15.09.2017 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kirchenasyl in der Region Weiden "Unser Tun ist kein Unrecht"

Seit Sommer laufen in Bayern mehr als 100 Ermittlungen in Sachen Kirchenasyl. Weidens Pfarrer und die Kollegen rundherum sind davon verschont geblieben. "Zumindest wäre mir kein solcher Fall aus der Region bekannt", sagt Hans-Peter Pauckstadt-Künkler, evangelischer Pfarrer der Pfarreien Rothenstadt und Etzenricht. Trotzdem plagen ihn Sorgen.

Fawzi, ein Syrer, war in Not: Die Pfarrei von Hans-Peter Pauckstadt-Künkler (links) gewährte ihm deshalb Kirchenasyl. Er wohnte mit der Pfarrersfamilie im Pfarrhaus in Rothenstadt. Archivbild: Götz
von Redaktion OnetzProfil

Weiden/Rothenstadt/Flossenbürg. Eines der drei laufenden Ermittlungsverfahren gegen den früheren Kirchenasyl-Koordinator der bayerischen Landeskirche, Stephan Theo Reichel, ist kürzlich eingestellt worden. Auch gegen die Schweinfurter Pfarrerin, die für das betreffende Kirchenasyl zuständig war, wird nun nicht mehr ermittelt. Trotzdem müsse man mit einem Verfahren rechnen, meint Pfarrer Hans-Peter Pauckstadt-Künkler - und das sei belastend. "Natürlich macht man sich als Betroffener so seine Sorgen. Ich denke, viele bayerische Pfarrer stellen sich gerade die gleiche Frage: Kommt da was?"

Pauckstadt-Künklers Pfarrei gewährte bereits zwei Fälle von Kirchenasyl: Von November 2015 bis April 2016 nahm sie einen jungen Mann aus Syrien in ihre Obhut, im folgenden Sommer einen Iraner. "Beides sogenannte 'Dublin III-Fälle', und beide sind danach ins deutsche Asylverfahren aufgenommen worden." Während bei Letzterem das Asylverfahren noch läuft, macht Fawzi, der Syrer, inzwischen eine Ausbildung zum Mechatroniker.

Kirche ist ein Schutzraum

Auch Pfarrer Herbert Sörgel beherbergte von Mai bis Oktober 2015 zwei geflohene Syrer und einen Iraker im Flossenbürger Pfarrhaus. Die drei Männer bewohnten dort die Kinderzimmer. Muss der Pfarrer wegen dieser Zeit ein Verfahren fürchten? "Davor hatten meine Frau und ich nie Angst. Klar, bewusst ist es uns, aber das steht nicht im Vordergrund. Wir würden es eben in Kauf nehmen, wenn nicht gar als Ehre betrachten."

Trotz der juristischen Grauzone würde er es jederzeit erneut tun, seien die Umstände wieder gegeben, so Sörgel. "Das Recht kann die Wirklichkeit nie so umfassend ergreifen, wie wir uns das wünschen." Formal seien Rechtsprechungen deshalb richtig, aber ab und zu sei das Urteil nicht ganz fair. "Vor allem, wenn es um Gerechtigkeit und Menschenwürde geht - und genau da kann die Kirche einen Schutzraum schaffen. Ich sehe es deshalb nicht als Unrecht, was wir getan haben, wir haben in Sachen Menschenwürde eher dem Recht zum Recht verholfen", sagt der Flossenbürger Pfarrer.

Was inzwischen aus seinen Schützlingen geworden ist? Sörgel: "Die beiden Syrer arbeiten in Bärnau, einer davon in der Knopffabrik. Der Iraker hatte, soweit ich mich erinnere, ein Angebot vom Bau."

Dass zumindest ein Verfahren eingestellt wurde, sieht Pfarrer Sörgel positiv. "Wir haben Stephan Theo Reichel sehr geschätzt. Er hat uns immer Mut gemacht und wir fühlten uns gut beraten", sagt er über den ehemaligen Kirchenasyl-Koordinator. Auch Stefanie Endruweit zeigt sich erleichtert: "Inzwischen sind auch einige Verfahren gegen Kollegen Gott sei Dank eingestellt." Die Pfarrerin der Gemeinde St. Michael in Weiden erinnert sich gern an die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Kirchenasyl-Koordinator. "Er ist ein toller Mensch, der sich immer sehr um andere gekümmert hat. Er hat stets sehr reflektiert gehandelt und beraten, wenn es um's Kirchenasyl ging."

Viel Engagement in Region

"Reichel hat ein sehr gutes Netzwerk aufgebaut, trotzdem ist so ein Kirchenasyl eine große Aufgabe für die ganze Kirchengemeinde", so Endruweit. Nach enger Absprache mit der Landeskirche kann in den Kirchenvorständen und Pfarrfamilien besprochen werden, ob es möglich ist, ein Kirchenasyl zu stemmen: Sie selbst nahm vor zwei Jahren eine junge Mutter mit Kind ins Kirchenasyl auf. "Dieser Fall konnte dann aber doch ohne kirchliches Asyl geregelt werden."

Endruweit weiter: "In letzter Zeit hatte ich zwar weniger konkrete Anfragen bezüglich Kirchenasyl, aber oft werde ich um Rat gefragt. Kirchenasyl ist zwar kein Allzweckmittel, aber doch 'ultima ratio', der letzte Ausweg." Zumindest, solange sich die Gesetzeslage nicht veränderte.

Die Meinung der Pfarrerkollegen ist einstimmig: Kirchenasyl ist und bleibt wichtig. Endruweit zeigt sich besonders begeistert vom Engagement in der Region: "Das ist so schön hier in Weiden. Es gibt etliche Menschen, die sich wirklich einsetzen und schon viel Erfahrung mitbringen. Das gibt einem die Möglichkeit, sich zusammenzusetzen, viele Meinungen einzuholen und dann wohlüberlegt zu entscheiden."

Dublin III

Unter "Dublin III", auch "Dublin-Verordnung" versteht man im Allgemeinen eine europarechtliche Verordnung. Diese legt fest, wie derjenige Staat zu bestimmen ist, der für die Durchführung eines Asylverfahrens zuständig ist. (olr)

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