28.07.2017 - 20:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Lothar Höher und Kurt Seggewiß: Von Gegnern zu Freunden: Mein Freund, der Parteifeind

Der Kaffee dampft, der Pfefferminztee raucht. Dazu reden sich Kurt Seggewiß und Lothar Höher die Köpfe heiß. So läuft das seit exakt zehn Jahren. Mehrmals die Woche. Immer um 8 Uhr morgens im Neuen Rathaus. Aus politischen Gegnern sind Freunde geworden. Das passt nicht jedem.

Immer werktags gegen 8 Uhr hat die Stadtküche nicht mehr alle Tassen im Schrank: Oberbürgermeister Kurt Seggewiß greift zum Schalke-04-Haferl. Bürgermeister Lothar Höher schnappt sich die "Held der Arbeit"-Tasse. Der Kaffeeklatsch kann beginnen. Das freundschaftliche Verhältnis und das gegenseitige Vertrauen von Seggewiß und Höher komme dabei auch der Stadt zugute, sind die beiden überzeugt. Bilder: Schönberger (3)
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Wie viel Politik verträgt eine Freundschaft unter Politikern verschiedener Parteien? "Wir sind es doch, die den Rupprecht von deiner CSU erst losgeschickt haben. Es stinkt mir, dass das nun so untergeht", ärgert sich Oberbürgermeister Kurt Seggewiß (SPD) am Freitagmorgen. Sei's drum, wiegelt der "schwarze" Bürgermeister Lothar Höher ab. Hauptsache, der Lärmschutz entlang der Bahnlinie Hof-Regensburg komme. Er kommt doch nun nach dem Versprechen des CSU-Verkehrsministers, oder? "Wir müssen halt schauen, dass Dobrindt Minister bleibt", frotzelt Höher in Seggewiß' Richtung. Der schnaubt kurz auf und trinkt vom Pfefferminztee aus dem Schalke-04-Haferl. Dann sagt er: "Nach 99 Prozent unserer Treffen gehen wir hier mit guter Laune raus."

Seit 2007 treffen sich der "rote" OB und der "schwarze" Bürgermeister regelmäßig auf einen Kaffee beziehungsweise Pfefferminztee im Amtszimmer im Neuen Rathaus. Sie besprechen Termine und Ausschussvertretungen, reden über Stadt- und streiten über Landes- sowie Bundespolitik. Fußball-Ergebnisse und die Berichte im "Neuen Tag" treiben sie um. Sie sind Freunde geworden. Dabei waren sie einst Gegner. Beide wollten sie Oberbürgermeister ihrer Lieblingsstadt werden, führten Wahlkampf gegeneinander. Lothar Höher verlor die Stichwahl am 29. Juli 2007 und damit exakt an diesem Samstag vor zehn Jahren. Dafür gewann er einen neuen Freund: Kurt Seggewiß.

"Lothar ist ungemein offen"

Wie das zuging? "Wir haben eines gemeinsam: Wir lieben diese Stadt", sagt Höher. "Und wir hatten immer Respekt voreinander, uns auch im Wahlkampf nie persönlich verletzt", reflektiert der OB. Aber allein deshalb kam es nicht zum interparteilichen Kaffeeklatsch. Höher hat gefragt. Das war 2007 nach der Stichwahl. Höher hatte zuvor ein dreiviertel Jahr als Vertreter von OB Hans Schröpf im Neuen Rathaus gewirkt. Um nicht mit seiner Gewohnheit zu brechen, fragte Höher also Seggewiß: "Kurt, macht es dir was aus, wenn ich hier weiter morgens meinen Kaffee trinke?" Kurt machte es nichts aus.

Seither regnet es immer mal wieder spöttische Kommentare über die Freundschaft. "Du und dein Lothar", bekam Seggewiß von Parteifreunden zu hören. "Und was meint dein Kurti dazu?", lästerten einige "Schwarze" in Höhers Richtung. Das Gefrotzel habe sich aber gelegt. "Schließlich trinke ich auch mit unserem Fraktionschef Pausch einmal die Woche Kaffee", witzelt Höher. "Und wir brauchen den schwarzen Lothar ab und an eben auch als Türöffner in München", argumentiert Seggewiß. Dabei schätzt Seggewiß an Höher weit mehr als seinen guten Draht zur Staatsregierung: "Lothar ist ungemein offen, allein schon seiner Körperhaltung am Morgen ist anzumerken, was mit ihm los ist." Auch über den Höher-Humor kann Seggewiß lachen - vorausgesetzt, die Pointe richtet sich nicht gegen den Lieblingsfußballclub des Oberbürgermeisters, den FC Schalke 04. Sportlich sehen sie's dafür beide, wenn sie gegen die Landes- und Bundespolitik der jeweils anderen Partei wettern. "Das wird immer ein Streitthema zwischen uns sein", weiß Seggewiß.

"Kurt ist nicht nachtragend"

Ja, laute Wortwechsel gehören zu dieser Freundschaft dazu, verrät Höher: "Der ,Ober' trägt sein Herz auf der Zunge, in seinem Gesicht sehe ich schon, jetzt hat er was, jetzt muss was raus. Da geht's dann schon mal lautstark zur Sache. Aber das ist mir recht so. Dann kennst dich aus." Der Stimmung tut das keinen Abbruch? "Nein, das ist ja auch gleich wieder rum. Der Kurt ist nicht nachtragend."

Höher aber scheint nicht so schnell zu vergessen: Er erinnert an eine Tagung mit Landräten und Bürgermeistern. Lauter edle schwarze Karossen reihten sich dazu auf dem Parkplatz aneinander. Dann stieß Weidens Oberbürgermeister dazu. "Er kam als einziger im roten Auto. Ich hab' mich geschämt ohne Ende." Wobei. "Beim Suchen des Autos nach der Veranstaltung hatten wir einen klaren Vorteil", sagt Höher.

Kaffeeklatsch, gemeinsame politische Termine, gesellschaftliche Auftritte. Bleibt da Zeit für die Freunde, etwas abseits der Verpflichtungen zu unternehmen? "Wir schaffen es jetzt nicht, gemeinsam abends zum Griechen zu gehen", sagt Höher. "Aber wir schaffen es, nächstes Wochenende gemeinsam in Annaberg-Buchholz zu sein", fällt Seggewiß ein. Die politische Konstellation in Weidens Partnerstadt ist ähnlich: "Der ,rote' OB hat mich eingeladen. Der zweite Bürgermeister von der CDU bestand dann darauf, dass Lothar auch mitkommt." Beide freuen sich drauf. Zumal sie sich auf den Dritten im Bunde verlassen können: Bürgermeister Jens Meyer, übrigens dicker WhatsApp-Freund von Höher, übernimmt die Amtsgeschäfte. Apropos Amtsgeschäfte: Höher trinkt den letzten Schluck aus seiner Tasse mit "Held der Arbeit"-Aufdruck. Er muss los ins Geschäftsführerbüro von OTV. Auch Seggewiß hat Termine: "Ich mache mich über eine Pressemitteilung zum Thema Lärmschutz an der Bahn-Linie. Darauf haben wir schließlich vehement gepocht. Das darf nicht untergehen." Höher tut, was gute Freunde eben tun: Er lächelt milde - und geht.

 

 

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