem Ort Brudersdorf, vom Bruderhahn-Projekt hat er aber noch nichts gehört. Sein Partner-Betrieb wäre auch nicht in der Lage, die Gockel aufzuziehen, meint er. "Dafür sind die viel zu klein. Schaun wir mal, was da rauskommt."

Der Bruderhahn kann von seiner Genetik her nicht das gleiche Fleisch wie ein Masthähnchen ansetzen.Josef Wittmann

Kajetan Merkl vom Stand "Bioladl" kennt das Projekt. "Unter Umständen würde ich das verkaufen. Ich weiß, es gibt immer mehr Versuche, das zu vermarkten." Der 47-Jährige hat aber auch Bedenken: "Ob es sich durchsetzt, weiß ich nicht, weil der Verbraucher ja eher fleischige Hähnchen will." Dass das Thema umstritten ist, gibt auch der gelernte Bäcker und Landwirt Wittmann zu. Das männliche Tier einer Legehennenrasse werde in zehn Wochen einfach nicht größer, Am Ende bringt der Bruderhahn nur knapp ein Drittel des Gewichts der Masthähnchen auf die Waage, braucht aber in der Zeit die gleiche Menge Futter. "Der kann einfach von seiner Genetik her nicht das gleiche Fleisch ansetzen", sagt der Inhaber des Biohofs Finkenhammer. Es sei halt eher was für Feinschmecker.

Weniger Tiere auf Speiseplan

Angemerkt von Dominik Konrad

Das Bruderhahn-Projekt geht in die falsche Richtung. Statt sich auf die Aufzucht von männlichen Küken zu konzentrieren, die vergleichsweise wenig Fleisch ansetzen, wäre es besser, Umweltschutzverbände, Politik und Verbraucher würden daran arbeiten, den Konsum von tierischen Produkten allgemein zu reduzieren. Die meisten Legehennen führen derzeit kein schönes Leben. Da macht es auch keinen Unterschied, ob auf Bio-Bauernhöfen einige wenige Hühner mit ihren Eiern die Aufzucht ihrer Brüder mitfinanzieren.

Schlussendlich werden die Gockel anstatt nach einigen Stunden nach zehn Wochen geschlachtet. War das dann schon ein würdiges Leben? Der bewusste Verzicht auf Fleisch, Eier, Käse oder Milchprodukte würde die Umwelt schonen: Die Aufzucht von Tieren verbraucht viel Trinkwasser und bis ein Kilo Fleisch entsteht, müssen Tiere ein vielfaches dieser Menge an Futter fressen. Ähnlich verhält es sich bei Eiern, Milchprodukten und Käse. Von dem Getreide oder Soja für die Tiere könnten auch Menschen satt werden. Aber das beste Argument für eine Ernährung mit weniger Tierprodukten hat mit moralischen Überlegungen gar nichts zu tun: Eine fleischarme Ernährung ist gesünder.

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