06.04.2018 - 16:48 Uhr
Oberpfalz

Renate Trammer und Ulrich Pietsch holen Kunstwert "Rübezahl" aus Abbruchhaus "Rettung in letzter Minute"

Der Berggeist aus dem Riesengebirge wacht in ihrer Kindheit vom Kamin aus über sie. Nach dem Tod der Mutter verkaufen Renate Trammer und Ulrich Pietsch das Elternhaus, verlieren das Kunstwerk jahrelang aus den Augen. Als sie erfahren, dass das Haus abgerissen werden soll, steht für sie fest: "Vorher holen wir Rübezahl da raus."

Es ist ein kleiner Familienschatz, der beinahe für immer verloren gewesen wäre. Renate Trammer und Ulrich Pietsch retten aus ihrem Elternhaus ein Bild, das Künstler Franz Friedrich 1957 an den Kamin gemalt hat. Kurze Zeit später wird das Haus abgerissen. Bild: Schönberger
von Julia Hammer Kontakt Profil

"Wir haben gleichzeitig davon erfahren - Uli im Fitnessstudio, ich beim Zoigl. Ein merkwürdiger Zufall." So erinnert sich Renate Trammer an den Moment, in dem sie erfahren hat, dass es ihr Elternhaus im Primelsteig bald nicht mehr geben wird. Pietschs erster Gedanke im ähnlichen Moment: "Es ist so schade um unseren Rübezahl." Auch für Trammer ist die Vorstellung, das geliebte Kunstwerk könnte für immer verloren sein, unerträglich. Die Geschwister nehmen Kontakt zu den neuen Besitzern auf - die geben grünes Licht. "Sie haben gesagt, wir können alles nehmen, was wir wollen."

Doch schon der Weg zum Elternhaus, das die Geschwister nach dem Tod der Mutter 2005 verkauften, ist für Trammer nicht leicht. "Ich habe schon Rotz und Wasser geweint, als ich in die Mooslohe eingebogen bin. So lange war ich nicht mehr da." Das Haus ist seit zwölf Jahren unbewohnt. "Das hat man unserem Bild am Kamin aber nicht angemerkt. Es sah genauso aus wie früher - in unserer Kindheit", betont Pietsch. Es ist eine Rettungsaktion in letzter Minute. "Am Donnerstag haben wir unser Bild mit einem Freund aus dem Kamin geflext. Am Samstag haben die Arbeiter mit dem Abriss begonnen."

Bild bricht in drei Teile

Ein Freund aus Mantel hilft den Geschwistern, das Kunstwerk vom Kamin zu entfernen. "Hat das gestaubt", erinnert sich Pietsch. In einem Stück bekommen sie Rübezahl nicht ab. Die große Vorderplatte bricht in drei Teile. "Aber das ist kein Problem. Wir werden sie wieder zusammensetzen." In Schubkarren transportieren sie die Teile ins Auto. Anstrengend, "aber es hat sich absolut gelohnt". Franz Friedrich, ein bekannter Künstler Weidens, malte Rübezahl 1957 an den Kamin - in dem Jahr, in dem Dr. Hans Pietsch, Vater von Renate und Ulrich, die ehemalige Wehrmachtsbaracke für seine Familie kaufte und renovierte. Der Maler, der 1973 verstarb, fertigte das Bild in einer Art Graffiti-Technik. Ulrich Pietsch erinnert sich noch gut daran. "Erst hat er die Kaminhaube verputzt, dann einen dicken braunen Putz aufgetragen. Als der trocken war, kam eine dünnere helle Putzschicht darüber." Anschließend "kratzte" Friedrich das Motiv in den Putz - den mächtigen Rübezahl, ein Fabelwesen aus dem Riesengebirge. Doch der Vater hatte noch einen besonderen Wunsch: An den Seiten sollte der Künstler ein Reh und zwei Vögel einarbeiten. Die Tiere sollten seine Kinder symbolisieren.

Das Motiv ist einzigartig - und hatte für die Familie von Anfang an eine besondere Bedeutung. "Rübezahl sollte aus dem Bild schauen. In zahlreichen Sagen und Überlieferungen wird er als Wächter über das Riesengebirge beschrieben. Mein Vater wollte, dass er auch über uns wacht", erklärt Trammer. Und das macht der mächtige Riese viele Jahre lang. Er wird Mittelpunkt des Familienlebens, ist immer präsent. "Gegenüber des Kamins im Wohnzimmer war ein großes Fenster mit Blick zum Garten. Mein Vater pflanzte extra Bäume, die es im Riesengebirge auch gibt, damit sich unser Rübezahl heimisch fühlt", erinnert sich Pietsch.

