08.03.2018 - 19:42 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

Seit Donnerstag steht ein Bauarbeiter wegen versuchten Mordes vor Gericht Den "Kapo" fast umgebracht

Drei Jahre leidet ein Bauarbeiter (39) unter seinem "Kapo". Er sagt nichts, nimmt alles hin. Am 15. September 2017 haut er dem Vorarbeiter vor Arbeitsbeginn "das Hackl ins Kreuz", so Oberstaatsanwalt Rainer Lehner. "Wenn der Schlag nicht zufällig den Wirbel trifft, dann ist der Kopf herunten."

Bis zur Tat galt er als "ruhiger Typ". Am 15. September 2017 schlug der Bauarbeiter mit einem Beil zu. Links Verteidiger Franz Schlama. Bild: Schönberger
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der Manteler muss sich seit Donnerstag vor dem Landgericht wegen versuchten Mordes verantworten. Er ist geständig, streitet aber eine Tötungsabsicht ab. Es könnte eng werden für ihn: Nach der Tat schrieb der 39-Jährige eine SMS an seinen Bruder. Wortlaut: "Hab grad den K. erschlagen. Warte auf die Polizei. Tschuldigung." Zudem ist die Tatwaffe nicht gerade für Kratzer gemacht. Man muss kein Pathologe sein, um zu erkennen, dass ein Schlag tödlich sein kann. Vorsitzender Richter Markus Fillinger hebt das schwere 80-Zentimeter-Beil hoch.

Das Gericht bekommt einen Eindruck vom Naturell des Angeklagten: Er redet nicht viel. Mit dem Geständnis ist er in fünf Sätzen fertig: Er habe das Beil in den Fahrradkorb gepackt, sei zur Baufirma geradelt und habe auf den Vorarbeiter gewartet. Als dieser aufs Betriebsgelände ging, fuhr er von hinten auf ihn zu und hieb ihm im Vorbeifahren das Beil in den Nacken. Wortkarg äußert er sich zum Motiv: "Er hat einen halt blöd angeredet, wegen Lappalien." Beispiel? "Er sagte: Du bist a Depp. Du kannst sowieso nix." Zwei Tage vor der Tat sei es auf einer Baustelle in Auerbach "richtig schlimm" geworden.

Tiefe Wunde im Rücken

Das belegen die Aussagen der Kollegen. "Da ist keiner dabei, der noch mit diesem Mann zusammenarbeiten wollte", verweist Fillinger auf die Akten. Es kam zu Kündigungen und Beschwerden. "Warum haben Sie sich nicht auch auf die Hinterfüße gestellt?" Der Angeklagte zuckt die Achseln. Er hat wegen epileptischer Anfälle keinen Führerschein und ist auf den Arbeitsplatz angewiesen.

Das Opfer wird als Zeuge gehört. Am Morgen der Tat sah es der 40-Jährige silbern blitzen. Dann spürte er "etwas im Nacken" und erkannte den Angeklagten auf dem Rad: "Ich dachte: Irgendwas läuft jetzt verkehrt." Als er sich in den Nacken griff, war die Hand blutverschmiert. Auf dem Rücken klaffte eine Wunde. 14 Zentimeter lang, acht Zentimeter tief. "Das ging alles fürchterlich schnell." Kollegen leisteten Erste Hilfe, während der Angeklagte heimradelte und sich dort widerstandslos festnehmen ließ. Er wirkte erleichtert, sagt ein Polizist.

Die Folgen der Verletzung sind gravierend. Die Beweglichkeit des 40-Jährigen ist eingeschränkt. Dazu kämen Schmerzen bei Belastung und Schwindelgefühle. "Es ist fraglich, wie es weitergeht." Bei der Manteler Firma ist er nicht mehr beschäftigt: Das Arbeitsverhältnis wurde "nach diesem Ereignis" nicht verlängert.

Er könne sich nicht erklären, wie es zur Attacke kommen konnte: "Keine Ahnung." Er habe den Angeklagten zwar öfters wegen seiner Arbeitsleistung "kritisieren müssen". "Aber dass jemand zu so etwas fähig ist, nur weil er kritisiert wird ..." Diese Kritik sei immer "ganz normal" erfolgt. Als sie nicht fruchtete, sei der "Ton schon mal heftiger" geworden. Schimpfworte habe er nicht gebraucht. Die Aussage bringt den 40-Jährigen beinahe selbst in Schwierigkeiten: Gericht und Staatsanwalt mahnen zur Wahrheitspflicht. Fillinger: "Vielleicht sollten Sie mal in sich gehen und den Ton gegenüber Ihren Kollegen hinterfragen."

"Alles Deppen und Blödel"

Die Arbeiter der Baufirma schonen den Ex-Kapo nicht. "Wenn es solche Leute wie ihn nicht gäbe, wäre das nicht passiert", sagt ein Polier (46) im Zeugenstand. "Wie lange kann man einen drangsalieren, bis er die Schnauze voll hat?" Der Vorarbeiter habe seine Leute angeschrien ("Alles waren bei ihm Deppen und Blödel") und selbst nur gearbeitet, wenn der Chef in Sicht war. Ein 20-jähriger Maurer erzählt, wie der "Kapo" die Lautstärke des Radios bei einer Brotzeit lauter drehte. "Damit er den Deppen nicht hören muss." Gemeint war der Angeklagte. Das Gericht hört am 14. und 16. März weitere Zeugen.

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