29.01.2018 - 13:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

LTO inszeniert die "Leiden des jungen Werther" Aussichtslose Liebesgeschichte

Das Landestheater Oberpfalz (LTO) greift Goethes "Leiden des jungen Werther" auf und analysiert sie für unsere moderne Zeit. Mit den drei Darstellern gelingt ein dichter und lebendiger Brückenschlag in die Gegenwart.

Doris Hofmann überzeugt als Lotte ebenso wie David Endress als Werther. Das Landestheater Oberpfalz analysiert die dramatische Liebesgeschichte "Die Leiden des jungen Werther" für das 21. Jahrhundert. Am Donnerstagabend feiert das Stück in der Regionalbibliothek Premiere. Bild: Jochen Schwab/LTO
von Rudolf BarroisProfil

Weiden. Als Liebesgeschichte sind Werthers Leiden eine aussichtslose Sache, als Fluchtversuch aus einem verhassten bürgerlichen Konzept geraten sie zur Katastrophe mit außerordentlicher Sprengkraft. Johann Wolfgang von Goethe hätte als 25-jähriger die Erlebnisse in Wetzlar in der Brunnenstube und am Küchentisch der Lotte Buff wahrscheinlich nicht einmal aufgegriffen, wenn er nicht durch den Selbstmord seines Freundes Jerusalem und üble Erlebnisse mit einer adeligen Gesellschaft dazu angeschoben worden wäre. "Die Leiden des jungen Werther" wurden weit verbreitet und zeigen Wirkung bis in unsere Tage.

Regisseur Jona Manow erzählt am Donnerstagabend auf der Bühne der Regionalbibliothek eine zeitlose Lovestory. Denn Werthers Eindringen in die Paarbeziehung von Lotte und Albert nimmt ein schlimmes Ende. Es kann nicht funktionieren. Die Lotte fasst es in dem Satz zusammen: "Es ist nur die Unmöglichkeit, mich zu besitzen, die dir den Wunsch so reizend macht." Dem ersten himmelhoch-jauchzend folgt rasch das zu-Tode-betrübt, als Lottes Verlobter Albert auftaucht. Der Gedanke "diesen Tanker einfach zu verlassen", folgt bald der Überzeugung, dass sich selbst die Natur mit ihrem Erlebnishorizont, und die in Büchern dokumentierte geistige Rückzugswelt Werthers mit Lottes "Nein" als abgeschmackt empfunden wird: "Ich habe keine Vorstellungskraft, kein Gefühl an der Natur und die Bücher speien mich alle an. Wenn wir uns selbst fehlen, fehlt uns doch alles."

Flucht vor Abweisung

Werther glaubt, nachdem er Lotte kennengelernte, dem Elend entrinnen zu können, vor dem er flieht. Doch Widerstand und Standhaftigkeit der Neunzehnjährigen Amtsmannstochter belehren ihn eines Besseren. Er sucht das Weite, verliert sich in Jobs, muss sich gefallen lassen, als Bürgerlicher von Adeligen abgewiesen zu werden. Gleichsam auf der Flucht, findet er sich wieder bei Lotte ein, gerät mit Albert aneinander, der mit Werthers romantischen Liebesvorstellungen gar nichts anfangen kann.

Werther fällt den Freunden zur Last. Noch einmal rafft er sich zu großen Gefühlen auf, stürzt endgültig ab und erschießt sich mit Pistolen, die er sich angeblich für eine Reise von Albert geliehen hat. Während Lotte in Tränen versinkt, liest Albert den Bericht über Werthers Selbsttötung ab wie ein Protokoll.

Die Werther-Geschichte ist aus verschiedenen Ereignissträngen zusammen geführt. Sie bezieht sich auf die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen des "Sturm und Drang" ebenso wie auf die spezielle Befindlichkeit des Autors in Sachen Frauen. Die Regie sieht sich verlasst, das Thema in eineinhalb Stunden und als Dreiecksgeschichte zusammenzuballen. Die Inszenierung auf einer schlichten, aussagekräftigen und höchst funktionalen Bühne mit drei Darstellern ist unglaublich dicht und lebendig.

Doris Hofmann, die einmal mehr ihre außerordentlichen Fähigkeiten bei der Darstellung komplizierter Charaktere unter Beweis stellt, bleibt im Auf und Ab der Temperamente und Gefühle der eigentliche ruhende Pol. Als Lotte fühlt sie sich aufgerufen, immer wieder auch zu vermitteln, wenn zwischen dem aufbegehrenden Werther und dem soliden Albert auch mal die Fetzen fliegen.

Goethe gab Adalbert charakterliche Elemente eines Peter Brentano, in dessen sechzehnjährige Braut Maximiliane sich Goethe ebenso verschaut hatte. Nur: Brentano war nicht Freund, sondern eifersüchtiger Ehemann, der den unwillkommenen Eindringling des Hauses verwies. Goethe machte auch später solche Skandale, als er in Weimar mit der verheirateten Charlotte von Stein eine platonische Beziehung anfing und sich auch sonst nicht, was Frauen betrifft, zurückhielt.

Gelungener Brückenschlag

Der Werther des Jahres 2018, in Weiden gespielt von David Endress, hat mit dem aus Goethes Briefroman nur bedingt zu tun. Er versucht den Brückenschlag in die Gegenwart, ist als Akteur vorstellbar bei den Festen der gegenwärtigen Jugend, bei denen Leidenschaft und Eifersucht an der Tagesordnung sind. Und alle Versuche, die große Liebe in einem Trio zu leben, funktionieren immer noch nicht.

Das Trio aus Hofmann, Endress und Julian Struck als Adalbert vollführt in teilweise auch heftigen Dialogen und Bewegungen eine Auseinandersetzung, die - auf das Ende der Geschichte gesehen - nichts Gutes ahnen lässt. Wenn auch in der Abfolge der Gefühlsausbrüche und Ereignisse die Selbsttötung Werthers erklärbar ist, sie löst nichts. Die Historie beweist, dass Werther und seine Geschichte - ob Dichtung oder Wahrheit, wahrscheinlich beides - die Menschen beschäftigen bis in unsere Zeit. Ein tief beeindrucktes vorwiegend junges Publikum lässt sich gefangen nehmen und dankt den Darstellern mit reichem Applaus.

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