Mit dem Rad nach Sizilien

 
Ein Mann, ein Rad, der Ätna: Heinrich Hagn am Ziel.

Er hat's einfach getan. Heinrich Hagn, 58, hat sich in der Mooslohe in Weiden aufs Fahrrad gesetzt und ist nach Sizilien geradelt. 2500 Kilometer, 20 000 Höhenmeter. Die Tour hat er nicht vorgeplant. Er weiß morgens nicht, wo er abends schlafen wird. Irgendwie geht's immer gut. Als er nach 23 Tagen von Kalabrien auf die Insel blickt: "Das war schon ein Hochgefühl."

Von Christine Ascherl

Fünf Platten und drei Speichenbrüche liegen da hinter ihm. Einmal muss er das Rad kilometerweit über eine Geröllpiste schieben, auf der "wahrscheinlich zuletzt die alten Römer unterwegs waren". Immer wieder helfen ihm hilfsbereite Italiener aus der Patsche. Einer fährt den Weidener zum nächsten Radgeschäft. Einmal gibt's nachts um 21.30 Uhr einen Espresso am Wegesrand. In einem Laden nimmt man ihm die kleine Flasche Wein, die er sich ausgesucht hat, aus der Hand und schenkt ihm an Ort und Stelle den guten Roten aus Sizilien ein.

Hagn hat 25 Kilo Gepäck auf sein "Ghost Cross" gepackt. Zelt, Isomatte, Schlafsack. "Du bist aber ein arger Minimalist", redet ihn eine Landsfrau auf einem Campingplatz an, als der Weidener mal wieder um Salz bittet. "Das muss man auch sein", sagt Heinrich Hagn. Er hat nicht einmal einen Reiseführer dabei. Devise: "Alles ist Gewicht." Technisch beschränkt sich der 58-Jährige auf die Navi-App "komoot". Das bewährt sich in Deutschland, scheitert aber im Ausland. "Ich hätte es mir mit mehr Technik vielleicht leichter machen können", sagt Hagn. "Aber dann hätte ich nicht so viel erlebt."

In drei Tagen am Brenner

Zu zwei Drittel zeltet er (teuerster Platz Lazise, 24 Euro). Findet sich am Abend kein Campingplatz, fragt er auf dem Land die Leute. Einer schwingt sich selbst aufs Rad und lotst ihn zu einem kleinen Park mit Heiligenstatuen. Hier kann Hagn in einer kleinen Hütte seine Matte ausrollen. Als die Nacht hereinbricht, sitzt er am Eingang, reißt seine Packung italienischer "Wurstel" auf, die kalt eigentlich ungenießbar sind, und trinkt dazu ein Feierabendbier. Und alles schmeckt wunderbar. "So eine Reise holt einen schon ganz schön runter." Manchmal quartiert sich Hagn bei "Bed & Breakfast" oder auf Agricultura-Bauernhöfen ein. Kostenpunkt: etwa 30 bis 45 Euro. Ein älteres Ehepaar bringt ihn in einem Zimmer unter, dass es eigentlich gar nicht mehr vermietet. Abends macht die Hausfrau Pasta für Drei.

Hagn schont sich nicht. In drei Tagen ist er am Brenner. Seine Tagesetappen umfassen bis zu 170 Kilometer. Seinem Sohn schickt er von einer Küstenstraße ein "Selfie" mit dem Meer im Hintergrund. Der schreibt zurück: "Mann, schaust du aus. Geh ins Wasser. Das ist zum Abkühlen da." Hagn nimmt acht Kilo ab.

Nach schwerem Unfall

Ein Greenhorn ist er nicht. Hagn hat mit Freunden sämtliche Weidener Patenstädte abgeradelt. Nur im Sommer 2016 musste er passen, als es nach Macerata ging: Bei einem Fahrradunfall in Altenparkstein riss sich Hagn die Bänder in der Schulter. Sieben Monate war er außer Gefecht. Als er an den Arbeitsplatz im Weidener Bauhof zurückkehrte, hatte sich der Resturlaub angestaunt. "Dann fahr ich nach Sizilien", habe er beschlossen. Angesichts des Protests seiner Umwelt wandelt er das noch halbherzig um in: "Dann fahre ich bis Rom und schau mal."

Nach zwölf Tagen ist der Weidener in Rom und gönnt sich den ersten Pausetag. Er fährt mit der Metro in die Stadt, besucht Colosseum und spanische Treppe. Aber ganz ehrlich: "Nach einem Tage habe ich mich schon gefreut, dass es wieder weiter geht." An einen Abbruch denkt er nicht den Bruchteil einer Sekunde.

Die größte Herausforderung ist für ihn Neapel: "Was für ein Chaos." Der Verkehr: "Unvorstellbar." Drei Stunden braucht der Radfahrer, um die Stadt zu durchqueren. Hagn denkt sich: "Wenn ich das überlebe, kann mir nichts mehr passieren." Sein Ziel ist Sorrent. Dort macht das befreundete Weidener Ehepaar Kithier gerade Station mit dem Wohnmobil.

Fix zurück mit dem "Flix"

Hagn radelt weiter durch das Cilento in die Berge Kalabriens. Die Etappe bis Gioia Tauro geht über 2050 Höhenmeter auf 133 Kilometern und bietet fantastische Ausblicke. Und von dort - endlich, endlich! - schifft sich der Weidener nach Messina ein. Auf Sizilien fühlt er sich äußerst wohl, radelt den Ätna hoch bis zur Seilbahn. 38 Tage war Heinrich Hagn unterwegs. Zurück geht es beträchtlich schneller: mit der Fähre nach Rom und dem Flix-Bus nach München. In ein Flugzeug will er nicht steigen: "Ich kann doch nicht fünf Wochen unterwegs sein - und dann in drei Stunden daheim."

Ich hätte es mir mit mehr Technik vielleicht leichter machen können. Aber dann hätte nicht so viel erlebt.Heinrich Hagn
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