"Rio"-Räuber gesteht Überfall, Zwischenfall in Verhandlung
Schwindeln und Schweigen

Eine halbe Hundertschaft ist im Einsatz. Das Unterstützungskommando (USK) und Beamte der Weidener Polizei führen Oleksandr M. vor, der seine Beteiligung am "Rio"-Überfall gesteht. Bild: Schönberger

Weiden/Grafenwöhr. Spezialkräfte bringen Oleksandr M. ins Landgericht. Er sitzt in Österreich in Haft wegen eines Überfalls auf eine Seniorin am Millstätter See. Der 53-Jährige ist einer der Männer, die in Grafenwöhr ein altes Ehepaar überfallen haben. Er gesteht seine Beteiligung, wenn er auch seine Rolle kleinredet. Aber er nennt keine Mittäter. Nach stundenlanger Verhandlung kommt es zu einem Zwischenfall.

Ein Geständnis, aber keine Namen anderer:  So hat es der Ukrainer schon vor dem Landgericht Klagenfurt gehandhabt. Oleksandr M. wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, weil es dem österreichischen Staatsanwalt zu milde war. Dieser wird zitiert: "Wir haben es mit einem Fall der organisierten, internationalen Schwerkriminalität zu tun, wo Schweigen und Leugnen dazugehören." Das Urteil liegt noch beim Obersten Gerichtshof in Wien.

Es ist davon auszugehen, dass die Weidener Staatsanwaltschaft in Kürze die Überstellung von Oleksandr M. beantragt, damit ihm in Weiden der Prozess gemacht werden kann. Dem 53-Jährigen war man über die DNA auf die Spur gekommen, die 2015 in Kärnten und im April 2016 in Grafenwöhr sichergestellt wurde. Ende 2016 erfolgte die Festnahme in der Slowakei, die sich aussuchen konnte, wohin sie ihn auslieferte.

Die Männer unter den Sturmhauben bekommen ein Gesicht. Oleksandr M. ist der schlanke Mann, der in der Tür auftauchte, als die Senioren schon niedergerungen waren. Mit Handzeichen soll er Anweisungen gegeben haben. Seine DNA war auf einem Kabel, mit dem das Paar gefesselt wurde. Die 80-jährige Geschädigte hatte geschildert, wie sie festgezurrt und zitternd am Boden lag, eine Decke über dem Kopf. Einer der Täter habe ihr über den Rücken gestrichen. Auch das war dieser Mann. "Ich wollte sie beruhigen."

Von den Mittätern ("zwei Slowaken") wisse er nicht einmal den Namen. Viktor C., der Taufpate seines Sohnes, sei jedenfalls nicht dabei gewesen. Dabei ist die Beweislage erdrückend: Alle vier Verdächtige sind gleichzeitig aus der Ukraine angereist. Am 8. April 2016 um 17.40 Uhr wurden an slowakischen Grenze ihre Pässe ins Einreiseregister gescannt. Es könne sein, sucht Oleksandr M. nach einer Erklärung, "dass ich über die Grenze fahre und es setzt sich jemand dazu". Die DNA aller vier fand sich drei Tage später - doppelt und dreifach - am Tatort in Grafenwöhr. Für die Strecke dazwischen gibt es Bilder aus Autobahnkameras.

Zumindest räumt Oleksandr M. seine eigene Beteiligung ein. Wenn er auch bloß ein Begleiter gewesen wäre, der ursprünglich nur Schmiere stehen sollte. Er habe das Kabel gereicht und auf die Senioren aufgepasst, während die anderen das Haus durchsuchten. "Ich war nicht maskiert." Es sei ihm ein Anteil von 25000 Euro versprochen gewesen. Nach der Tat habe er auf der Rückfahrt nach Tschechien 2000 Euro erhalten. Die vermutete "sehr große Summe" sei nicht gefunden worden.

Keines weiteren Kommentars bedarf auch die Aussage des Hühnerzüchters aus Tachov, der die Ukrainer mit den regionalen Tipp-Gebern zusammenbrachte. Zwei Tage vor der Tat chauffierte er die Tatverdächtigen zu einem Schrottplatz im westlichen Landkreis Neustadt/WN. Von einem geplanten Überfall habe er damals nichts mitbekommen, weil er sich die Hühner des Besitzers angeschaut habe. Er verdiene sein Geld seit 25 Jahren mit Auto-Schachereien. So besorge er für Russen "günstig" die von ihnen jeweils gewünschten Fahrzeugttypen.

Redselig schildert er der Strafkammer, wie das abläuft. Gerade starke, amerikanische Modelle seien beliebt, würden aber in der EU nicht zugelassen. "Das geht dann so, dass ich ein Schrottauto mit dem US-Fahrzeug zusammensetze und es auf dieses zulasse." Alles "ganz legal". Zu jedem potenziellen Mittäter, zu dem er befragt wird, fällt ihm ein Auto ein: Der eine habe ihm einen Octavia abgekauft. Der andere einen BMW. Auch bei den Ukrainern ging es um ein Auto: Sie hätten sich für den Mercedes 220 des Weideners interessiert. Bis Ende April sind noch acht Verhandlungstage angesetzt.

Die Verhandlung am Mittwoch dauerte bis gegen 18 Uhr. Am Nachmittag kam es zu einem Zwischenfall, wie Nebenklagevertreter Tobias Konze bestätigte. Der Verteidiger des Angeklagten Viktor C., Jörg Sodan, fragte den zugeknöpften Zeugen Oleksandr M. aus Österreich: „Haben Sie Angst?“ In diesem Augenblick sah ein Beamter des Unterstützungskommandos (USK), wie Victor C. in Richtung des Zeugen blickte und den Zeigefinger am Hals von links nach rechts bewegte. 

Der Polizeibeamte teilte dies dem Gericht mit und wurde umgehend in den Zeugenstand gerufen, wo er seine Beobachtung bestätigte. Oleksandr M. wurde auch noch einmal in den Zeugenstand geholt. Er sagte aber, er habe eine solche Drohgebärde gesehen und nur auf den Anwalt geachtet.
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.