Kolumne: OTon
Kanzlerbankett und Weinbergschnecke

Screenshot: Studivz.de

„StudiVZ ist pleite“, lautete letzte Woche eine Meldung. StudiVZ? Da war doch was. Hab ich da nicht auch noch ein Profil? Ich versuche, mich einzuloggen. Tatsächlich – ein altes Passwort funktioniert. Im Postfach befinden sich zwei Freundschaftsanfragen von Menschen, die ich noch nie gesehen habe. Ich ignoriere sie.

Mein Profil verrät mir, dass ich es das letzte Mal am 14. September 2011 aktualisiert habe. Laut Steckbrief studiere ich seit 2011 den Master Medienwissenschaften an der Uni Innsbruck. Eingeschrieben war ich dort genau zwei Wochen, dann kam die Zulassung für Wien. Darunter steht meine ICQ-Nummer – auch so ein Relikt aus vergangenen Zeiten. Auswendig kann ich sie bis heute.

Weiter geht’s: Die Toten Hosen, Garbage, Kettcar, The Killers, Robbie Williams, Anajo – immerhin mein Musikgeschmack hat sich kaum verändert. Spannender wird’s weiter unten. Hab ich damals doch „Im Zentrum der Macht“ gearbeitet. Die wichtigsten Punkte meiner bisherigen Karriere? „Abi 2007“ und „Einen Sommer lang das Leben genießen“. Schwierig sind auch die Fotos. In Alben mit Titeln wie „Diverse Hauspartys“, „5 Zoigl und a Nudelsalat “ oder „Der König lud zum Feste“, befinden sich echte Perlen – die besser kein Arbeitgeber jemals zu Gesicht bekommen sollte.

OTon Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.
Aber das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Die Liste der Gruppen, denen ich damals beigetreten bin. „Der Lehrstuhl Krah ist immer so obszön“ – verzweifelte Lacher oder ungläubiges Kopfschütteln in der ein oder anderen Vorlesung. „LOST – Orientierung wie eine Weinbergschnecke“ und „Wo ist mein Schlüssel?“ – das hat sich leider nicht geändert. „Ich trage meine Chucks, bis sie mir von den Füßen fallen“ – das zum Glück schon. „Lässig einen saufen mit Joe“ – legendäre Partys. Besagter „Joe“ ist mittlerweile Lehrer. „Zu Gast beim Kanzlerbankett in 30 Jahren ...“ – was wohl aus unserem damaligen Schülersprecher geworden ist, dem wir eine steile politische Karriere vorausgesagt haben? „Klug war’s nicht, aber geil“ – womit wir wieder bei besagten Fotoalben wären.

Ich stöbere noch ein bisschen weiter, beschließe dann, dass es besser ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen und drücke den „Meinen Account löschen“-Button. Zuvor aber gruschle ich noch ein paar alte Freunde.
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