15.03.2018 - 18:36 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Rechtsmediziner sieht "potenzielle Lebensgefahr" für Vorarbeiter Beil stoppt haarscharf vor Rückenmark

Ein bis zwei Zentimeter tiefer: "Und das Rückenmark wäre durchtrennt gewesen", sagt Rechtsmediziner Professor Dr. Stephan Seidl aus Erlangen. Dies hätte nicht nur zur Lähmung, sondern zum Tod des 40-Jährigen führen können, weil damit auch die Nerven für die Atmung gekappt worden wären. "Es wäre mit einem sofortigen Atemstillstand zu rechnen gewesen." Dass die Klinge "haarscharf" vor dem Spinalkanal stoppte, sei "mehr oder weniger dem Zufall geschuldet". Seidl: "Ein Hieb in dieser Körperregion ist potenziell immer lebensgefährlich."

An diesem Prozesstag gegen den 39-Jährigen Bauarbeiter der seinen Kapo mit einem Beil niederschlug, spricht der Rechtsmediziner. (Symbolbild)
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Am Donnerstag ist "Ärztetag" im Prozess gegen einen 39-jährigen Bauarbeiter aus dem Landkreis, der sich wegen versuchten Mordes verantworten muss. Er hat im September 2017 einen 40-jährigen Vorarbeiter mit einem Schlachterbeil (2 Kilo schwer, 40 Zentimeter Klingenlänge) angegriffen. Rechtsmediziner Eduard Schwabauer beschreibt die 14 Zentimeter lange Wunde, die nahezu quer auf Höhe des Hemdkragens verlief. Alle Weichteilschichten, wie die Nackenmuskulatur, waren durchdrungen. Der Notarzt schildert die starke Blutung, die er vor Ort mit einer strammen Halskrause stillte. Der Patient sei dabei immer ansprechbar gewesen. "Er konnte alles bewegen." Der 40-Jährige wurde im Sanka ins Klinikum Weiden gebracht.

Die Notaufnahme ließ eine Computertomographie machen. Kurz darauf lag der Mann auch schon auf dem Operationstisch: Am vierten Halswirbel war der Dornfortsatz - durch die Haut gut tastbar - gespalten. Ein kleines Stückchen, etwa acht Millimeter groß, hatte sich in Richtung Rückenmark verschoben. Aber nicht so weit, dass es zu einer neurologischen Verletzung kam.

Der Chirurg ließ dieses Fragment stecken, wo es war: "Es war medizinisch nicht notwendig, es zu bergen. Der Bogen, der die Nerven schützt, war nicht verletzt." Der Operateur nähte Schicht um Schicht wieder zusammen: erst das Band, das zur Stabilisierung zwischen den Wirbeln verläuft. Dann die Muskeln und die Haut. Der 40-Jährige ist genesen, leidet aber an Schmerzen und eingeschränkter Beweglichkeit.

Vorsitzender Richter Markus Fillinger und seine Beisitzer Dr. Marco Heß und Matthias Bauer nehmen Fotos und Schaubilder in Augenschein. "Man stellt sich landläufig vor, da könnte der Kopf ab sein", meint Fillinger. Rechtsmediziner Seidl hält das für unwahrscheinlich. Dazu fehle das Widerlager. "Mit einem Schlag gegen einen stehenden Menschen wäre das eine absolute Rarität."

Der Vollständigkeit halber: Die Blutproben bei Täter und Opfer ergaben alle 0,00 Promille. Die Tat ereignete sich um 6.20 Uhr morgens. Eine Haarprobe des Angeklagten wies keinerlei Missbrauchssubstanzen auf. Fortsetzung ist am Freitag, 16. März, das Urteil wird am Montagnachmittag, 19. März, erwartet.

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