19.10.2017 - 14:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kolumne: OTon Kein Bund fürs Leben

Ich bin Mitte 20. "Das beste Alter, um eine Familie zu gründen", höre ich immer öfter von Freunden und meiner Familie. Als ich zur Welt kam, war meine Mutter in meinem Alter, seit einem Jahr verheiratet, davor sieben Jahre mit meinem Vater zusammen. Das eigene Haus war gerade fertig geworden – die kleine Familie perfekt.

Symbolbild: Paul Miller/AAP/dpa
von Julia Hammer Kontakt Profil

Ich lebe auf 60 Quadratmetern zur Miete. Zusammen mit meinem Hund Mathilda. Die Reaktion darauf ist oft die gleiche. „Oh ... ja ... aber das wird schon noch.“ „Manche brauchen einfach länger, sind Spätzünder. Du hast ja noch etwas Zeit.“ Auf die Idee, dass es eine bewusste Entscheidung ist, so zu leben, kommen die Wenigsten – oder können es nicht verstehen.

Viele meiner Freunde heiraten, bekommen Kinder, gründen eine Familie. Kein Lebensmodell für mich. Ich wollte nie Kinder, nie heiraten. Und ich will es auch jetzt nicht. Kein Abwägen von Vor- und Nachteilen, keine schlaflosen Nächte, in denen ich mir darüber Gedanken mache. Es ist einfach schon immer so. Viele Frauen sprechen vom „schönsten Tag ihres Lebens“, wenn sie von ihrer Hochzeit sprechen. Ich stelle es mir eher als stressigsten Tag des Lebens vor. Monatelange Planung, Fototermine, viel zu wenig Zeit für all die Menschen, mit denen ich an diesem Tag Zeit verbringen möchte. Dem „Bund fürs Leben“ kann ich wenig abgewinnen.

Jeder sucht seinen Weg

Ich sage nicht, dass es nicht schön sein kann, seine Zukunft mit „dem Richtigen“ zu verbringen. Aber das kann ich auch ohne Zettel, der mir das bestätigt. Leben sind unterschiedlich, genauso wie die Pläne jedes Einzelnen. Ich freue mich für meine Freunde, die heiraten, diesen Weg wählen. Weil es ihr Weg ist, der sie glücklich macht.

Ich erinnere mich an ein Abendessen bei einem befreundeten Ehepaar. Wir waren zu fünft – meine Freunde und ein weiteres Pärchen. Nachdem das Thema Hausbau abgehakt war, ging es um Kinder. Verständlich, denn Sophie – nennen wir sie so – war schwanger. Ich kenne mich weder mit Erziehungstheorien noch der richtigen Wickeltechnik aus. Aber ich habe versucht, interessiert mitzureden – bis sie diesen Satz sagte: „Wir sind uns aber doch alle einig, dass Kinder die Erfüllung des Lebens sind.“ Widersprich niemals einer Schwangeren, die vor zwei Minuten von ihren „unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen“ erzählt hat. Das habe ich nicht. Aber ich habe nachgedacht, während ich immer tiefer in meinen Stuhl versunken bin. Das Ergebnis: Meine Erfüllung liegt in anderen Dingen – meiner Familie, meinen Freunden, meiner Freiheit, die Dinge zu tun, die mich glücklich machen.

Entscheidungen fürs Leben

„Warte ab, wahrscheinlich kommt das alles, wenn du 40 bist. Dann wird es langsam zu spät für Kinder“, höre ich immer wieder von einem meiner besten Freunde. Ja, vielleicht ist es so – mit 40, 50 oder vielleicht merke ich mit 60, dass es doch schön gewesen wäre. Vielleicht ist es aber auch genau so richtig. Und wenn ich mit 70 auf meiner Veranda am Stadtrand von Wien in meinem Schaukelstuhl sitze mit meinen Mops auf dem Schoß – vermutlich Mathilda III. - und an meinem Kaffee schlürfe, merke ich, dass es das richtige Leben für mich war. Oder auch nicht.

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz-Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen. Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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