Die Geschwister verbinden viele unvergessliche Erinnerungen mit dem Kunstwerk. "Doch nicht nur deshalb wollten wir es unbedingt wiederhaben. Wir wollen damit auch ein Stück Weidener Kunstgeschichte bewahren. Friedrich war ein bedeutender Künstler. Sein Werk sollte nicht verloren gehen." Für die fünfköpfige Familie hat das Bild eine weitere Bedeutung: Es ist ein Stück alte Heimat. 1945 flüchten Ingeburg und der 19 Monate alte Sohn Ingo aus Schlesien. Vater Hans wird bereits 1939 eingezogen, kämpft im Zweiten Weltkrieg. Es ist eine schwere Zeit für die Pietsches - doch nach Ende des Krieges finden sie 1948 in Weiden eine neue Heimat. "Mit Rübezahl haben wir uns auch Schlesien verbunden gefühlt." Dr. Hans Pietsch eröffnet eine Kanzlei, wird dritter Bürgermeister von Weiden. Die Mutter engagiert sich in der Gemeinschaft, gibt Kindern Nachhilfe in Deutsch.

Wahrsagerin prophezeit Tod

Doch am 12. Juni 1969 ändert sich das Leben von Ingeburg, Renate und Ulrich. Der Vater stürzt mit dem ältesten Sohn Ingo in den Alpen mit dem Flugzeug ab. "Auf einmal waren beide weg. Von einem Moment auf den anderen", erinnert sich Trammer. Ein Verlust, den sie und ihr Bruder bis heute nicht verwunden haben. "Ich bin nicht abergläubig. Aber an eine Sache denke ich oft. Als mein Vater 20 Jahre alt war, war er bei einer Wahrsagerin in Breslau. Sie hat ihm gesagt, er stirbt mit 57. Er hat das oft erzählt. Daran geglaubt hat er nicht. Kurz nach seinem 57. Geburtstag ist er mit meinem Bruder abgestürzt."

Nach der Tragödie verlässt Trammer das Elternhaus, Ulrich studiert Jura, heiratet 1973 und wird Amtsrichter. Die Mutter bleibt im Haus - bis zum Jahr 2005. Als sie stirbt, verkaufen die beiden Kinder das Haus - und damit auch Rübezahl, "unseren Riesen, der uns jahrelang beschützt hat". "Jetzt, nachdem das Gebäude abgerissen ist, ist es für uns auch eine Art Abschluss. Das ist gut", betont Trammer. Das, was ihnen am meisten am Herzen lag, haben sie bei sich - ihren geliebten Rübezahl.

Am Ende verrät Uli Pietsch, wo er sein 1,60 Meter hohes Stück des Kunstwerks aufbewahren wird. "Natürlich im Kaminzimmer", erzählt der Weidener und lacht.

Vater und Sohn sterben bei Flugzeugabsturz

Das Leben der Familie Pietsch änderte sich am 12. Juni 1969 dramatisch. Noch heute erinnern sich die Geschwister Ulrich Pietsch und Renate Trammer an den verhängnisvollen Tag vor 48 Jahren, "als ob es gestern gewesen wäre". Der Vater, Dr. Hans Pietsch, damals 57 Jahre alt, Jurist und dritter Bürgermeister, und sein Sohn Ingo (26) trafen sich in Zell am See. Beide hatten ein paar Tage zuvor Geburtstag. Ingo, der einen Pilotenschein hatte, schenkte seinem Vater einen Alpenrundflug in der Piper JC 3. Vater und Sohn überlebten diesen Tag nicht. Die Maschine stürzte in den Alpen in der Nähe von Fusch ab. Die Ursache ist nicht geklärt, wahrscheinlich sackte das Flugzeug in ein Luftloch. "Die Piper stürzte ab wie ein Schmetterling, den der Hagel zu Boden gedrückt hatte", schrieb damals NT-Chefredakteur Horst Homberg, der noch am gleichen Tag an die Unglücksstelle geeilt war. Ingo hatte als Co-Pilot mit seiner "weißen Piper"bereits 500 Flugstunden hinter sich und galt als erfahrener Flieger. (juh)

Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.