Nur trügerische Sicherheit für die Radfahrer? [Video]
Kolpingplatz schockt Fahrlehrer

Und wehe, eine Autotüre geht auf. Doch auch wenn die Türen zu bleiben ist es auf den Radfahrerschutzstreifen in der Seltmannstraße höllisch eng: für Rad- wie für die Autofahrer. Durch die Umgestaltung haben sich die Verhältnisse nicht verbessert meinen, die Weidener Fahrlehrer. Bilder: Kaute (4)

Was haben sich die Weidener Fahrlehrer gefreut, als die Stadt den Kolpingplatz umbaute. Endlich sichere Radwege, endlich klare Verkehrsverhältnisse. Das hatten Sabrina Arnold, Joachim Steidl und Tobias Härtl erwartet. Doch dann der Schock: Die Kreuzung ist nicht entschärft, sondern noch gefährlicher geworden.

Mit ihrer Enttäuschung über die "misslungene Umgestaltung" halten die Fahrlehrer nicht hinterm Berg. Auf Bitten unserer Redaktion organisierten die Verantwortlichen des Fahrlehrerverbandes in Weiden eine "Rundfahrt" durch die umgebauten und neu markierten Straßenzüge. Dabei schildern die drei Fahrschullehrer, die tagtäglich viele Stunden im Weidener Verkehrsgetümmel unterwegs sind, ihre Eindrücke.

Überrascht und traurig

Reaktion der Stadt WeidenAm Donnerstag (14. September) gab die Stadt auf Nachfrage unserer Redaktion eine Stellungnahme zur Kritik der Fahrlehrer ab. Diese finden Sie im Artikel "Stadt: Adolf-Kolping-Platz jetzt sicherer für Radfahrer".
Ihre Kritik werde vom Fahrlehrerstammtisch, aber auch von vielen Taxi- und Busfahrern geteilt, versichern sie. "Wir haben die Erfahrung mit dem Straßenverkehr in Weiden, aber niemand hat uns bei den Planungen eingebunden", klagt Tobias Härtl. Es gebe viele Striche auf der Straße, aber auch viele Stellen, an denen die Verkehrsteilnehmer allein gelassen würden. "Dann fehlen Linien. Schutzstreifen enden und der Radler findet sich im Verkehr wieder." "Bei all unseren Nachfragen hat man uns stets was anderes erzählt. Einen Plan haben wir nie gesehen", weist Joachim Steidl Vorwürfe zurück, die Fahrlehrer hätten sich nicht rechtzeitig gekümmert. "Wir sind überrascht und traurig. Wir haben gedacht, das wird eine Super-Kreuzung. Und jetzt das." Übrigens: Die Fahrschule Raab entwickelte Vorschläge, wie der Adolf-Kolping-Platz entsprechend den Ansprüchen aller Verkehrsteilnehmer gestaltet werden könnte. Allerdings blieb nach der Vorstellung im Rathaus eine weitere Resonanz aus.

Mindestabstand unmöglich

Die Fahrlehrer appellieren an alle Verkehrsteilnehmer, besonders sorgfältig und rücksichtsvoll zu fahren. Nur so lasse es sich vermeiden, dass es zu Unfällen komme. "Wir wollen, dass die Radfahrer wirklich sicher sind", unterstreicht Arnold.

Tobias Härtl nennt die Kreuzung eine "tickende Zeitbombe". Denn statt mehr Sicherheit gebe es nun "nur eine trügerische Sicherheit - für Radfahrer, aber auch für die Autofahrer". Das Grundübel: Die viel zu vielen Fahrstreifen seien zu eng geworden. Das fixe Einordnen, der Spiegel-, Spiegel-, Schulterblick, mehrmals auf der nur zehn Meter langen roten "Wechselbahn" verlange den Autofahrer sehr viel ab. Zu viel.

