08.02.2018 - 14:36 Uhr
Weiden in der Oberpfalz

So war die Fahrt im Tieflkühllaster von Rumänien nach Deutschland "Es war sehr, sehr kalt"

Unglaublich: Nahezu unversehrt haben 21 Menschen die Fahrt in einem verschlossenen Kühllaster überstanden. Ein Passagier (20) erzählt vor Gericht von der Fahrt im März 2017: "Es war sehr, sehr kalt. Und sehr dunkel." Dazu kamen Hunger und Durst. Keiner war auf über 30 Stunden Fahrt eingestellt. "Die größte Gefahr war die Kälte."

Symbolbild: Oliver Berg/dpa
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Das Jugendschöffengericht ist nach zwei Prozesstagen überzeugt: Im Tiefkühlauflieger herrschten durchgängig minus 18 Grad. Geladen war TK-Ware: Metallfässer mit 22 000 Kilogramm gefrorenem Fruchtsaftkonzentrat. Die Sauerstoffzufuhr erfolgte durch ein Loch von DIN A4-Größe. "Menschenverachtend und entwürdigend" nennt Richter Otmar Schmid den "Transport in einem solchen geschlossenen Käfig". Der angeklagte Türke (43) wird wegen einer das Leben gefährdenden Einschleusung zu drei Jahren Haft verurteilt, seine rumänische Begleiterin (20) zu 1 Jahr Jugendstrafe.

"Wir waren absolut unvorbereitet auf eine solche Fahrt", sagt ein 26-jähriger Zeuge. Er stieg mit 20 weiteren Passagieren - 8 Männer, 8 Frauen und 5 Kinder - nachts in den Kühllaster ein, irgendwo am Straßenrand eines rumänischen Dorfes. Schon in Ungarn gab es Protest. Ein Mitreisender rief im Führerhaus an. Zudem informierten die Frierenden den Fahrer bei einem Stopp über die Kälte - sie riefen durch die geschlossene Klappe. Der 43-Jährige schaltete daraufhin das Aggregat kurzzeitig ab. "Aber wir hatten nicht das Gefühl, dass die Temperatur gestiegen wäre", meint der Kurde. Ihre Notdurft verrichteteten die Reisenden im hinteren Teil der Ladefläche.

Kinder hatten Angst

"Ich hatte vor allem Mitleid mit den Kindern", sagt ein 26-jähriger Landsmann. "Die Frauen und Kinder hatten große Angst." Er beschreibt - ohne es zu wissen - alle Symptome einer milden Hypothermie. "Ich habe gezittert." Der Körper versucht, die Körperkerntemperatur über 35 Grad zu halten und produziert Wärme durch automatisiertes Muskelzittern. Zusätzlich ziehen sich die Blutgefäße zusammen und verringern die Durchblutung der äußeren Körperregionen. Es entsteht eine Schale, in der das kalte Blut bleibt. Ein Wärmeaustausch zwischen Schale und Körperkern findet kaum noch statt. Der Mensch wird apathisch. "Wir konnten uns nicht mehr konzentrieren", erinnert sich der Mann. Bei Leuchtenberg traten die Iraker und Kurden nach 32 Stunden auf die Straße: "Wir hatten die Orientierung verloren."

Das Gericht blieb nur knapp unter der Forderung von Staatsanwalt Christian Härtl auf 3 Jahre 9 Monate Haft. "Es ist Glück für alle, dass es nicht zu größeren Gesundheitsschäden gekommen ist." Die Ermittler des Bundespolizeireviers Bärnau (Inspektion Waidhaus) leisteten ganze Arbeit: Über die Maut-Daten ist die Tour durch fünf Länder nachvollziehbar. Auf Fotos von Autobahnkameras sieht man den Fahrer mit Schnauzer am Steuer sitzen. Die Beifahrerin hat die Füße auf dem Armaturenbrett und dazwischen thront ein weißer Teddybär. 700 Euro waren dem Fahrer in Aussicht gestellt. Die Schleusung kostete pro Person 8000.

Ehemalige Prostituierte

Von den Millionen Euros, die mit Schleusungen gemacht werden, kann die 20-Jährige nur träumen. Ihre Vita bezeichnet selbst der Staatsanwalt als "dramatisch" und "perspektivlos". Sie ist in ärmsten Verhältnissen aufgewachsen, hat nur lückenhaft die Schule besucht. Als Jugendliche ging sie auf den Strich. Sie verkaufte sich an Lkw-Fahrer, die auf dem Trucker-Parkplatz nahe ihres Dorfes standen. Dort lernte sie mit 15 Jahren - bereits schwanger - den Fahrer kennen. Der kinderlose verheiratete Mann aus Istanbul zahlte sie fortan exklusiv und nahm ihr Kind wie ein eigenes an.

Seit einem halben Jahr ist die junge Mutter in U-Haft und sorgt sich um die Tochter (3), die bei den Großeltern lebt. Verteidiger Martin Angerer plädiert auf Freispruch: Vieles spricht dafür, dass die 20-Jährige "Gespielin" des Schleusers war, die nichts zu melden hatte. Das Gericht stuft ihren Tatbeitrag nur als Beihilfe ein; die Jugendstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Noch am Abend sitzt die 20-Jährige im Fernbus nach Rumänien.

Wir waren absolut unvorbereitet auf eine solche Fahrt.Zeuge (26)

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