Oberfeldwebel erzwingt Kuss von Soldatin
Übergriff in der Ostmarkkaserne

Symbolbild: Oliver Berg/dpa

Er erzwingt einen Zungenkuss, greift der Frau ans Gesäß. Er ist Oberfeldwebel, sie Hauptgefreite. Ein sexueller Übergriff in der Kaserne, den das Gericht aufrollt. Es spricht den Vorgesetzten schuldig.

Das Urteil ergeht am Dienstag wegen "sexueller Nötigung im Zusammenhang mit entwürdigender Behandlung": Der 29-Jährige büßt mit einem Jahr auf Bewährung und einer Geldstrafe von 2000 Euro.

Der verhängnisvolle Vorfall datiert vom 1. August. An jenem Abend hatte der Oberfeldwebel eine Hauptgefreite des Sanitätsdienstes auf ihrer Stube in der Ostmarkkaserne besucht, um ihr Listen mit Rekruten zu übergeben, die versetzt werden sollten. Nach kurzer Unterhaltung über Belanglosigkeiten, bei welcher der Vorgesetzte auf einem Stuhl und die 20-Jährige ihm gegenüber auf ihrem Bett gesessen hatten, erhoben sich beide. Als Abschiedsgruß umarmte der Mann die junge Frau, hielt dabei ihre Arme auf dem Rücken fest, berührte ihr Gesäß und gab ihr den Zungenkuss. Sie erwiderte diesen nicht, befreite sich und konnte den Soldaten aus dem Zimmer hinausdrängen - indem sie ihm in Aussicht stellte, er solle doch in einer halben Stunde geduscht wiederkommen. Tatsächlich klopfte es später zwei Mal an der Tür des Einzelzimmers. Die Soldatin öffnete nicht. Sie hatte sich inzwischen telefonisch zwei Freundinnen anvertraut. Diese rieten ihr zur Meldung an die Dienstvorgesetzte, die Oberstabsärztin.

Verstörende Vernehmungen

In der Folge geschah etwas, das Amtsgerichtsdirektor Gerhard Heindl im Urteil "misslich verlaufene Vernehmungen bei der Bundeswehr" nannte. Einen Tag nach dem Vorkommnis befragten zwei Leutnante das Opfer. Mangels eines PCs protokollierte einer von ihnen mit Bleistift. Wenige Tage später musste die 20-Jährige das Geschehen abermals schildern - und in Oberviechtach ein drittes Mal. Über die Art der Vernehmung durch ihre Vorgesetzten berichtete die 20-Jährige unter Tränen. Wenn sie gewusst hätte, was die Meldung nach sich ziehen sollte, würde sie es nie wieder tun. Viele Mal habe sie nach Erfurt fahren müssen: zum Sozialberater und zur psychologische Behandlung, die sie mittlerweile abgebrochen habe. "Ich war gerne in Weiden, und es kann nicht sein, dass ich jetzt gehen musste, weil ich das gemeldet habe", klagte sie. Mittlerweile ist sie aus dem Dienst bei der Bundeswehr ausgeschieden und macht eine Ausbildung zur operationstechnischen Assistentin.

Frühere Kolleginnen bestätigten die Vernehmungspraxis: Ihre Befragungen seien in schroffem Ton erfolgt. Unliebsame Aussagen seien mit einem Lächeln bedacht worden, ihnen seien Worte in den Mund gelegt worden. Schließlich seien sie zum schnellen Unterschreiben genötigt worden. Ganz anders seien die Vernehmungen bei der Weidener Kripo verlaufen. Die Beamten hätten alles sachlich und richtig erfasst.

Bisher tadellos

Von bisher tadellosem Verhalten des Angeklagten berichteten der direkte Vorgesetzte, ein Hauptfeldwebel, und Kameraden. Auch in seinem Privatleben fand das Gericht keinen schwarzen Fleck auf seiner Weste finden. Er ist Vater zweier Kinder und nicht vorbestraft. Rechtsanwalt Juri Goldstein (Erfurt) merkte in seinem Plädoyer an, dass die Geschädigte die Vorwürfe in den verschiedenen Vernehmungen immer verschärft habe. Im Gegensatz zum Opfer hatten die Bundeswehr-Vertreter beteuert, dass bei den Vernehmungen alles korrekt abgelaufen sei. Nach dem Rechtsgrundsatz "Im Zweifel für den Angeklagten" müsse man seinen Mandanten frei sprechen, sagte der Anwalt.

Für Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf gab es keinen Zweifel daran, dass die Aussage der Frau stimmte. Sie habe kein Motiv für eine Falschbelastung gehabt, im Kerngeschehen seien ihre Aussagen konstant gewesen. Nebenklagevertreter Oliver Negele (Augsburg) sprach allen Opfern derartiger Übergriffe Mut zu, das Geschehen anzuzeigen: "Wenn die Opfer schweigen, können die Täter so weitermachen." Richter Heindl und die Schöffen folgten Schnappaufs Argumentation. 2000 Euro muss der Familienvater an das Soldatenhilfswerk der Bundeswehr zahlen. Für drei Jahre steht er unter Bewährung. Diese habe wegen des bisher untadeligen Lebenswandels gegeben werden können. Der sexuelle Übergriff habe sich "am unteren Rand" bewegt.


Skandal nach dem Skandal
Kommentar von Ralph Gammanick

Sie auch? Nein, sie reiht sich nicht in die lange Liste derer ein, die sich öffentlich als Opfer outen. Monate vor dem Weinstein-Skandal in den USA, der "Me too"-Kampagne und also breiter gesellschaftlicher Rückendeckung entschließt sich eine Soldatin in der Weidener Kaserne, gegen einen Vorgesetzten vorzugehen. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass der Mann die 20-Jährige sexuell bedrängt hat. Für den bisher unbescholtenen Oberfeldwebel, so war zu hören, hat der unentschuldbare Fehltritt jetzt schwerwiegende Folgen: Familie entzweit, Karriere zerstört. Die finanziellen Einbußen sind noch nicht absehbar. Die Bundeswehr leitet ein Disziplinarverfahren ein.

Aber ehe wir den Täter nun zu sehr bedauern: Sehen wir uns die Folgen für das Opfer an. Die 20-Jährige fühlt sich in Vernehmungen von anderen Vorgesetzten drangsaliert, muss sich regelmäßig psychologisch behandeln lassen und den Dienstort verlassen. Das ist zu viel für die junge Frau. Sie streckt die Waffen, kehrt der Bundeswehr den Rücken. Vor Gericht bemerkt sie: Hätte sie gewusst, was ihre Meldung nach sich ziehen würde - sie hätte sie nie gemacht. Und das ist der eigentliche Skandal. Dass ein Opfer das Gefühl haben muss, bestraft zu werden. "Her too": Auch das Beispiel der jungen Soldatin muss dazu führen, dass Dienstherren und Arbeitgeber sensibler mit dem Thema der sexuellen Belästigung durch Vorgesetzte umgehen.
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