02.02.2017 - 17:09 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Kolumne: OTon Vorsicht vor Quasselstrippen!

Manche Menschen haben ein unglaublich großes Mitteilungsbedürfnis. Egal wann, egal wem, egal wo breiten sie ihre Lebensgeschichte aus - und das auch noch ungefragt. Wie gut, dass ich nicht so bin.

Am besten verstecken, um in der Öffentlichkeit nur ja nicht in peinliche Gespräche verwirklicht zu werden.
von Elisabeth Schätzler Kontakt Profil

Neulich im Wartezimmer einer Arztpraxis. Ich bin als Notfall schon morgens um acht da. Ich weiß, dass ich mich auf eine längere Wartezeit einstellen muss. Schlau wie ich bin, packe ich mir mein Buch ein. Schon mal, um nicht in den Zeitschriften blättern zu müssen, die schon länger auf den Tischen im Wartezimmer liegen. Ich weiß, dass darin nämlich schon sämtliche Patienten mit Ohrenschmerzen, Mandelentzündung oder Bronchitis darin geblättert haben - nicht ohne ihren Finger an der von Bakterien und Viren gebeutelten Zunge zu befeuchten, um leichter umblättern zu können.

Ein weiterer Grund, warum ich mir meine Lektüre selber mitbringe: Um nicht von anderen Patienten angesprochen zu werden. Nichts gegen ein bisschen Smalltalk. Aber wenn ich "aufgeklärt" werde über die schlechte ärztliche Versorgung auf dem Lande (und das in einer Arztpraxis!) oder über die Politiker geschimpft wird, dann ist mir das zugegebenermaßen in so einem öffentlichen Raum schon etwas zuwider. Zwei unterhalten sich, die anderen hören alle zu und denken sich ihren Teil.

"Bitte nicht stören"

Ich verkrieche mich da gerne hinter meinem Buch, um meinen Mitmenschen in diesem Falle mitzuteilen: "Bitte nicht stören, ich möchte in Ruhe lesen." Doch an diesem Tag passiert mir ein verhängnisvoller Fehler: Eine Frau und ein Mann unterhalten sich über ihre Beschwerden und ihr Leben. Der Mann wird nach einiger Zeit ins Behandlungszimmer aufgerufen, steht auf und verlässt das Wartezimmer. Ich lege in einem unbedachten Moment mein Buch zur Seite, um mir die Nase zu putzen. Da passiert es: Ich bin noch nicht richtig mit dem Schnäuzen fertig, spricht mich die Frau an. Ob ich denn zu dem einen oder zu dem anderen Arzt gehe. Ich sage, ich wüsste es nicht. Ich bin ja als Notfall da und muss zu dem Arzt, der mich aufruft. "Ja", sagt sie, "hoffentlich sind Sie bei XY, der andere ist ja furchtbar!" Ich sitze da mit meinen Ohrenschmerzen, schlucke schwer und hoffe inständig, dass ich nicht zu diesem "Furchtbaren" muss.

Weiter erzählt sie von ihrer Enkelin, die aus dem Kindergarten die ein oder andere Erkältung mit nach Hause bringt, sie ansteckt und sie seitdem Husten hat. Schon länger zieht sie mit einer Erkältung herum, erzählt mir die Frau weiter. Husten, Schnupfen, Heiserkeit - es wird einfach nicht besser.

Ihre Krankheitsgeschichte kommentiere ich mit "Oje", dem ein oder anderen Kopfnicken und "Ja, da steckst nicht drin, gall, haha". Einen Tipp habe ich noch für die Frau: "Viel trinken!" Ich sage das einfach so dahin, ist ja wirklich wichtig.
"Ja", sprudelt es da aus ihr heraus, "ich trinke ja eh schon viel!" Eine große Tasse Tee am Morgen, weil sie keinen Kaffee mag, dann einen Saft - "aber den milden von Hohes C, weil ich sonst Sodbrennen bekomme" -, Apfelschorle über den Tag verteilt, Tee dann aber nicht mehr zu viel, weil so gerne mag sie den ja auch wieder nicht, dafür aber Wasser ... Gefühlt sind das tausende von Litern an Flüssigkeit, die diese Frau am Tag zu sich nimmt. Respekt!

Dann wird auch sie aufgerufen. Ich nehme wieder mein Buch zur Hand und lese weiter. Als nächste bin ich an der Reihe. Ich solle mich schon mal ins Behandlungszimmer setzen, der Arzt komme gleich, sagt mit die Arzthelferin. Im Nebenraum sitzt meine Gesprächspartnerin von eben. Dem Arzt erzählt sie die gleichen Geschichten wie mir. Ich kann sie sogar schon fast mitsprechen.

Nervosität löst meine Zunge

Nach ein paar Minuten höre ich, wie sich der Arzt von der Frau verabschiedet und ihr ein paar Tipps mit auf den Weg gibt. Mein Herz fängt schneller an zu klopfen, ich werde immer nervöser. Hoffentlich kommt jetzt nicht der vorher angedrohte "Furchtbare" zu mir. Die Zimmertür öffnet sich, herein kommt der "Nette" - Gott sei Dank. Doch ich bin so nervös, dass ich dem Arzt fast meine ganze Lebensgeschichte erzähle: angefangen von einer Ausbildung, die ich mir noch zu Schulzeiten vorgenommen hatte, über meine derzeitige Arbeit bei der Zeitung bis hin zu diversen Krankheitsgeschichten. Immer begleitet von einem leicht nervösen "hahaha". Nett wie der Doktor ist, gibt er mir brav Antworten: "Soso", "aha" oder "ja mei, haha".

Wieder draußen aus der Praxis und auf dem Weg zur Arbeit fällt mir die Frau aus dem Wartezimmer wieder ein: Wem sie wohl heute noch so ihre Geschichte erzählt? Komische Leute gibt es, denk ich mir. Fangen einfach an, ihr ganzes Leben auszubreiten.

OTon

Wir sind junge Mitarbeiter der Oberpfalz Medien. Im „OTon“ werden wir in losen Abständen über das berichten, was uns im Alltag begegnet – was wir gut finden, aber auch, was uns ärgert. Dabei geht es weniger um fundierte Fakten, wie wir sie tagtäglich für unsere Leser aufbereiten, sondern um unsere ganz persönlichen Geschichten, Erlebnisse und Meinungen. Wir wollen zeigen, dass nicht nur in Hamburg, Berlin oder München Dinge passieren, die uns junge Menschen bewegen.
Alle Teile dieser Kolumne sind zu finden unter onetz.de/oton.

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