03.05.2018 - 18:06 Uhr
Oberpfalz

Redakteur Wolfgang Würth macht die Führerscheinprüfung Und? Wie fahr' ich?

Immer häufiger scheitern Fahrschüler an der Prüfung. Aber was ist, wenn ein erfahrener Autofahrer nach gut 20 Jahren ein zweites Mal antritt? Ein Experiment.

Nicht bestanden und trotzdem Grund zum Lachen: Fahrlehrer Stefan Tretter (links) und sein Prüfling. Bild: Gold
von Wolfgang Würth Kontakt Profil

Es dauert drei Minuten oder tausend Meter und Stefan Tretter verzieht zum ersten Mal das Gesicht: "Bei einem strengen Prüfer wäre schon Schluss." Mein Vergehen: In der Einbahnstraße am Sporthaus Fehr in Weiden habe ich mich nicht weit genug links eingeordnet. Hunderte Male bin ich dort so abgebogen, nie gab es ein Problem - heute schon. Denn mit Fahrlehrer Stefan Tretter habe ich mich zu einem Experiment verabredet: Der Weidener mit 28 Jahren Erfahrung als Fahrlehrer nimmt meine zweite Fahrprüfung ab. 21 (fast) unfallfreie Jahre nach der bestandenen ersten Prüfung, teste ich, ob mein Fahrstil mit der "reinen Lehre" vereinbar ist. Um es gleich zu sagen: Eher nicht. Obwohl ich alles gebe - je nach Strenge des imaginären Prüfers wäre es in den 45 Prüfungsminuten zwei bis fünf Mal vorbei gewesen, rechnet mir Tretter vor. Zu meiner Ehrenrettung: Er findet trotzdem, dass ich nicht schlecht war. "Ich habe mit mehr Fehlern gerechnet." Und: "Nicht alles, was in der Prüfung das Aus bedeutet, ist im Alltag ein Problem."

Hölle für Fahrschüler

Während er mir das erzählt, lotst er mich in den Fahrschüler-Alptraum zwischen "Allee" und Nikolaistraße. Dort bin ich auch ohne Fahrlehrer nur ungern unterwegs. Durch die engen, zugeparkten Straßen, fahre ich sonst langsam und "auf Sicht". Heute soll ich nach Regeln fahren. Dazu versuche ich, mich an den Ablauf zu halten, den Tretter mir eben fürs Abbiegen erklärt hat: "Innenspiegel, Außenspiegel, Blinker, Schulterblick, abbiegen." Nur bedingt koordiniert bewege ich meine Augen zwischen den Spiegeln hin und her. Dass ich so sicherer fahre, glaube ich nicht. Ich habe alles im Blick, nur nicht die Straße vor mir. Es kommt, was kommen muss: Plötzlich stehe ich halb in einer "schiefen" Kreuzung, in der ich links abbiegen soll. "Einem Prüfer gefällt das nicht", sagt Tretter.

Er kennt das: Fahrschüler tun sich immer häufiger schwer. "Die Anforderungen sind härter." Der häufigste Durchfall-Grund sei heute ein Bus mit eingeschalteter Warnblinkanlage. Den darf man nur in Schrittgeschwindigkeit passieren - auch wenn er in Gegenrichtung hält. Allerdings haben sich auch die Schüler verändert. Wegen des Führerscheins mit 17 fehle oft Reife. "Manche kommen nur, weil die Eltern sie schicken." Deshalb steige auch die Stundenzahl. Wenn man verschiedene Fahrschulen befragt, kommt man auf 36 Stunden und 2000 Euro als Durchschnittswerte. Und noch etwas machte es schwerer: Der Dorfkind-Effekt sei weg: "Früher wussten Schüler zur ersten Stunde, wo Gas und Kupplung sind." Jeder hatte in Papas Auto mal geübt. "Heute beginne ich meist bei null", sagt Tretter.

