08.05.2017 - 19:30 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Staatsanwaltschaft wirft 39-Jährigem und externem Dienstleister Betrug vor Ex-ATU-Manager vor Gericht

Seit Montag muss sich ein ehemaliger ATU-Manager vor dem Schöffengericht verantworten. Dem Oberbayern (39) wird vorgeworfen, mit einem Selbstständigen (38) das Unternehmen um 90 000 Euro betrogen zu haben. 13 Prozesstage sind angesetzt, 87 Zeugen geladen - auch ein prominenter.

von Christine Ascherl Kontakt Profil

Laut Staatsanwaltschaft stellte der angeklagte externe Dienstleister im Winter 2014/2015 insgesamt 106 Rechnungen an ATU. Der 38-Jährige rechnete 41 Schulungen von Mechanikern à 904 Euro ab. Zudem ließ er sich die Säuberung der Außenanlagen von 69 bayerischen Filialen mit je 654 Euro zahlen. Die angeklagte ATU-Führungskraft soll laut Staatsanwalt die Rechnungen zur Zahlung angewiesen haben.

Beide Angeklagte weisen die Vorwürfe energisch von sich. Der Kfz-Aufbereiter sagt: "Ich habe alle Leistungen erbracht." Der Ex-Manager sagt, dass er mit ganz anderen Aufgaben betraut war: "Ich war ja nur noch unterwegs. Bin um 3 Uhr morgens heim und musste um 8 in Erfurt oder sonstwo sein." Lenkungsausschuss, Vertriebsleitermeeting, Telko. Er habe auch keine Gefälligkeiten nötig gehabt: "Ich hatte ein Monatseinkommen von 12 000 Euro, erwartete im März weitere 19 000 Euro Tantiemen. Ich habe noch nie soviel Geld verdient. Wegen was hätte ich diesen Job aufs Spiel setzen sollen?"

"Alptraum" für Familie

Die Überprüfung seiner Konten und eine Hausdurchsuchung seien ins Leere gelaufen. Seine Familie leide. "Ich mach' jetzt koan auf Psycho: Aber die Geschichte ist ein Alptraum." Der Großteil der 106 Rechnungen trüge nicht seine Unterschrift, sondern die einer Kollegin, die seinen Unterschriftenstempel darauf gedrückt habe. "Wahnsinn, dass sowas nicht auffällt", kritisiert er die Ermittler. 30 bis 40 Rechnungen habe er in deren Krankenstand unterzeichnet, weil sich ein Stoß angesammelt hatte. Vorsitzender Richter Gerhard Heindl hält dagegen, dass der 39-Jährige das erst vorbrachte, als Anklage erhoben war. "Wie soll die Staatsanwaltschaft das schmecken?"

Alle Aktionen stammen aus der Ära Norbert Scheuch, damals ATU-Geschäftsführer. Der Angeklagte erinnert an die "irre Belastung" dieser Zeit und eigene Verdienste bei der Sanierung: Zeiterfassung, Stellenbeschreibungen, Organigramm. "Vorher gab es Filialen mit einer Produktivität von unter 50 Prozent." Als Scheuch die "Sauberkeitsoffensive" und mehr Glas- und Dellenreparaturen forderte, habe er den Mitangeklagten beauftragt, den er beruflich von früher kannte. Der Reparatur-Profi sollte die Filialen für dieses Zusatzgeschäft sensibilisieren. Mit Erfolg: "1700 Scheiben mehr, 1,5 Millionen Euro Ertragssteigerung!"

Am Ende habe er sich mit Scheuch entzweit, weil der ATU mit "sehr harten Bandagen" geführt habe. "Man wollte auf Biegen und Brechen die Leute dazu bringen, noch flexibler zu sein." Der CEO habe ihn öffentlich abgekanzelt, weil er Mitarbeitern die Hand geschüttelt habe. "Ich sei hier nicht angestellt, um mir Freunde zu machen." "Uns ist permanent mit dem Verlust des Arbeitsplatzes gedroht worden." 25 Minuten nach Geburt seiner Tochter habe er von den Unstimmigkeiten erfahren, zwei Wochen später war er gekündigt. Zeuge Scheuch ist am Dienstag geladen (Anm. d. Red.: inzwischen umgeladen auf Montag, 15.5.).

"Ich habe alle Leistungen erbracht", beharrt der Kfz-Aufbereiter. Dass keine der Filialen seine Bemühungen bemerkte, führt er darauf zurück, dass er meist sonntags vor Ort war. Er habe auch keine Grünarbeiten erledigt, sondern nur Papier, Plastik oder Flaschen aufgesammelt. In den 654 Euro pro Filiale sei "alles drin" gewesen: Arbeitszeit, Fahrt, Entsorgung, Wochenendzuschlag. In München habe er mit einem Helfer einmal vier Filialen am Tag geschafft (by the way: 2640 Euro). Der Richter hält ihm vor, dass sein Monat dennoch zehn Sonntage haben müsste.

Am Montag marschieren die ersten 18 Filialleiter als Zeugen auf. Von Kaufbeuren bis Memmingen, Kempten bis Bad Tölz. Sie sagen - in verschiedenen Dialekten - das gleiche: Ihren Müll räumen sie selbst weg, sonntägliches "Ramadama" hat keiner bemerkt. Überhaupt: "Meine Filiale ist tiptop." Sie haben zudem in ihren Kalendern geblättert: Die Schulungen tauchen auch nirgends auf.

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.

Nachrichten per WhatsApp