21.06.2017 - 19:16 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stadt Weiden hat ein tierisch teures Problem Die Viertelmillion-Euro-Welpen

Die Stadt Weiden hat ein tierisches Problem, für das sie gar nichts kann. Die städtische Amtstierärztin war im Frühjahr 2014 von der Verkehrspolizei Weiden zu einem Welpentransport auf der A 6 gerufen worden. Sie ordnete die Unterbringung der 79 nicht ausreichend geimpften Tiere an. Das Tierheim Nürnberg stellte dafür eine happige Rechnung über eine Viertelmillion Euro. Exakt 253 661 Euro.

Die Stadt Weiden hat ein tierisch teures Problem. 2014 stoppte die Amtstierärztin einen Tiertransport mit 22 Katzen- und 57 Hundewelpen. Ihre Unterbringung geriet kostspielig. Die Stadt soll nun dafür zahlen. Bild: Uschi Lang
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Der Finanzausschuss muss sich am Donnerstag mit diesem haarigen Thema befassen. Die 57 Hunde und 22 Katzen waren von 30. Mai teilweise bis Oktober 2014 in einer speziellen Quarantäne-Station des Nürnberger Tierheims untergebracht. Die acht bis zehn Wochen alten Welpen waren laut ihrer Heimtierausweise einige Wochen zu früh und damit nicht wirksam gegen Tollwut geimpft. Alle erkrankten in Nürnberg an Parvovirose. Die hoch ansteckende Hundeseuche ist für ungeimpfte Tiere lebensbedrohlich. Zwei Welpen mussten eingeschläfert werden. Die anderen konnten durch teure Medikamente genesen. Die Quarantäne konnte schrittweise aufgehoben werden. Am Ende wurden die Vierbeiner ausreichend nachgeimpft und gegen Gebühr an Tierfreunde vermittelt.

Züchter aus Tschechien

Die ursprünglichen Besitzer - Züchter aus West-Tschechien - versuchten per Klage am Verwaltungsgericht Regensburg, an ihre Hunde zu kommen. Sie scheiterten und erklärten schließlich im Dezember 2014 den Verzicht auf ihr Eigentum. Bei den Hunden handelte sich um Golden Retriever, Labrador, Cocker Spaniel, Chihuahua, Spitze, Möpse, Bordeaux-Doggen und Französische Bulldoggen. Die Katzen gehören zur Rasse Chat British. Das Tierheim hatte parallel versucht, von den Züchtern 100 000 Euro einzutreiben. Die Tschechen zahlten nicht und fochten die Klage an. In puncto Zahlung ist der Rechtsstreit in Regensburg noch nicht beendet.

Die Welpen hatten am Freitag, 30. Mai 2014, nach Belgien gebracht werden sollen. Eine Mitarbeiterin einer tschechischen Tierschutzorganisation gab der bayerischen Polizei den Tipp, dass mit dem Transport nicht alles koscher wäre. Die Fahndungs- und Kontrollgruppe der Verkehrspolizei Weiden stoppte den Kastenwagen mit den 24 Boxen auf dem Parkplatz "Wittschauer Höhe" an der A 6, Fahrtrichtung Nürnberg, um kurz nach Mitternacht.

Die Verkehrspolizei Weiden versuchte zunächst, den - ihrer Meinung nach zuständigen - Veterinär des Landkreises Neustadt/WN zu kontaktieren. Der Beamte erreichte aber nur die damalige Weidener Amtstierärztin. Diese kam zu dem Schluss, dass die Papiere zwar nicht gefälscht waren, aber die Impfungen nicht ausreichten. Samstagfrüh begutachtete sie mit ihrer Weidener Kollegin und einer Kleintierpraktikerin aus Wernberg die Tiere auf der Dienststelle der Polizei Weiden - obwohl sie gar nicht zuständig war.

Wie sich jetzt herausstellt, wäre eigentlich das Landratsamt Schwandorf verantwortlich gewesen: Der Lkw-Parkplatz "Wittschauer Höhe" gehört zu Wernberg-Köblitz - nicht, wie der Name vermuten lässt, zu Leuchtenberg.

Die Juristen der Stadt Weiden befürchten, dass die Rechnung rechtens ist. Immerhin gibt es die glasklare Anordnung der städtischen Amtstierärztin auf Quarantäne und Verbringung in das Nürnberger Tierheim. Mit den Anwälten des für das Tierheim verantwortlichen Tierschutzvereins Nürnberg-Fürth hat man im Vorfeld einen Vergleich verhandelt. Käme er zustande, müsste die Stadt "nur" 162 000 Euro (darin enthalten 7500 Euro Anwaltskosten) an das Tierheim zahlen. Damit wären alle Ansprüche, die aus dem Tiertransport resultieren, abgegolten.

Schwandorf im Visier

Dieses Geld will sich das Weidener Rathaus wieder holen: Zum einen hat die Stadt bereits im Oktober 2016 das originär zuständige Landratsamt Schwandorf zur Kostenerstattung aufgefordert. Dies werde weiter verfolgt. Darüber hinaus wurde auf Anraten der Regierung der Oberpfalz beim Freistaat Bayern ein Antrag auf einmalige Sonderbedarfszuweisung nach Artikel 11 des Finanzausgleichsgesetzes gestellt.

Geld oder Tierliebe - Angemerkt von Christine Ascherl

Amtstierärzte sind konfliktträchtige Situationen sicherlich gewohnt. Aber sie wüssten wohl auch gern, wie sie reagieren sollen, wenn der nächste Welpentransport von der Autobahn aus Tschechien geholt wird. Sollten sie wieder auf der geltenden EU-Binnenmarkt-Tierseuchenschutzverordnung beharren, die eine ausreichende Tollwutimpfung vorsieht, kostet das ihrem Arbeitgeber die Summe eines Eigenheims. Im Weidener Fall eine Viertelmillion.

Es ist tierischer Unsinn, wenn auf den Kosten der Quarantäne eine Stadt sitzenbleibt, die damit wirklich nichts zu schaffen hatte - außer, dass ihre Amtstierärztin am Wochenende ans Telefon ging. 2015 hat der Freistaat Bayern einen zögerlichen Versuch unternommen, 217 geschmuggelte Welpen von ihren osteuropäischen Besitzern abholen zu lassen, um Kosten zu sparen und Tierheime zu entlasten. Der Verbraucherminister wurde von Tierschützern beinahe gelyncht. Wenn Tierschutz in dieser Form gewünscht wird, kostet er - aber bitte nicht der Stadt Weiden.

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