Für mich ist dagegen Prüfungshalbzeit, der Irrgarten bei der Josefskirche liegt hinter mir. Ich rolle Richtung Stockerhut, die Anspannung löst sich, was mir gleich zum Verhängnis wird. Als ich den Golf in eine Spielstraße rollen lasse, atmet Tretter durch die Zähne. "Das geht so nicht." Obwohl das Auto im Leerlauf rollt, zeigt der Tacho immer noch 25 km/h. "Höchstens 10, und zwar ab dem Schild", sagt Tretter. Dass der Bereich links und rechts der Straße gut zu überblicken und kein Mensch zu sehen ist, lässt er nicht gelten. Man müsse dem Prüfer auch etwas bieten, ihm zeigen, dass man die Regeln kennt und sie beherrscht. Fährt er selbst immer prüfungstauglich? Der jung gebliebene 50-Jährige zuckt die Schultern: Es könne schon passieren, dass er den Blinker vergisst, wenn absolut kein anderes Auto zu sehen ist. "Im Grunde achte ich aber darauf, vernünftig zu fahren. Was sollen Prüfer sagen, wenn sie mich fahren sehen wie ein Wilder." Problematisch werde sein Beruf, wenn er privat als Beifahrer unterwegs ist. "Manchmal ist es eine Katastrophe." Im Bekanntenkreis sei er berüchtigt. Es falle schwer, ruhig zu bleiben. "Manchmal rutscht mir sogar ein 'die nächste rechts' raus."

Mich haben seine Anweisungen inzwischen auf die Autobahn gebracht. Bei der Ausfahrt Weiden-West unterläuft mir der schwerste Fehler der Prüfung: Beim Linksabbiegen fällt mir die doppelt durchgezogene Linie auf, die ich gerade überquere: "Jetzt wäre es vorbei", kommentiert der Fahrlehrer. Tatsächlich hätte ich auf eine Einfädelspur biegen müssen, bevor ich auf die eigentliche Spur Richtung Innenstadt wechsle. "Spanisches Abbiegen" nennt man diese Technik, die Linksabbiegern auf stark befahrenen Straßen helfen soll. Vor 21 Jahren gab es das nicht.

Nachprüfung nicht nötig

Wären also Stunden und Nachprüfungen für ältere Fahrer sinnvoll, um sie mit Neuerungen vertraut zu machen? Tretter schüttelt den Kopf. "Ich glaube nicht, dass das nötig ist." Ihre Erfahrung helfe Autofahrern bei neuen Regeln. Sinnvoll wären regelmäßige Seh- und Reaktionstests. Auf ältere "Kundschaft" sei er ohnehin nicht angewiesen. Der demografische Wandel bereitet Fahrschulen jedenfalls keine Probleme, schon eher der Fachkräftemangel. "Ich könnte sofort zwei bis drei Fahrlehrer einstellen", sagt Tretter, der Fahrschulen an vier Orten betreibt. Früher sorgte die Bundeswehr für Nachschub, heute kommt von dort nichts mehr. Privat sei die Ausbildung zu unattraktiv. Die beiden Jahre kosten rund 15 000 Euro. "Das kann sich kaum jemand leisten." Weil Lehrer fehlen, haben Fahrschüler Probleme, regelmäßig Fahrstunden zu bekommen. Es falle ihnen schwer, Routine zu entwickeln. Weil es allen Fahrschulen so geht, rät Tretter genug Zeit einzuplanen, mindestens fünf bis sechs Monate.

Inzwischen sind wir zurück beim Tüv in der Vohenstraußer Straße. Obwohl mein Schein nicht auf dem Spiel stand, merke ich die Belastung, bin richtig erschöpft. Als ob Stefan Tretter das bemerkt, weist er daraufhin, wie belastend die Prüfung für junge Fahrschüler sei. "Die kennen nur theoretische Tests, die praktische Prüfung ist für sie der pure Stress." Oft genug ende diese Ausnahmesituation dann auch noch mit der ultimativen Enttäuschung. Während wir an der Einfahrt zum Tüv auf eine Lücke warten, muss Stefan Tretter lachen. "Die Einfahrt ist heikel: viel Gegenverkehr und ein Radweg zu überqueren. Hier sind schon einige Prüfungen Sekunden vor dem Ende in die Hose gegangen."

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