Kolumne: OTon
Me too - Du auch

"Ich bin auch nur ein Mädchen, wenn auch unrasiert. Brauche Liebe, brauche Halt und Einen, der mich epiliert", singt das Hamburger Pop-Duo Schnipo Schranke. (Foto: Simone Scardovelli/Buback Tonträger/dpa)

Die „#MeToo“-Debatte hat zwei direkte Auswirkungen auf mein Leben: Erstens, dass sich die Gäste eines Restaurant schockiert nach mir umdrehten, als ich lauthals „me too“ rief. Nein, ich wurde nicht Opfer sexueller Belästigung, ich wollte einfach auch noch eine Portion Reis wie meine englischsprachige Begleiterin.

Der zweite Effekt ist, dass ich über meine Geschlechteridentität nachdenke, die nie starr ist und auch oft widersprüchlich scheint. Es gibt einen Song, der ein Selbstverständnis beschreibt, das mir ganz gut gefällt. Das Lied ist von „Schnipo Schranke“, ein Pop-Duo aus Hamburg: „Ich bin auch nur ein Mädchen, wenn auch unrasiert. Brauche Liebe, brauche Halt und einen, der mich epiliert. Kein Stößchen mehr, kein Küsschen. Was ist uns geblieben? Ich lieb’ Dich nicht ein bisschen, ich lieb’ Dich übertrieben.“
Das ist schnoddrig, frivol, fordernd, emotional. Starke Menschen, die ihre Verletzlichkeit zeigen. Frauen, die sich keinem Schönheitsideal unterwerfen und dadurch wunderschön sind.

Dass Frauen so selbstbewusst mit ihrer Geschlechteridentität spielen, ist Teil eines langen Diskurses, genannt Emanzipation. Es ist ein jahrzehntelanger Selbstfindungsprozess, der bis heute andauert. Männer waren ein wichtiger Teil dessen, haben aber auch einiges verpasst. Ich denke, das liegt vor allem daran, dass sie es waren und sind, die von den etablierten Machtstrukturen profitieren. Der vielbeschworene Identitätsverlust des Mannes gründet sich auch daraus, dass es für ihn nicht notwendig war, seine Privilegien in der Gesellschaft zu erkämpfen. Dadurch muss er seinen gesellschaftlichen Wert und seine Persönlichkeit nicht anders definieren als über sein Geschlecht. Da führt zu sehr statischen klischeehaften Rollenbildern.

Wenn mir ein Mann um die 50 stolz erzählt, dass er nicht weiß, wo daheim die Gläser zu finden sind, finde ich das nicht witzig, sondern traurig. Der selbsternannte Ernährer, der lebenspraktisch ein Riesenbaby ist. Oder der, der keine andere Rolle findet als Typ Macho, um bloß nicht verweichlicht oder gar „schwul“ – unbegreiflicherweise immer noch ein Schimpfwort – rüberzukommen und dadurch vollends verkrampft.
Die „#MeToo“-Debatte ist auch für Männer eine Chance, sich anders zu definieren als über die Macho- oder Ernährerrolle, genauso wie Frauen rauskommen aus der Hinterm-Herd-Perspektive. Denn Emanzipation ist eine gemeinsame Suche, kein Kampf gegeneinander. Die Suche nach einem Weg, in dem sich jeder nach seinen Bedürfnissen definieren und auch wieder wandeln kann, abseits der simplen Geschlechterkategorien. Denn wir sind doch alle viel komplizierter als nur Frau und Mann.
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