22.02.2018 - 16:51 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Kolumne: OTon Das, was bleibt

Es ist eine Frage, die wir uns selten stellen: Was bleibt von uns, wenn wir einmal nicht mehr sind? Auch ich habe nur ein paar kurze Momente in den vergangenen 27 Jahren darüber nachgedacht. Warum sollte ich auch? Ich bin jung, ein großer Teil meines Lebens liegt im besten Fall noch vor mir.

Bild: Alexander Unger
von Julia Hammer Kontakt Profil

Vor kurzem bin ich für zwei Wochen bei meinen Großeltern eingezogen - Heimaturlaub sozusagen. Beide sind 76 Jahre alt, was man ihnen allerdings nicht anmerkt. Ehrlich gesagt ist meine Oma fitter als ich – tägliches Schwimmen im Sommer, im Winter geht sie mit ihren Walking-Stöcken auf Tour. Dass sich daran in den nächsten 20 Jahren etwas ändert? Undenkbar. Bis sie beim gemeinsamen Kaffee plötzlich sagte: „In dreieinhalb Jahren werde ich schon 80. Kannst du dir das vorstellen? Also – falls ich das noch erlebe … wer weiß das schon?“

Denkmale setzen

Wer weiß das schon … doch was bleibt von uns, wenn wir einmal nicht mehr sind? Einfach so von der Bildfläche verschwinden, als ob wir niemals existiert hätten? Undenkbar. Aber womit kann man sich selbst ein Denkmal setzen? Am besten in die Geschichte eingehen, etwas Großes bewirken. Für Weltfrieden sorgen, ein Mittel gegen unheilbare Krankheiten entdecken, Armut bezwingen, die Welt ein Stück besser machen. Als ich darüber nachdachte, was Menschen für mich unvergesslich macht, habe ich gemerkt, dass es nicht die großen Dinge sind, sondern die kleinen. Eine unerwartete Geste, ein tröstendes Wort in  schweren Momenten, kostbare Zeit, die uns jemand schenkt. Der Ratschlag der Großmutter, der für immer nachklingt. Das gemeinsame Lachen – und auch Weinen – mit den besten Freunden.

Kleine Rituale

Denn darauf kommt es an. Das sind die Dinge, die auch uns unvergesslich machen, uns kleine Denkmale setzen. Gesten, die Großes bewirken, über Jahre nachhallen, einem immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Einen solchen Moment hat mir vor kurzem auch mein Opa geschenkt. Es war unser letzter gemeinsamer Abend, bevor ich wieder zurück in mein eigenes kleines Reich ging. In den zwei Wochen hatten wir unsere eigenen kleinen Rituale entwickelt – er holte Brezen vom Bäcker, in der Zeit habe ich mich um Kaffee gekümmert, seine Leselampe auf den Esstisch gestellt und die Zeitung bereitgelegt. Jeden Tag. Und jeden Tag habe ich es genossen.

Der letzte Abend war wehmütig. Natürlich hat das keiner von uns gesagt – das liegt nicht in unserer Natur. Aber ich habe es gemerkt. Bis halb zwölf Uhr sind wir in der Küche gesessen, er hat von alten Zeiten erzählt, wir haben uns zusammen über die Kandidaten von „Deutschland sucht den Superstar“ lustig gemacht. Irgendwann hat er seine Hand auf meine gelegt und gesagt: „Mein Mädl, schön, dass du da warst.“ Keine große Sache. Das muss es aber auch nicht sein. Für mich bleibt es unvergesslich. Ein Denkmal.
 

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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