15.05.2017 - 20:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Norbert Scheuch sagt gegen seinen ehemaligen leitenden Mitarbeiter aus Ex-ATU-Chef wittert Betrug

Der ehemalige ATU-Vorstand Norbert Scheuch hat am Montag im Prozess gegen einen seiner früheren leitenden Mitarbeiter ausgesagt. Er hegt keinen Zweifel, dass der 39-jährige Angeklagte betrogen hat.

Betriebsversammlung auf dem Flur des Amtsgerichts Weiden. Über 60 ehemalige und aktuelle ATU-Beschäftigte haben inzwischen ausgesagt. Das Schöffengericht hat die Leiter aller betroffenen Filialen geladen. Am Montag trat zudem Ex-Geschäftsführer Norbert Scheuch (links) an, der - nach getaner Aussage - gerne mit den anwesenden Filialleitern plauderte. Zitat: "Ich habe aus dieser Sache gelernt." Bild: Beer
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Scheuch (57) ist inzwischen Geschäftsführer bei Heckler & Koch und baut eine Waffenfabrik in Colorado. 2014/2015 war er als knallharter Sanierer zu ATU geholt worden. Das Unternehmen war nach Umsatzrückgängen angeschlagen. "Wir haben auf allen Ebenen gekämpft, ATU wieder nach vorn zu bringen." Dazu gehörten eine "Sauberkeitsoffensive" und ein Vorstoß in das Geschäft mit Glas- und Dellenreparaturen. Scheuch: "Unbestritten, dass wir aktiv werden wollten. Unbestritten, dass das von mir ausging."

Diese Ideen sollte ein Zirkel aus etwa einem Dutzend Führungskräften in den 600 Filialen umsetzen. Diese Regionalchefs wurden in Meetings und Telefonkonferenzen damit von Scheuch beauftragt, das galt auch für den Angeklagten. "Es kann sein, dass ich zu ihm gesagt habe: Machen Sie mal! Aber das ist kein Freibrief."

Die Rechnungsprüfung der Weidener Zentrale schlug schließlich Alarm. Der Angeklagte hatte innerhalb von zehn Wochen 106 Rechnungen über 90 000 Euro freigegeben: für Reinigungsarbeiten und Glas-Schulungen in Filialen. Das Geld floss auf das Konto des mitangeklagten Bekannten (38). Für Scheuch war die Masse der Rechnungen von diesem Dienstleister auffallend. "Auffallend" sei auch der Ablauf gewesen: Die Rechnungen waren nicht von den örtlichen Filial- oder Gebietsleitern abgezeichnet. Stattdessen hatten der Angeklagte oder seine Assistentinnen die Zahlungen freigegeben.

Ähnliches gelte für die Schulungen, für die es nicht einmal Teilnehmerlisten gab. Die Rechnungen seien insgesamt "sehr arm geschrieben" gewesen. Eine Umverteilung der Kosten auf alle Filialen sei unüblich. Für Scheuch weist dies auf den "eindeutigen Versuch" hin, "hohe Kosten zu verschleiern".

"Sorgfalt verletzt"

Aus Sicht von Scheuch hat der Angeklagte die betriebswirtschaftliche Sorgfalt an zwei Stellen "fundamental verletzt": Er habe das Vier-Augen-Prinzip bei der Auftragsvergabe und bei der Rechnungsfreigabe ignoriert. "Sehr erstaunlich" fand der CEO die Reaktion des 39-Jährigen, als er ihn mit den Vorwürfen konfrontierte. Der Oberbayer habe Beweisfotos für einen Bruchteil der angeblich gereinigten Filialen vorgelegt. "Er hat interessanterweise keinen weiteren Versuch unternommen, sich zu verteidigen."

Der Ex-Vorstand bestätigt dem Schöffengericht, dass mit der Einstellung des Angeklagten 2014 mehrere Mitarbeiter "nachzogen" und nennt drei Namen: "Möglicherweise waren es noch mehr. Er hatte einen guten Start hingelegt. Es erschien uns logisch, dass er gute Leute, die er kannte, mitbrachte." Erst im Nachhall habe man erfahren, dass es auch beim früheren Arbeitgeber Unregelmäßigkeiten gegeben haben soll.

Das "Kreuzverhör" durch Anwalt Werner Winkelmeier aus München lässt Scheuch unwirsch über sich ergehen: Ob es üblich war, nachts bis 2 Uhr zu tagen? "Kann schon mal sein." Regelmäßige Wochenendarbeit, auch sonntags? "Nicht mit mir." Spontan einberufene "Telkos", die Stunden dauerten? "Nein."

Scheuch nicht scheu

Auf dem Flur trifft der Top-Manager auf ein halbes Dutzend ATU-Filialleiter, ebenfalls Zeugen. Berührungsängste hat Scheuch nicht. Er debattiert mit Temperament über das Betrugsverfahren. Fortsetzung: 1. Juni.

Es kann sein, dass ich zu ihm gesagt habe: Machen Sie mal! Aber das ist kein Freibrief.Norbert Scheuch

Konten durchleuchtet

Kriminalhauptkommissar Jens Meyer, bei der Kripo zuständig für Wirtschaftskriminalität, sieht den angeklagten Ex-ATU-Manager am Montag zum ersten Mal. Der Oberbayer war trotz zur Vorladung zu keiner Vernehmung gekommen.

Die Kripo nahm sich s die Konten beider Angeklagter vor: der ehemaligen ATU-Führungskraft (39) und des beauftragten Ein-Mann-Unternehmers (38), der sich sein Geld mit Reinigungsarbeiten und als "Dellenprofi" verdiente. Dabei scheint der selbstständige Dienstleister mehr verdient zu haben als der ATU-Manager. Der "Dellenprofi" hatte in den sieben Monaten Zahlungseingänge im "ordentlichen sechsstelligen Bereich", darunter die 90 000 Euro von ATU. Den Rest verdiente er bei Autohändlern, völlig korrekt, wie Nachfragen ergaben. Der angeklagte ATU-Manager verdiente monatlich 12 000 Euro. Die Buchhalterin der Kripo konnte keine offensichtlichen Geldflüsse zwischen den Konten - "Cashback-Zahlungen" - feststellen. Meyer: "Aber wir wissen natürlich nicht, was vorher und nachher war." (ca)

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