Nach Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs einer 13-Jährigen
Oberarzt suspendiert

Anwalt Rouven Colbatz begleitet den Weidener Arzt ans Landgericht Magdeburg. (Foto: exb)
Vermischtes
Weiden in der Oberpfalz
23.11.2017
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Die Kollegen schätzten seine gute Arbeit. Der erfahrene Chirurg (50) war seit vielen Jahren bei den Kliniken Nordoberpfalz tätig. Nie hat er sich dienstlich etwas zuschulden kommen lassen. Sein Vorstrafenregister ist blütenweiß. Keiner ahnte indessen, was sich im Bereitschaftsdienstzimmer auf seinem Handy abspielte.

Weiden/Magdeburg. (ca) Der Mediziner war 2013 im Krankenhaus Tirschenreuth tätig. Via Skype-Videokonferenz hatte er sich nach Wernigerode in Sachsen-Anhalt geschaltet. In einer Wohnung, 380 Kilometer entfernt, verging sich ein 69-jähriger Rentner an einem 13-jährigen Mädchen. Der 50-Jährige schaute auf dem Smartphone "live" zu.

Der Arzt, inzwischen am Klinikum Weiden tätig, gibt außerdem zu, 2014 selbst zwei Mal nach Wernigerode gefahren zu sein, um gemeinsam mit dem 69-Jährigen das Mädchen zu missbrauchen. Die beiden Männer zwangen das Kind zu Oralverkehr und ließen sich mit der Hand befriedigen. Die Mutter selbst hatte das Kind für diese Sex-Dienste angeboten. Der Weidener Mediziner zahlte dafür jeweils 800 Euro.

Verlust des Arbeitsplatzes

All dieses Unvorstellbare kam am Mittwoch in einer Berufungsverhandlung am Landgericht Magdeburg auf den Tisch. Dabei war der Angeklagte nach Auskunft von Landgerichtssprecher Christian Löffler vollumfänglich  geständig. Die Berufung betraf das Strafmaß: Das Amtsgericht Wernigerode hatte den 50-Jährigen vor einem Jahr zu 3 Jahren und 3 Monaten wegen schweren sexuellen Missbrauchs und Bezug von kinderpornographischen Schriften verurteilt. Das war dem Akademiker zu viel, weil Strafen über zwei Jahre nicht zur Bewährung ausgesetzt werden können. Der Chirurg fürchtete um seinen Beruf. Zu Recht. Die Regierung Oberbayern will ihm die Approbation entziehen.

Seine Hoffnung auf Bewährung ging nicht auf: Das Landgericht Magdeburg reduzierte das Strafmaß zwar um ein halbes Jahr. Es bewertete die freiwillige Zahlung von 10 000 Euro an das Mädchen stärker. Doch selbst 2 Jahre und 9 Monate bedeuten Gefängnis. Verteidiger Rouven Colbatz (Weiden) kündigte am Donnerstag "nach aktuellen Stand" die Revision zum Oberlandesgericht Naumburg an. Er sieht Argumentationsspielraum". Generell werde jeder schwere sexuelle Missbrauch von Kindern mit zwei Jahren belegt. Der Täter-Opfer-Ausgleich reduziere die Mindeststrafe pro Fall auf sechs Monate. Rechnerisch sei Bewährung möglich.

"Gebrochener Mann"

Die Kliniken Nordoberpfalz reagierten prompt. Sie sprachen nach einem längeren Gespräch mit dem Mediziner am Donnerstagmorgen die Suspendierung aus. Es folgte eine Presseerklärung, auch, weil der mediale Druck wuchs: Beim Prozess in Quedlinburg war unter anderem die "Bild" vor Ort. Bis zum Urteilsspruch begleitete auch Ingo Kugenbuch, Redakteur der "Mitteldeutschen Zeitung" die Verhandlung. Bei Kugenbuch hinterließ der Auftritt des Mediziners den Eindruck, "hier sitzt das Opfer einer Straftat". Der 50-Jährige habe von sich das "Bild eines gebrochenen Mannes" gezeichnet. Zitat: "Mir wird schlecht, wenn ich mich morgens beim Rasieren in den Spiegel schaue." Er würde gern die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen.

In der Verhandlung sei zudem eine Erklärung eines Weidener Chefarztes verlesen worden, der als Vorgesetzter dem Mediziner sein vollstes Vertrauen aussprach. Kugenbuch: "Ich hielt das für ziemlich fahrlässig." Die Kripo war damals ins Haus gekommen. Es folgte eine Durchsuchung. Die Vorgesetzten wussten von Ermittlungen. Aber die Tragweite der Anklage war am Klinikum Weiden bis zur Verurteilung nicht bekannt. Man fiel merklich aus allen Wolken. Der Mann genoss offenbar auch das volle Vertrauen seiner Partnerin: Wie im Prozess bekannt wurde, hat er erst im Juni 2016 geheiratet, also während der laufenden Ermittlungen.