Nötige, verbindlich vorgegebene Abstände zu den Radfahrern ließen sich beim Überholen nicht einhalten. Die Verkehrsführung sei verwirrend. "Dabei sollte doch jede Kreuzung mit ihren Markierungen und Beschilderungen selbsterklärend sein - auch für Ortsfremde. Aber ich musste erst fünfmal drüberfahren, bis ich mich zurechtfand", berichtet Steidl.

Überholen verboten

Der Autofahrer muss zum Radler einen Mindestabstand von 1,5 Meter einhalten. "Und das ist hier nicht möglich", betonen Sabrina Arnold, Joachim Steidl und Tobias Härtl. Muss der Radfahrer bergan kräftig in die Pedale treten, komme also etwas ins Pendeln, sei sogar ein seitlicher Abstand von zwei Metern einzuhalten. Die Konsequenz sei eindeutig: Da der Abstand nicht gewährleistet werden könne, dürfen die Autofahrer die Radfahrer nicht überholen. "Sie müssen dahinter bleiben. Wer näher dran ist, gefährdet den Radler."
Dabei haben breitere Auto wie SUV und Luxus-Karossen sowie Lkw und Busse bereits selbst größte Schwierigkeiten, die ihnen zugewiesenen Spuren nicht zu überfahren. "Die Verkehrsteilnehmer werden gezwungen, gegen die Straßenverkehrsordnung zu verstoßen", moniert Steidl.

Im toten Winkel

Geradezu unvorstellbar ist die Gefahr, wenn Lastwagen und Busse abbiegen und dabei "ausscheren". Hier seien die Radler auf ihren Schutzstreifen schnell in akuter Gefahr, warnt Sabrina Arnold. "Sie sind im toten Winkel der Rückspiegel. Und dort kann sich eine ganze Schulklasse mit den Räder verstecken, ohne dass sie der Lkw-Fahrer bemerkt. Das muss dort doch allen bewusst sein."

Vorwegweiser und Pfeile

Die neue Verkehrsführung sorge in der Christian-Seltmann-Straße schon vor der OMV-Tankstelle für Stress. Die zweite Geradeausspur stadteinwärts sei weggefallen, erklärt Steidl das Warum. Der ganze Verkehr komprimiere sich auf einer Spur. Und da, so seine Beobachtung, die Ampelschaltung kaum angepasst wurde, staue sich der Verkehr - selbst in der Ferienzeit - "bis weit hinterm Seltmann" zurück.

In der Peuerlstraße fehlten Vorwegweiser und weitere Pfeile. Gerade die Linksabbieger in die Seltmann-Straße gerieten mit den Autofahrern aneinander, die sich zwar rechts (stadtauswärts und geradeaus nur noch in die Sintzelstraße) eingeordnet haben, aber dann nach alter Gewohnheit zum Josefshaus weiterfahren wollen. Weiteres Manko: Schon, wenn nur zwei Autos vor der Ampel in der Peuerlstraße stünden, seien die Richtungspfeile nicht mehr zu sehen.

Gut sortiert?

Die viel zu engen Spuren hoch zum Adolf-Kolping-Platz, auf denen sich die Radler und Autofahrer über den "roten Streifen" sortieren müssen, seien das große Dilemma der Umgestaltung. In der Schillerstraße (ab Höhe Ringstraße) fehlten zunächst neue Streifen, dann aber würden die Fahrzeuge nach links "fast rechtwinkelig" in die Seltmannstraße geführt. Kein größeres Fahrzeug könne hier "in der Spur bleiben".

Nachbesserungsbedarf gebe es zudem in der Nikolaistraße. Hier kostete der Radlerschutzstreifen stadtauswärts eine Fahrspur. Doch ende der Schutzstreifen im Nirgendwo. Stadteinwärts gebe es einen Schutzstreifen. Aber Radfahrer, die geradeaus den Kolpingplatz queren wollten, müssten den rechts abbiegenden Verkehr queren, um sich vor den Autos in der Schutzzone "aufzustellen". Gänzlich Rätsel gebe die Einfahrt von der Sedanstraße in den Kolpingplatz auf. "Eine Fahrspur für drei Richtungen und davor die Radfahrer aufgestellt? Wie soll das gut gehen?"

