15.02.2018 - 13:15 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Kolumne: OTon Glücksmomente ohne Filter

Verschüttetes Bier, ratschende Vordermänner und komplett neben dem Takt klatschende Nachbarn gehören doch irgendwie zu Konzerten dazu. Ob in Stadien, in kleinen Clubs, Spelunken oder großen Hallen – egal wo. Da muss der Musikliebhaber durch. Seit einigen Jahren aber hat sich eine neue Kategorie der Konzertgänger entwickelt: Der „Filmer“.

(Foto: Nicolas Armer/dpa)
von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Er hält sein Smartphone (oder schlimmer, sein Tablet) auf alles, was auf der Bühne passiert. Filmt, wenn der Sänger die Besucher begrüßt, knipst, wenn der Bassist auf den Kontrabass klettert, und macht ein Selfie mit Pyro-Effekten im Hintergrund. Es gab Konzerte, die ich unfreiwillig durch die Bildschirme anderer Smartphones verfolgen musste.

Dabei kann ich sogar nachvollziehen, dass man Erinnerungen an tolle Momente besitzen möchte, und dass man sie gerne all seinen Freunden zeigen will. Dass man in die Welt hinaus schreien möchte, wie glücklich man ist, weil man genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort war. Nur muss man schon recht naiv sein, zu glauben, dass es bei all der Filmerei noch um Glückseligkeit geht. Leider vergeht mir bei all der Selbstdarstellung im Publikum nur allzu oft die Lust, die Musik zu feiern.
Es mag konservativ wirken, aber meine lebhaftesten Erinnerungen sind im Kopf abgespeichert. Professionelle Konzertfotos und Videos gibt es auf fast jeder Bandhomepage. Und diese sehe ich mir auch gern an, im Gegensatz zu verwackelten, wummernden und dröhnenden Videos – auf denen im schlechtesten Fall nur die Bildschirme der Vordermänner zu sehen sind.

Gut finde ich deshalb, dass Musiker wie Jack White (ehemals „White Stripes“) die Initiative ergreifen. Auf seiner kommenden Tour gibt es ein „Handyverbot“. Alle Telefone werden in einen Beutel „gesperrt“, den jeder mit sich herumtragen kann. Öffnen lässt er sich nur in speziellen „Phone-Zones“. Zwar mag die Radikalität des „Wegsperrens“ anfangs befremdlich wirken und zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig sein. Aber zwei handyfreie Stunden haben noch niemandem geschadet. Und sie können helfen, ein Konzert wieder zu einem echten Erlebnis werden zu lassen: Momente, die man ausschließlich mit anderen Musikliebhabern teilt – nicht mit Instagram- oder Facebook-Followern. Weil die schönsten Konzerte in der Regel die sind, die man nicht durch die Linse verfolgt und versucht, den besten Winkel für ein Foto zu finden. Oder den passenden Filter. Sondern die, bei denen man mitsingen, sich in den Armen liegen oder tanzen kann. Zusammen.

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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