Jugendliche aus Litauen gestehen Überfall auf Juwelier in Weiden
"Milchbubis" in Fußfesseln

Zwei inzwischen 17-Jährige, ein 18-Jähriger (im Bild in Häftlingskleidung mit zwei Beamten) und ein 62-Jähriger aus Litauen müssen sich vor dem Landgericht Weiden wegen schweren Raubes verantworten. Sie befinden sich seit September in Untersuchungshaft und werden aus vier verschiedenen Gefängnissen vorgeführt. Bild: Schönberger

Halbe Kinder werden am Montag am Landgericht Weiden vorgeführt. Liudas und Paulius sind Jahrgang 2000. Im Herbst 2017 haben sie den Weidener Goldschmied Werner Schlegel und seine Frau überfallen. Vor der Tür wartete Arnoldas (16) auf einem Fahrrad, um die Beute wegzubringen. Alle drei kommen aus Kaunas, einer 300 000-Einwohner-Stadt in Litauen.

Die Jugendlichen sind vor der Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Reinhold Ströhle geständig. Einzig ihr 62-jähriger Begleiter will den Laden gar nicht betreten haben. Ihn sollen an den folgenden Prozesstagen Fotos und Videos überführen. Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf geht davon aus, dass er der Aufpasser und Anleiter war.

Denn: Die "Milchbubis" stehen am unteren Ende einer großen Organisation. Verteidiger Stephan Schütz weist auf ein laufendes Ermittlungsverfahren der litauischen Behörden zu Menschenhandel und Menschenraub hin. Der Modus operandi: Jugendliche werden angeheuert und mit einem Aufpasser nach Deutschland gebracht, um Straftaten zu begehen. Erpresst mit Schulden, Drogen, der Familie. Angelockt mit der Aussicht auf ein paar tausend Euro.

In Kleinbussen angekarrt

Zwei der Weidener Angeklagten schildern, wie sie im Sommer 2017 angeworben wurden. Einer bekam die Einladung via Facebook und ging zu einem Treffen, wie auch ein halbes Dutzend anderer Jungs in seinem Alter. Zwei Männer erklärten, dass "wir nach Deutschland fahren, um Juweliergeschäfte auszurauben". Die Jugendlichen wurden in Gruppen eingeteilt und per Kleinbus in tschechische Hotels gebracht. Der Kleinbus-Fahrer zahlte Kost und Logis und erteilte die Aufträge, verließ Tschechien aber nicht. Zur Tat reisten die Angeklagten mit dem Zug nach Bayern (Cheb-Selb) ein. Ursprünglich war für diese Gruppe ein Juwelier in Fürth vorgesehen, der dann aber geschlossen hatte. Kurzfristig wurde auf Weiden umdisponiert, das die Angeklagten am 1. September auskundschafteten. Ausgerüstet waren sie mit Brecheisen und Hammer, Handgranaten-Attrappe und Softair-Waffe.

Samstag, 2. September 2017. Werner und Gerda Schlegel machen es wie jeden Samstag. Sie sperren um 9 Uhr auf, frühstücken im Laden. Die erste Kundin holt eine Uhr aus der Reparatur. Werner Schlegel ist in der Werkstatt, als gegen 11.30 Uhr vier Unbekannte den Verkaufsraum betreten. Gerda Schlegel fragt an der Theke den Ältesten: "Kann ich Ihnen helfen?" Liudas ist es, der ihr Pfefferspray ins Gesicht sprüht. Sie schildert ein "wahnsinniges Brennen" in den Augen, im Gesicht. "Ich habe das Brüllen angefangen."

Die Litauer rechnen nicht mit der Wehrhaftigkeit ihres Ehemanns (63). Der eher zierlich gebaute Franke rennt gegen die Angreifer an, schiebt sie aufeinander und zur Ladentür hinaus. Er habe die Tat auch deshalb gut weggesteckt: "Ich habe mich nicht unbedingt als Opfer gefühlt. Ich war der Retter meiner Frau. Ein Held, Superman, Bud Spencer, der alle vier durch die Tür gekugelt hat." Auch Werner Schlegel wird von einem Strahl Reizgas getroffen. Blind vor Schmerzen wird er vom Sanka mit nacktem Oberkörper in die Notaufnahme des Klinikums gebracht, weil auch sein T-Shirt von der rot-braunen Flüssigkeit durchtränkt ist. Seine Frau sieht tagelang unscharf.

Auch Prozess in Amberg

Das Ehepaar hat das Geschäft inzwischen vorzeitig aufgegeben, früher als geplant. "Ich will das kein zweites Mal erleben", sagt Gerda Schlegel. Wochenlang kämpfte sie nachts mit dem Wiedererleben des Überfalls.

Zweifelnd hören sich die Eheleute die Entschuldigungen der drei Jugendlichen an. Paulius hat ihnen aus der JVA einen Brief geschrieben und kann nach sieben Monaten U-Haft ein wenig Deutsch: "Schmerzen, die ich habe gemacht, tut mir sehr leid." Die Schlegels nehmen es "zur Kenntnis". "Es ist mir eine Lehre in meinem Leben, es wird nicht wieder vorgekommen", beteuert Arnoldas, der Jüngste, über seine Dolmetscherin. Der bebrillte Schüler ist der einzige, der am Montag Besuch der Familie bekommt. Seine Mutter ist angereist. Sie hält ihm in den Pausen die Hand und weint viel. Die Anwälte Andreas Schätzler und Stephan Schultheis sagen, dass ihre Mandanten durch ihre Aussagen immense Angst vor Repressalien haben, auch gegen ihre Familien.

Am 30. April beginnt in Amberg der Prozess gegen andere vier Litauer, die 2017 den Amberger Uhrenhändler überfallen haben sollen.
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