23.05.2017 - 11:56 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Rätselhafte Darmerkrankungen

Bei vielen Krankheiten verzeichnet die Medizin große Fortschritte. Doch manche bleiben rätselhaft, so wie die Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa.

Das Expertenteam referierte am Patiententag über chronisch entzündliche Darmerkrankungen (von links): Horst Schleicher, Professor Frank Kullmann, Dr. Christiane Zwicker, Dr. Markus Schaffer und Ärztlicher Direktor Dr. Thomas Egginger. Bild: Bühner
von Siegfried BühnerProfil

(sbü) Zum Patiententag mit Vorträgen über chronisch entzündliche Darmerkrankungen hatte das Klinikum Nordoberpfalz zusammen mit der Gastro-Liga in die Personalcafeteria eingeladen. Anlass war der weltweite Aktionstag zu den Darmerkrankungen Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa.

Als Experten der verschiedenen medizinischen Fachdisziplinen am Klinikum Nordoberpfalz referierten Chefarzt Professor Karl-Heinz Dietl (Allgemeinchirurgie), Dr. Markus Schaffer (Radiologie), Dr. Christiane Zwicker (Kinderklinik) sowie Horst Schleicher (Facharzt für Innere Medizin und Neurologie). Moderiert wurde die Veranstaltung durch Chefarzt Professor Frank Kullmann.

Individuelle Therapien

Wie ein roter Faden zog sich durch alle Vorträge die Aussage, dass es keine einheitlichen Erscheinungsformen dieser Krankheiten gibt. Deshalb müssen auch die Therapien individuell ausgerichtet werden. Bei Morbus Crohn treten Entzündungen und Veränderungen oft im gesamten Verdauungstrakt auf, bei Colitis Ulcerosa meist nur im Dickdarm und Enddarm. Besonders gefährlich wird es, wenn die Entzündungen sich über die Verdauungswände hinaus ausdehnen. Vieles über diese Krankheiten ist auch noch nicht ausreichend erforscht, deshalb sagte Professor Kullmann: "Man beginnt erst jetzt zu verstehen". Auch über die Ursachen kann derzeit noch keine endgültige Aussage getroffen werden.

Mediziner gehen davon aus, dass genetische Faktoren den Krankheitsausbruch fördern können. Auch ungesunde Ernährung, Umwelteinflüsse, Rauchen und Bewegungsmangel sollen den Ausbruch der Krankheit begünstigen. Einigermaßen sicher sind sich die Mediziner, dass es sich bei Morbus Crohn um eine Autoimmunkrankheit handelt. Das bedeutet, dass der menschliche Körper gegen sich selbst arbeitet, weil Immunzellen die eigenen Darmzellen angreifen. Auf jeden Fall spielt die Darmflora, von der Kullmann sagt, "es gibt Millionen verschiedener Darmbakterien", eine wichtige Rolle.

Auf den ersten Blick scheint das statistische Risiko recht gering, denn an Morbus Crohn erkranken bundesweit jährlich 7 bis 8 Menschen pro 100 000 Einwohner, an Colitis Ulcerosa sogar nur 3 bis 4. Dennoch errechnen sich dadurch insgesamt weit über Hunderttausend tatsächlich Kranke. Die Krankheiten begleiten die Menschen fast immer ihr ganzes Leben. Oftmals brechen sie bereits im Kindes- und Jugendalter aus und kommen in Schüben. Kennzeichen können Bauchkrämpfe und starke Bauchschmerzen sein, wochenlange schleimige und blutige Durchfälle bei Fieber, Erschöpfung, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust.

Krebsrisiko kann steigen

Mögliche Begleiterscheinungen sind Augenentzündungen, Hautveränderungen, Arthritis und bei Kindern Wachstumsverzögerungen. Auch das Krebsrisiko kann steigen. Bevor die Therapie beginnt, sollte unbedingt die richtige Diagnose gestellt werden. Als Diagnosemethoden steht die breite Palette der bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, Röntgen, CT, Kernspin und MRT zur Verfügung. Auf Darmspiegelungen kann nicht verzichtet werden, weil dabei Gewebeproben entnommen werden können. Medikamentöse Therapien haben Vorrang.

Die Therapie zielt in erster Linie darauf ab, den Entzündungsprozess zu bremsen. Medikamente wie Kortison oder andere sogenannte Immunsuppressiva und Entzündungshemmer kommen, je nach individueller Verträglichkeit und Krankheitsausprägung, zum Einsatz. Vor allem bei Kindern kann auch eine Ernährungstherapie mit Astronautennahrung oder Modulenpulver helfen. Operationen können bei Fisteln, Abszessen, Darmverschluss und -durchbruch oder bei Krankheitsbefall weiterer Organe erforderlich sein. "Wenn das Karzinomrisiko steigt, sollte die Kolonschleimhaut (im Dickdarm) entfernt werden", empfahl Professor Karl-Heinz Dietl.

Man beginnt erst jetzt zu verstehen.Professor Frank Kullmann über die Tatsache, dass bei diesen Darmerkrankungen vieles noch unerforscht ist

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