Leserbrief
Barmherzigkeit und Versöhnung als theologische Perspektive

Eine bunte Kirche will Papst Franziskus schaffen, eine Kirche der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Er hat ein Jahr der Barmherzigkeit ausgerufen und damit den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) wieder mehr Geltung verschafft.

Schon Johannes XXIII. gab zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils die Losung aus, dass die "Waffen der Strenge" schweigen und die der Barmherzigkeit walten sollen. Und Johannes Paul II. hatte die Enzyklika "Dives in misericordia" 1980 dem Thema des göttlichen Erbarmens gewidmet und den kirchlichen Kalender um den Sonntag der Barmherzigkeit erweitert. Papst Franziskus lebt nicht nur bescheiden, pflegt brüderlich/schwesterliche Kontakte mit anderen Religionen, sondern folgt auch einem Gott der Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit und fordert Barmherzigkeit, Gnade und Versöhnung als neue theologische Perspektive. Während der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. hingegen verliefen die Gottesdiskurse im apodiktischen Geist des strafenden Gottes, in den Bahnen des Augustinus, der als Kirchenvater in seinem "Gottesstaat" gegen die "Mitleidigen" und allzu Barmherzigen polemisierte.

Ratzinger hatte paradoxerweise als Berater des Kölner Kardinals Frings die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils mitformuliert, aber als Papst Benedikt XVI. diese weitgehend ignoriert. Strenggläubige, wie der von Benedikt als Chef der Glaubenskongregation berufene ehemalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller hatten gehofft, dass Benedikt ein mahnendes theologisches Wort zur "franziskanischen Revolution" spreche. Er hat sich geirrt, Benedikt XVI. hat Papst Franziskus den Rücken gestärkt.

Auf politischer Ebene weckt Horst Seehofer mit Angst-Gespenstern wie die Linken, Sozialismus und Überfremdung die alten Reflexe der CSU. Aber es bleibt die Frage: Kann man mit alten archaischen Reflexen christlich-zivile Zukunft gestalten?

Karl Weis, 71088 Holzgerlingen
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