22.02.2018 - 13:24 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

"Rio"-Überfall: Erster Verhandlungstag endet nach einer Stunde mit Verlesung der Anklage Lebensabend jäh zerstört

Das Opfer wird in wenigen Wochen 92 Jahre alt. Der ehemalige Wirt stand noch bis vor wenigen Jahren hinter der Theke des Lokals "Rio". Der rüstige Senior hätte es in seinen letzten Lebensjahren ruhig angehen lassen können. Ein brutaler Überfall zog einen jähen Schlussstrich unter jeden Gedanken an einen geruhsamen Lebensabend.

Der Hauptangeklagte: Von den vier als Räubern verdächtigen Ukrainern steht nur Viktor C. (2. v. l. ) vor dem Landgericht Weiden. Komplize Oleksandr M. sitzt in Österreich in Haft und wird als Zeuge überstellt. Die beiden weiteren tatverdächtigen Ukrainer sind flüchtig.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Weiden/Grafenwöhr. Seit Donnerstag müssen sich vor der Strafkammer des Landgericht Weiden unter Vorsitz von Richter Markus Fillinger fünf Männer des schweren Raubes bzw. der Beihilfe verantworten. Die Staatsanwälte Peter Frischholz und Sandra Dechant erinnerten an die Schreckensnacht für den Rio-Wirt und seine Lebensgefährtin (80), inzwischen Ehefrau. Die Senioren saßen am 11. April 2016 in ihren Sesseln und sahen fern, als gegen 23 Uhr drei oder vier Männer in das ältere Wohnhaus in Grafenwöhr eindrangen.

Laut Anklage wurde das Paar aus den Sesseln gerissen, zu Boden gebracht und mit Stromkabeln verzurrt. Der Frau wurde dabei die Schulter ausgekugelt und gebrochen. Dem fast 90-Jährigen legten die Täter Handschellen am Rücken an. Dann warfen ihnen die Männer Decken über die Gesichter. Die Unbekannten waren vermummt, sie sprachen kein Wort, verständigen sich über Handzeichen. Sie erbeuten in zwei Blechdosen die Ersparnisse des Paares, rund 70.000 Euro.

"Räubernest" in Prag

Von den Tätern, die den schweren Raub verübt haben sollen, steht am Donnerstag nur einer vor dem Weidener Landgericht: Viktor C. (41) aus Transkarpatien in der West-Ukraine. Der kleine, kräftige Mann wird in Fußfesseln vorgeführt. Die Wachtmeisterei ist durch die Landespolizei verstärkt. Ein weiterer Ukrainer ist in Österreich inhaftiert und als Zeuge angekündigt. Die beiden anderen mutmaßlichen Räuber – Moldawier – sind flüchtig. Die Vier sollen sich in den Tagen vor der Tat in Prag einquartiert haben. Über Mittelsmänner habe man gezielt nach einem lohnenswerten Ziel für einen Überfall in Bayern gesucht.

An dieser Stelle kommen die weiteren Angeklagten ins Spiel: Ein Lkw-Fahrer aus Tachau (62) soll den Kontakt zu zwei gebürtigen Kasachen, wohnhaft in Weiden und im Raum Grafenwöhr, vermittelt haben soll. Von letzterem sei der Tipp gekommen: Der Rio-Wirt habe seine Gaststätte verkauft. Bei ihm daheim läge eine Viertelmillion Euro. Dieses Gerücht hatte er von einem Bekannten, der sich später während der Ermittlungen das Leben nahm. Die Bar ist bis heute nicht verkauft.

Der erste Prozesstag war nach gut einer Stunde auch schon wieder rum: Die Anwälte Dr. Jan Bockemühl und Franz Mörtl wollten nachmittags die Beerdigung eines Regensburger Richters besuchen. Nach der Verlesung der Anklageschrift wären zwar bis Mittag noch zwei Stunden Zeit gewesen. Diese Zeit reiche aber nicht für die Aussage ihrer Mandanten, so die Verteidiger. Die gute Nachricht daran: Das bedeutet, dass zumindest diese beiden Angeklagten reden wollen. Mörtls Mandant ist der kasachische Staatsangehörige aus Weiden, der den Kontakt nach Grafenwöhr hergestellt haben soll. Bockemühls Mann, ein Ukrainer (24), hat das Auto angemietet, mit dem man in die Oberpfalz fuhr.

Angeklagter fliegt ein

Dieser 24-jährige Ukrainer hat mit Abstand die längste Anreise zum Prozess: Er fliegt – auf eigene Kosten – aus der Ukraine ein. „Freies Geleit“ ist ihm zugesichert. Vorgabe: Er darf sich ab dem Flughafen Prag nur auf der A 6 und A 93 bewegen. Der junge Mann kam mit Freundin. Für Schmunzeln sorgte die Angabe seines Berufs: „Manager für internationale Angelegenheiten“. Verteidiger Bockemühl erbat für ihn zusätzliche „Landeerlaubnis“ für die Flughäfen München und Nürnberg. Alle angeklagten Beihelfer saßen 2016 und 2017 in Untersuchungshaft, befinden sich aber aktuell auf freiem Fuß.

Der nächste Verhandlungstag ist der Montag, 12. März, 10 Uhr. Dann wird in Amberg verhandelt. Mit der dortigen Videovernehmungsanlage wird den Opfern die Konfrontation mit den Tätern erspart. Die Eheleute sind Nebenkläger, vertreten durch Anwalt Tobias Konze. Sie leiden nach seiner Auskunft sehr an den Folgen der Tat. Für die Aussage wird dem fast 92-jährigen Grafenwöhrer eine Notärztin zur Seite gesetzt.

Todesangst

Wie Staatsanwältin Sandra Dechant in der Anklage betonte, hatten die beiden Todesangst. "Sie leiden heute noch unter den erheblichen Verletzungen." Der Wirt erlitt in der Folge einen Schlaganfall, von dem er sich nie wieder erholte. Er kann nur noch kurze Strecken gehen. Die Frau kann den verletzten Arm nicht mehr richtig bewegen. Noch schwerer wiegen psychische Probleme. Beide leiden unter schweren Angstzuständen. Staatsanwältin Dechant: "Sie kann nur mehr bei Tag ins Bett gehen."

Ein Bild von den Angeklagten bekamen am Donnerstag auch die rund 30 Zuhörer nicht. Sie nannten mittels der Übersetzerinnen lediglich die Personalien. Nur der Angeklagte aus dem westlichen Landkreis spricht selbst Deutsch. Der Hauptangeklagte (vertreten von Anwalt Jörg Sodan) wollte sich zu den Tatvorwürfen nicht äußern. "Derzeit nicht" gilt für den tschechischen Angeklagten (Anwalt Marc Steinsdörfer) sowie den Angeklagten aus Grafenwöhr (Anwälte Franz Schlama und Dr. Gunther Haberl).

So lief nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft die Tatnacht ab.

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