22.03.2017 - 18:24 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Reichsbürger in Weiden vor Gericht Aus einem unbekannten Land

Willkommen in Absurdistan. Die Angeklagte steht vor Richter Georg Grüner und beharrt: Nein, die geladene Anna-Maria H., das sei sie nicht. „Ich bin das Weib Anna-Maria“, betont die Frau aus dem Altlandkreis Vohenstrauß nach der Verhandlung. Sie ist auch keine deutsche Staatsbürgerin. Sie lebt im „Bundesstaat Bayern“, gegründet im Dezember 2015 in München.

Riesenpolizeiaufgebot am Landgericht Weiden wegen einer kleinen Berufungsverhandlung. Die Angeklagte gehörte bis vor kurzem zur "unabhängigen Nation Asgard", inzwischen zum "Bundesstaat Bayern". In anderen Gerichten war es bei Verhandlungen gegen Vertreter ähnlicher Gruppierungen zu Tumulten gekommen - daher die Vorsicht. Bild: ca
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Als sich das Delikt ereignete, wegen dessen die 61-Jährige vor dem Berufungsrichter steht, gehörte sie noch - „übergangsweise“ - der unabhängigen Republik Asgard an. Wie auch ihr Lebensgefährte, „Johann aus dem Hause A.“, den sie im November 2015 mit ihrem Auto fahren ließ. Zum wiederholten Mal. Dabei hatte Johann nur einen asgardianischen Führerschein. Und der galt bei der Kontrolle der Weidener Verkehrspolizei auf der A 6 nicht. Der Amtsrichter in Vohenstrauß verurteilte die Frau daher im Januar zu zwei Monaten Haft auf Bewährung. Tatbestand: vorsätzliches Zulassen des Fahrens ohne Fahrerlaubnis. Dagegen legte sie Berufung ein. 

Pfiffig: Ausweiskontrolle

Die Verhandlung sorgt am Dienstag für ein absurdes Spektakel am Landgericht Weiden. Das Paar aus dem Altlandkreis Vohenstrauß wird von einem Dutzend Gleichgesinnter begleitet, großteils Franken. In den Saal dürfen zwei Drittel der Begleiter dann nicht. Sie scheitern an Kontrollen vor dem Sitzungssaal.

Am Dienstag gelten eiserne Sicherheitsvorschriften, nachdem „Germaniten“ im März ein Amtsgericht in Kaufbeuren gestürmt und Akten geklaut haben. Pfiffig: In Weiden wird der Zutritt nur mit gültigem Ausweis erlaubt. Da gelten der „Staatsangehörigkeitsausweis“ und der „Heimatschein“ nicht, die der nagelneue „Bundesstaat Bayern“ ausgibt. Trotz Adler und Stempel und allem.

Was ist das für eine Gruppierung? Eine bajuwarische Sekte? Ebenfalls „Germaniten“? Nein, nein, protestiert Johann in seiner Trachtenjacke mit Hirschhornknöpfen. „Von Gewalt distanzieren wir uns.“ Er breitet in wenigen Minuten ein Weltbild aus, das einem nur so schwindelig wird. Die Bundesrepublik Deutschland wird nicht anerkannt. Seine Papiere hat er daher „zur Vernichtung“ bei der Verwaltung abgegeben. Vielmehr ist das Deutsche Reich völkerrechtlich nie abgeschafft worden. Ziel ist die Reorganisation auf den Stand zwei Tage vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. „Vordenker“ Dr. Klaus Maurer hat ein Buch geschrieben: „Die BRD GmbH - zur völkerrechtlichen Situation in Deutschland und den sich daraus ergebenden Chancen für ein neues Deutschland“. Johann hat’s dabei. Er zieht den Wälzer aus der Tasche.

Richter Grüner bleibt das Paralleluniversum erspart. Der Landgerichtsvizepräsident macht kurzen Prozess. Er ruft die Angeklagte - die vor ihm steht - mehrfach auf. Er fragt sie direkt, ob sie Anna-Maria H. ist. Sie verneint. „Wenn sie sich nicht zu erkennen gibt, ist die Berufung zu verwerfen. Die Mitwirkungspflicht wird nicht erfüllt, dass man sich hinstellt und in Schweigen hüllt.“ Grüner beruft sich auf die Strafprozessordnung für den Fall, dass ein Angeklagter nicht erscheint.

Das Ersturteil wird bestätigt. Beamte der Polizeiinspektion Weiden kassieren Johanns Fantasieausweis ein. Er hat damit zwei neue Probleme mit dem Staat, den er nicht akzeptiert: Das missbräuchliche Verwenden von Hoheitszeichen ist strafbar. Und in Deutschland gilt Ausweispflicht. Im Land der Bundesbayern übrigens auch. Johann, Mitglied der administrativen Regierung, hat die Anordnung letzte Woche selbst erlassen: Alle Staatsangehörigen sind verpflichtet, die staatlichen Dokumente des Bundesstaats Bayern zu beantragen. Alles andere gilt nicht.

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