Das Auffliegen des Kindersex-Rings hatte im Landkreis Harz für Schlagzeilen gesorgt. Das Mädchen berichtete von insgesamt fünf Männern, an die ihre Mutter sie seit dem zehnten Lebensjahr  "verschachert" habe. Das Landgericht Magdeburg hatte in der Folge hohe Haftstrafen ausgesprochen: Gegen den Haupttäter - den 69-jähriger Rentner aus Bremerhaven - wurden elf Jahre Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verhängt. Hinter Gittern befindet sich aktuell auch die Mutter (37), die zu 4 Jahren und 9 Monaten verurteilt wurde. Zwei weitere Freier sitzen für drei bzw. fünf Jahre.

Die Vorsitzende Richterin Claudia Methling sah am Mittwoch keinen Grund, beim Angeklagten aus der Oberpfalz eine Ausnahme zu machen. Sie würdigte zwar das umfassende Geständnis und die gravierenden Folgen für den Arzt. Aber die Tat sei nicht spontan erfolgt. Auf der langen Fahrt in den Harz sei viel Zeit verstrichen. "Sie haben gewusst, dass es dem Mädchen schlecht geht und sich einfach darüber hinweggesetzt."


Die Kliniken Nordoberpfalz nehmen wie folgt Stellung:

Presseerklärung der Kliniken Nordoberpfalz AG zum Urteil des Landgerichts Magdeburg gegen einen Arzt der Kliniken Nordoberpfalz AG

Tief betroffen teilt die Kliniken Nordoberpfalz AG mit, dass ein beschäftigter Arzt am 22. November 2017 in einem Berufungsprozess vor dem Landgericht Magdeburg bezüglich des Bezugs kinderpornographischer Schriften in Tateinheit mit zwei Fällen schweren sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt wurde.

In einer Verhandlung im November 2016 am Amtsgericht Wernigerode wurde der Mann zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt. Der Arzt hatte sich in der Hauptverhandlung vor dem Jugendschöffengericht geständig gezeigt, jedoch Berufung eingelegt. In dieser Verhandlung wurde das Strafmaß auf zwei Jahre und drei Monate Haft reduziert.

Die Kliniken Nordoberpfalz AG erhielt erst nach dem gestrigen Urteil Informationen über das Ausmaß der Vorwürfe und hat unmittelbar nach Bekanntwerden dieses Urteils eine sofortige Suspendierung gegen den Angestellten ausgesprochen. Die Vorfälle stehen in keinem Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit des Mannes innerhalb der Kliniken Nordoberpfalz AG.

Aufgrund der Verurteilung in der zweiten Instanz vor dem Landgericht Magdeburg am 22. November 2017 ist für die Kliniken Nordoberpfalz AG eine Weiterbeschäftigung nicht tragbar. Der Mann wurde mit sofortiger Wirkung freigestellt. Entsprechende arbeitsrechtliche Schritte wurden unverzüglich eingeleitet.

Die Kliniken Nordoberpfalz AG distanziert sich ausdrücklich von den genannten Vorfällen. Diese stehen in keinem Zusammenhang mit den medizinischen Leistungen der Kliniken Nordoberpfalz AG oder einzelner Standorte.

Unterzeichnet:
Josef Götz, Vorstand
Dr. Thomas Egginger, Ärztlicher Direktor
Martin Neuhaus, Leiter Personalwesen

Die Mitteldeutsche Zeitung, Lokalausgabe Quedlinburger Harz-Bote, berichtete ausführlich über das Verfahren: "Missbrauch: Arzt soll in Haft"
13 Kommentare
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Angelika Oetken aus Regensburg | 23.11.2017 | 19:58  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 23.11.2017 | 20:04  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 23.11.2017 | 20:14  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 23.11.2017 | 20:15  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 24.11.2017 | 07:24  
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GERALD MAYER aus Altdorf bei Nürnberg | 24.11.2017 | 17:25  
Thomas Webel aus Theisseil | 24.11.2017 | 19:30  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 25.11.2017 | 01:09  
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GERALD MAYER aus Altdorf bei Nürnberg | 25.11.2017 | 03:54  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 25.11.2017 | 08:41  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 25.11.2017 | 17:40  
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Angelika Oetken aus Regensburg | 25.11.2017 | 18:02  
Julia Hammer aus Weiden in der Oberpfalz | 25.11.2017 | 18:49