27.12.2017 - 20:40 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Offener Brief: Kinderärzte überlastet Warten, wenn kein Arzt kommt

Diese Nachricht regt die Kinderärzte auf: Statistisch gesehen ist die Region überversorgt. Acht Mediziner sehen das anders: In einem offenen Brief fordern sie ein Umdenken.

Impftermin bei Dr. Roland Renz (links). Ein Bonbon lindert manches Wehwehchen. Archivbild: Götz
von Dominik Konrad Kontakt Profil

Es ist ein Brief, in dem die Argumente dicht aufeinanderfolgen. Den Medizinern reicht es offensichtlich. Sie fühlen sich im Stich gelassen und fordern ein Umdenken bei Krankenkassen, Kassenärztlicher Vereinigung (KVB) und den Eltern. Sie schreiben von "Aufnahmestopps" in den meisten Praxen. Kinderärzte seien bei Vorsorgeterminen auf bis zu drei Monate ausgebucht.

Die Aufgaben hätten sich in den vergangenen Jahren extrem gewandelt. Die Zahl der Impfungen habe sich verdoppelt, es gebe statt 6 nun 14 Vorsorgeuntersuchungen. Besorgte Eltern würden inzwischen viel häufiger zum Kinderarzt gehen, und Krippen-Kinder hätten häufig langwierige Infektionen.

Diese zusätzlichen Belastungen würden von der Politik überhaupt nicht gewürdigt. Die Daten der Kassenärztlichen Vereinigung würden die Realität nicht mehr abdecken. Das kritisieren die Doctores Meike Hofmann (Mitterteich), Bernd Seybold (Waldsassen), German Tretter (Altenstadt), Judith Aderbauer (Weiden), Egbert Leonhardt (Weiden), Frank Scharnowski-Fischer (Weiden), Claudia Lauterbach (Weiden) und Roland Renz (Weiden). Laut Homepage der KVB kommt auf knapp 3900 Kinder in der Region ein Kinderarzt. Das entspräche 5,5 Kinderärzten. Weiden und der Landkreis seien laut KVB mit 122,5 Prozent oder 7,5 Arztstellen überversorgt. Die Praxen seien aber überfüllt und überlastet, schreiben die Ärzte.

Es gibt wieder mehr Kinder

"Die Verhältniszahlen sind vor 20 Jahren festgelegt worden", erläutert Dr. Matthias Loew, Weidener Allgemeinmediziner und Mitglied der KVB-Vertreterversammlung. Er geht davon aus, dass demnächst an den Zahlen gearbeitet wird. Auf die zehn Ärzte, von denen im Leserbrief die Rede sei, komme man aber nur in Kombination mit dem Landkreis Tirschenreuth. Hier werde falsch gerechnet. "Die Versorgung ist vielfältiger geworden", sagt auch Loew. "Kleinste Kinder sind in den Krippen und werden eher krank. Das stimmt ja alles."

Allerdings will er auch nicht alle Argumente seiner Kollegen gelten lassen: "Mehr Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen sind früher ja gerade vom Berufsverband der Kinderärzte gefordert worden." Das sei ja auch sinnvoll gewesen. "Manche Impfungen sind in den letzten 15 bis 20 Jahren erst erfunden worden."

Der KVB-Vertrteter erläutert, man habe sich vor einigen Jahren noch etwas überlegen müssen, um die Kinder in die Praxen zu bekommen, weil es so wenige gegeben habe. Mit der höheren Geburtenrate würden die Zusatzuntersuchungen nun zur Belastung für die Kinderärzte.

Hausärzte würden helfen

Die Mediziner kritisieren in ihrem offenen Brief auch die Übervorsicht vieler Eltern: "Nicht jedes 4-jährige Kind, das den Stift nicht richtig hält (...), ist zu therapieren." Sie rufen die Eltern auf, die Kinder nicht kränker zu machen, als sie sind. Doch Loew hat Verständnis für die gestiegene Zahl der Arztbesuche: "Heute hat man als Frau statistisch ein oder zwei Kinder. Woher sollen sie die Erfahrung haben?"

Ein weiteres Problem sei der Rückgang der Hausärzte: "Ein gestandener Allgemeinarzt versorgt natürlich auch Kinder", sagt Loew. Vor zwei Jahren habe Walter Rößler aufgehört, "der war daneben noch Kinderarzt". Und morgen werde Kollege Franz Müller seine Praxis schließen. Dieser Mangel verschlimmere das Problem der Kinderärzte. Auch die KVB könne keine Ärzte backen. Angemerkt

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Der offene Brief im Wortlaut: www.onetz.de/1804849

Laut Kassenärztlicher Vereinigung würden allein in Weiden 10 Kinderärzte praktizieren, was vollkommen an der Realität vorbeigeht. (...) Sollte dieser Wert auch nur ansatzweise stimmen, muss man sich fragen, warum die Praxen so überfüllt und überlastet sind.Die Kinderärzte in ihrem offenen Brief

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