Rückblick: Seifenkistenrennen in Weiden
Als ich einmal Rennfahrer war

  Eine Woche ist vergangen, Adrenalin und Champagner sind raus aus der Blutbahn. Zeit für eine Bilanz meines Einsatzes als
Seifenkistenpilot im Hubert-Racing-Team der Oberpfalz-Medien.

 
Kinder blicken ehrfürchtig zu mir auf, Väter nicken anerkennend – und mich plagt ein schlechtes Gewissen. Ganz ehrlich: Ich habe die Anerkennung nicht verdient. Als Pilot beim ersten Seifenkistenrennen in Weiden seit 55 Jahren muss ich nichts leisten, mein Boxenteam schiebt die Kiste zum Start. Ich steige ein, erlebe knapp 30 Sekunden Spaß bei bis zu 40 Stundenkilometern und werde dabei von 6000 Leuten angefeuert. Im Ziel wartet der „Kistenlift“ – ein Quad das mich wieder nach oben zieht. Auch das macht ziemlich Spaß. Zurück in der Boxengasse gibt’s dann wieder Schulterklopfen.

Zu dem Traumjob komme ich im Vorbeigehen. Es muss März gewesen sein, und ich bin auf dem Weg zum Kaffeeautomaten als mich das Angebot erreicht: „Traust du dich, eine Seifenkisten zu fahren?“ „Klar“, sage ich und bin mir sicher, dass nichts draus wird. Schließlich stellen mir ein paar Nachwuchs-Schreiberlinge diese Frage und woher sollen die eine Seifenkiste auftreiben? Ich muss zugeben: Ich hab die Kolleginnen Julia Hammer und Eva Hinterberger unterschätzt. Sie haben weder Erfahrung, noch Ahnung oder
Werkzeug. Aber das machen sie mit Hartnäckigkeit wett. Das Talent zum
Kniebohren braucht man als Journalist, beim Seifenkistenbau hilft es aber auch.
  

 
Wenig später haben Julia und Eva den Kollegen Hubert Lukas ins Boot geholt. Der bringt Passion fürs Heimwerken mit, und hat eine Garage, die Platz bietet – sogar für zwei Seifenkisten. Außerdem hat er beinahe alle Werkzeuge und einen Schwager, bei dem er sich Sägen und Bohrer leihen kann, die noch fehlen. Als noch Neu-Kollege Tom Webel Hilfe anbietet, ist das Team komplett. Als Referenz führt der seine Vergangenheit als VW-T3-Bus-Fahrer an, der „jede Schraube des Gefährts in der Hand hatte“. Der Teilnahme steht nichts im Weg.



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Glauben wir. Denn bald stellt sich raus, dass etwas Ahnung nicht schaden würde, vor allem, wenn das Team zu stolz ist, einen Bausatz als einfachsten Weg zur Kiste zu nehmen. Aus den kalkulierten drei oder vier Bauterminen werden neun oder zehn, die meist bis Mitternacht dauern. Irgendwann hilft nur noch Hilfe vom Profi. Mechatroniker Markus Dietz aus unserem Druckzentrum greift uns unter die Arme und zum Schweißapparat. So wird Paula Sprint – benannt nach Verlagsmaskottchen Paula Print – rechtzeitig fertig, um sie fünf Tage vor dem Start noch zu versauen. Das Zeitungsoutfit an den Seitenwänden sieht einfach nicht so aus, wie wir uns das vorstellen. Hausherr Hubert rettet unseren fahrenden Schatz mit einer Solo-Nachtschicht.

Nicht das erste Mal, dass mein Beitrag Grund zur Nacharbeit gibt. Ich bin schließlich nicht Redakteur geworden, weil ich handwerklich so geschickt bin. Es gelingt mir aber, meine Kollegen so wenig zu behindern, dass wir am Tag der Tage eine fahrtüchtige, hübsche Seifenkiste präsentieren. Vor über 6000 Zuschauer – Wahnsinn. Dazu eine Strecke, die Spaß macht und abgeht, aber nicht gefährlich ist. Liebe Organisatoren, eine sehr gute Wahl.

Und dann löst sich der Traum in letzter Sekunde in Luft auf, oder besser in einen Knall und ein Pfffff. Vorne rechts platzt der Schlauch im Reifen, einfach so im Stehen. An Ersatz hat niemand gedacht (dafür an eine Seifenblasenmaschine), für Flickzeug ist das Loch zu groß. Kurz vorm Verzweifeln erleben wir das tolle Gemeinschaftsgefühl unter den Teams. Die Mannschaft der Jakob-Ayrer-Straße stellt fehlendes Werkzeug zur Verfügung, das Netzwerk Asyl hat an Ersatzschläuche gedacht (dafür keine Seifenblasenmaschine). Während Kollege Webel das Rad gerade rechtzeitig zum ersten Durchgang montiert, stehe ich fachsimpelnd daneben und darf zur Belohnung Strecke und Stimmung genießen und dank guten Materials einen elften Platz einfahren, nur drei Sekunden hinter dem Sieger. Es stimmt schon: Das Leben ist ungerecht – aber manchmal profitiert man genau davon.
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