Staatsanwaltschaft rekonstruiert Überfall auf "Rio"-Wirt und seine Frau
Gerücht lockt die Räuber an

Zwei Tage vor dem Überfall sollen sich der Hauptangeklagte Viktor C. sowie die mutmaßlichen Beihelfer aus der Region auf diesem Netto-Parkplatz in Grafenwöhr getroffen haben. Von hier aus spähen sie das Haus des Seniors aus. Bild: Ilona Dudley
 
In einem Mehrfamilienhaus in Prag soll sich das „Räubernest“ befunden haben. Am südlichen Stadtrand hielten sich die vier tatverdächtigen Räuber nach den Erkenntnissen der Ermittler in den Tagen vor der Tat auf. Bild: Google Earth 2014

Warum Grafenwöhr? Warum der Wirt der ehemaligen Kneipe „Rio“? Die Staatsanwälte Peter Frischholz und Sandra Dechant zeigen am Donnerstag in der Anklage auf, wie es aus Sicht der Ermittler im April 2016 zum Überfall auf die beiden Senioren (heute 80 und 91) kam. Am Anfang stand: ein Gerücht.

Weiden/Grafenwöhr.   So stellt sich der Ablauf nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft dar:

Die Anreise:

Freitag, 8. April 2016, 17.40 Uhr: Eine ukrainisch-moldawische Bande um Viktor C. (41) reist über die Slowakei nach Tschechien ein. Die Männer quartieren sich in einem Mehrfamilienhaus im 11. Prager Bezirk ein. In dieser Wohnung hält sich die Gruppierung in wechselnder Besetzung immer wieder auf, so die Überzeugung der Staatsanwaltschaft.

Das "Räubernest" in Prag:

Samstag, 9. April 2016: Der 24-jährige Ukrainer Dmytro H., wohnhaft in Prag, mietet laut Staatsanwaltschaft einen Renault Mégane an. Er benutzt dazu gefälschte Papiere von Viktor C. Dieser hat mehrere Alias-Namen: Er gibt sich beispielsweise als "Gabor Szabo" aus Ungarn aus oder als "Janos Simunek" aus der Slowakei. Der Renault wird auf den Namen "Simunek" gebucht. Um 9 Uhr gibt der junge Ukrainer den Wagen am "Räubernest" im 11. Bezirk ab.

Der Kontakt in die Oberpfalz:

Samstag, 9. April 2016, Mittagszeit: Viktor C. und Komplize Oleksandr M. (aktuell in Österreich in Haft) fahren in diesem Renault Megane zu einem befreundeten Lkw-Fahrer (62) nach Tachov. Sie wollen einen Tipp für einen lohnenden Überfall. Der Lkw-Fahrer steigt zu und ruft einen Russlanddeutschen (45) aus Weiden an. Man trifft sich auf einer Art Schrottplatz im westlichen Landkreis Neustadt/WN, so die Anklage.

Die Auswahl des Tatorts:

Samstag, 9. April 2016, 13 Uhr: Die Fahrt geht laut Staatsanwalt weiter nach Grafenwöhr. Dort wohnt ein kasachischer Landsmann (57) des Weideners. Dieser hat den vermeintlich "goldenen Tipp", der sich im nachhinein als reine Ente erweist: Der betagte Wirt des "Rio"   habe seine Bar verkauft. Daheim bei ihm läge eine Viertelmillion Euro in bar. Vom Parkplatz des Netto-Einkaufsmarktes späht die Gruppe das Wohnhaus des Seniors aus. 15.10 Uhr: Die Ukrainer und der tschechische Lkw-Fahrer kehren nach Prag zurück. Zwei Tage später wird man wieder kommen: mit Verstärkung.

Der Überfall:

Montag, 11. April, abends: Im ersten Stock des Wohnanwesens am Weinbühl sitzen der ehemalige Wirt und seine 80-jährige Partnerin in ihren Sesseln und schauen fern. Die Haustür ist zugezogen und zusätzlich mit einem Besenstiel unter der Türklinke gesichert. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass drei oder vier Ukrainer gegen 23 Uhr in das Wohnhaus eindringen. Sie stemmen die Tür mit einem Werkzeug auf. Möglicherweise bleibt einer als Wache vor dem Haus zurück.

Wie folgt haben Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei den Ablauf des Überfalls rekonstruiert: Mindestens zwei der Täter sind mit Sturmhauben maskiert. Sie reißen die alten Leute aus den Sesseln und bringen sie grob zu Boden. Während des gesamten Überfalls wird nicht gesprochen. Dem damals 89-Jährigen binden die Männer die Hände mit Handschellen auf den Rücken. Sie zurren Hände und Beine der Senioren mit Stromkabeln fest und werfen ihnen Decken über die Gesichter. Dann durchsuchen die Räuber die Wohnung nach Bargeld. Das Paar wird seiner Ersparnisse beraubt: In einer Blechdose steckt ein fünfstelliger Betrag, der für den Kauf einer Küche zurückgelegt war. In einer zweiten Dose hat der 91-Jährige über viele Jahre Geld für das Alter angespart. Erst um Mitternacht rückt die Bande ab. Der Frau gelingt es nach etwa 20 Minuten, das Kabel zu lösen. Sie befreit den Partner und wählt den Notruf.

Die Folgen:

Unter den erheblichen Verletzungen leidet das Paar laut Staatsanwaltschaft noch heute. Der Frau war die Schulter ausgekugelt und gebrochen worden. Sie musste operiert werden. "Sie kann nur mehr bei Tag zu Bett gehen und leidet bei Dunkelheit unter schweren Angstzuständen." Ihr Mann erlitt - neben den Schürfwunden und Einblutungen - infolge des Überfalls einen Schlaganfall.


Der erste Verhandlungstag am 22. Februar endete schon nach einer Stunde.
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