Was wollen die Fahrlehrer? Ein neuer Umbau sei nötig, aber nicht möglich. Die Schwachstellen seien zu verbessern. "Wir appellieren an alle, mit großer Vorsicht den Bereich zu nutzen."

Das Überfahren der Markierung "bei Bedarf"Fahrlehrer Joachim Steidl hat für den NT die geltenden Aussagen von Straßenverkehrsordnung, Gerichtsurteilen und Verwaltungsvorschriften zum Schutzstreifen zusammengetragen: Da der Schutzstreifen kein Sonderweg ist, sind andere Fahrzeuge von seiner Benutzung nicht generell ausgeschlossen. Allerdings dürfen sie ihn nur "bei Bedarf" befahren. Die durchgängige Nutzung als Fahrstreifen ist daher ausgeschlossen.

Der amtlichen Begründung lasse sich entnehmen, dass die Benutzung des Schutzstreifens durch andere Fahrzeuge eine eng begrenzte Ausnahme darstelle, so Steidl. "Für Ausweichbewegungen im Begegnungsverkehr kann der Schutzstreifen durch den Kraftfahrzeugverkehr mitbenutzt werden, wenn auch unter besonderer Vorsicht.

Die Abmarkierung solcher Schutzstreifen setzt deshalb aus Gründen der Verkehrssicherheit voraus, dass sich solche Ausweichvorgänge auf eher seltene Fälle beschränken. Auch muss der ruhende Verkehr auf den Schutzstreifen ausgeschlossen (z. B. Zeichen 283) werden können." (wd)


Wir wollen, dass die Radfahrer wirklich sicher sind.Sabrina Arnold


Angemerkt zum ThemaVon Sonja Kaute

Ist die neue Verkehrsführung am Kolpingplatz sicher für Radfahrer oder nicht? Daran scheiden sich die Geister, auch die der Radfahrer. Von "Ich traue mich nicht, auf den Spuren für Radfahrer zu befahren" bis "Ich finde, die Regelung ist jetzt sicherer" reichen deren Meinungen. Einer der Hauptkritikpunkte dreier Weidener Fahrlehrer an der neuen Verkehrsführung bezieht sich auf die Schutzstreifen für Radler, die zum Teil zwischen den Autospuren her verlaufen.

Trügerisch sei die Sicherheit, die manche Radler jetzt verspürten, weil der Mindestabstand zwischen Autos und Radfahrern kaum eingehalten werden könne. Insbesondere, wenn Lieferwagen, Lkw und Busse über den Kolpingplatz fahren. Von einer "tickenden Zeitbombe" gar sprechen die, die täglich viele Stunden auf dieser Kreuzung unterwegs sind und Fahrschülern beibringen, wie man sich regelkonform verhält. Und davon, dass Bus- und Lkw-Fahrer hier gar nicht fahren dürften, weil die engen Fahrspuren sie geradezu dazu zwängen, gegen die Straßenverkehrsordnung zu verstoßen. Zwangsläufig fahren sie über durchgezogene Linien oder Schutzstreifen.

Da wundert es nicht, wenn sich Radlfahrer für den gefühlt sichereren Weg entscheiden: über die Gehwege, Seitenwechsel über die Ampeln. Frei nach dem Motto: Lieber einen Strafzettel riskieren als einen Krankenhausaufenthalt.


3 Kommentare
6
Markus Welsch aus Windischeschenbach | 12.09.2017 | 23:59  
Alexander Unger aus Amberg in der Oberpfalz | 13.09.2017 | 12:39  
7
J. Schmid aus Weiden in der Oberpfalz | 14.09.2017 | 23:36  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.