14.09.2017 - 19:38 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Seminar für psychisch Kranke und Angehörige Psychosen sind kein Tabu

Psychisch Kranke fühlen sich zusätzlich belastet, wenn in den Medien ihre Krankheit mit Straftaten oder Gewalt in Verbindung gebracht wird. Da stellt sich die Frage: Warum redet die Gesellschaft über diese Krankheit nicht so wie über alle anderen?

Sozialpädagogin Elke Pinkert und Inge-Anna Bergmann (von links) vom Verein "Irren ist menschlich" moderieren das vierte Psychose-Seminar in der VHS Weiden im laufenden Jahr. Bild: sbü
von Siegfried BühnerProfil

"Psychose und Öffentlichkeit - welches Bild von Psychosen entsteht in den Medien?" lautete das Thema des vierten Psychose-Seminars in den Räumen der VHS Weiden in diesem Jahr. Diskutiert haben Betroffene, Angehörige und Fachkräfte von sozialpsychiatrischen Institutionen sowie alle, die an diesem Thema interessiert sind.

"Psychosen und Schizophrenie werden oft abwertend und in falschem Kontext dargestellt", stellte Moderatorin Elke Pinkert von der Caritas-Beratungsstelle für seelische Gesundheit in Tirschenreuth als Ausgangsthese in den Raum. Pinkert schilderte auch Situationen und Geschehnisse, die von Beobachtern mit einem Satz kommentiert werden: "Der kann doch nur psychisch krank sein." Auch psychiatrische Einrichtungen würden nicht selten "in schlechtem Licht" dargestellt, meinte die Sozialpädagogin.

Zu wenig Informationen

Dass Betroffene und Angehörige darunter leiden, bestätigten alle Teilnehmer des Psychose-Seminars. "Solche Sätze verstärken meine Ängste", sagte eine Betroffene. So ziehe man sich weiter aus der Öffentlichkeit zurück. Die Krankheit wolle man verstecken. Eine Angehörige erklärte: "Es ärgert mich, wenn psychische Erkrankungen immer so negativ dargestellt werden." Ein Teilnehmer fragte: "Warum werden psychische Erkrankungen nicht auch so dargestellt wie andere Krankheiten?" Beispielsweise sei es bei Demenzerkrankung längst üblich, ganz offen darüber zu sprechen. Dass in der Öffentlichkeit viel zu wenige Informationen über psychische Erkrankungen vorliegen, stellte eine andere Teilnehmerin fest.

Auch im Zusammenhang mit dem Drogenkonsum sei dieses Thema unbedingt zu behandeln. Ein Teilnehmer erinnerte daran, dass die Zahl von Suiziden von psychisch Kranken höher sei als die Zahl der Autounfallopfer. Dass Psychose-Seminare in der Volkshochschule und nicht in einer psychiatrischen Einrichtung veranstaltet werden, ist für Mit-Moderatorin Inge-Anna Bergmann "ein Schritt in die Öffentlichkeit". Die Angst vor negativen Reaktionen bei Bekanntmachung der Krankheit solle dadurch gemindert werden.

In Schulen thematisieren

Mit dieser Bemerkung war die Diskussion dazu übergegangen, Handlungsvorschläge zu entwickeln. Schon in den Schulen könnten psychische Krankheiten angesprochen werden, stellte Bergmann fest und berichtete von Schulprojekten des Vereins "Irren ist menschlich" in Regensburg. Dort machen Betroffene mit. Allerdings sei es ein Problem, "Betroffene zu finden, die sich outen". Bergmann erinnerte auch an die Schulung "Ex-In-Genesungsbegleitung", die vom Bezirk Oberpfalz finanziell unterstützt werde. Menschen in psychischen Krisen werden dabei von Menschen begleitet, die selbst schwere seelische Erschütterungen kennen. Einig war sich die Diskussionsrunde darüber, dass generell mehr Öffentlichkeitsarbeit bei diesem Thema erforderlich sei. "Wenn so viel über Zuckerstoffwechsel geredet wird, warum nicht auch über Hirnstoffwechsel?", fragte ein Teilnehmer.

Kirchen, soziale Einrichtungen und "alle, die Betroffene betreuen" sollten sich mehr in die Öffentlichkeit wagen. Es fehle aber oft an der "Manpower", stellte Bergmann fest. Als seit Jahren bei diesem Thema Engagierte und ehemals selbst Betroffenen meinte sie auch: "Es hat sich doch einiges getan, wenn ich daran denke, wo ich am Anfang stand." Die Psychose-Seminare sind Kooperationsveranstaltungen des Sozialpsychiatrischen Dienstes Weiden, der Psychosozialen Arbeitsgemeinschaft, des Vereins "Irren ist menschlich" und der VHS Weiden-Neustadt.

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