24.11.2017 - 20:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Sterbebilder im Wandel: Fromme Erinnerungsstücke

Nach einer Beerdigung landen Sterbebilder oft in einer Schuhschachtel oder Schublade. Die Faltblätter erinnern an verstorbene Verwandte und Freunde. Sie verraten jedoch viel mehr als nur Geburts- und Todestag.

von Elisabeth Saller Kontakt Profil

Sterbebilder - die hat man immer ins Gebetbuch gelegt. Teilweise sind die übergequollen." Weidens Stadtarchivarin Petra Vorsatz erinnert sich an ältere Damen, die sie so aufbewahrten. Im Stadtmuseum gibt es keine richtige Sammlung von Totenzetteln. Vorsatz und ihre Kollegen haben eine "höhere dreistellige Menge" der Bilder im Archiv. Das älteste stammt von Komponist Max Reger, 1916 verstorben. Davon hat Vorsatz sogar zwei Varianten, die unterschiedlich gestaltet sind.

Der bisher bekannte älteste Totenzettel wurde für die am 26. Juni 1663 verstorbene Ordensschwester Catharina Balchems gedruckt. Neben dem Sterbeort (Bonifaziuskloster in Köln), ließen die Hinterbliebenen notieren, dass Catharina Balchems 62 Jahre alt wurde, im 42. Jahr ihrer Profess verstarb und 40 Jahre lang im Chor sang.

Auch bei Protestanten

"Der Brauch der Sterbebilder kommt aus Holland und Belgien", sagt Josef Schmaußer. "Zuerst wurde er von Geistlichen und der besseren Gesellschaft praktiziert", erklärt der Heimatpfleger von Ursensollen. Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Brauch bei Katholiken im deutschsprachigen Raum. Sie wurden und werden bei Beerdigungen verteilt. Vor 20, 30 Jahren hätten laut Schmaußer auch einige Protestanten diesen Brauch übernommen.

Schmaußer sammelt Bilder von Verstorbenen aus seiner Gemeinde. Immer wieder stellt der ehemalige Lehrer damit eine Ausstellung zusammen. Die Zettel dienen jedoch nicht nur der Erinnerung. Aus ihnen könne der Betrachter "den Zeitgeist rauslesen", sagt der Heimatpfleger. Die Sterbebilder im Stadtarchiv Weiden erzählen vom Leben des Verstorbenen. Auf dem Blatt, halb so groß wie die heute üblichen vierseitigen Sterbebilder, finden sich viele Berufe, die es heute nicht mehr gibt. Josef Plößner, 1861 bis 1933, war "Oberzugsschaffner a. D." Josef Hutzler, 1894 bis 1971, "Bb.-Schuppenobmann i. R." und Josef Geltinger, 1889 bis 1962, "Reg.-Ob.-Insp. a. D.". Xaver Dettl, 1923 verstorben, wird als "Hausbesitzer" bezeichnet. "Das würde heute nie jemand erwähnen", schmunzelt Schmaußer.

Unüblich ist es heutzutage, in einem Sterbebild an zwei Verstorbene zu erinnern. Der Heimatpfleger hat ein paar dieser "Doppelblätter", zum Beispiel das von Josef Wiesner und dessen Bruder Alois, die 1941 und 1944 im Zweiten Weltkrieg fielen. Auf einem anderen Bild erinnern die Verwandten nicht nur an die verstorbene Mutter, sondern gleichzeitig an den schon früher verstorbenen Vater. Diese Idee hat Schmaußer auch für seine Eltern übernommen.

"Mit wenig Technik haben sie die Sterbebilder damals so toll gestaltet", lobt er. Eines von 1872 hat einen filigranen Büttenrand, ein anderes von 1903 ist im Jugendstil gestaltet. Die einblättrigen Sterbebilder von 1900 ziert ein schwarzer Rand. Auf der Vorderseite ist oft eine Fotografie in Schwarz-Weiß mit Jesus am Kreuz, der trauernden Madonna oder einem Engel abgebildet- stets mit einer Quellenangabe versehen. Auf der Rückseite folgt: "Zur frommen Erinnerung im Gebete an", "Jesus + Maria + Josef! Gebets-Andenken an die Ehrwürdige Arme Schulschwester v. U. L. Fr." oder "Gebets-Gedenken an den nun in Gott ruhenden". 

Weniger religiös

Auf den Bildern folgen Namen, Angaben zum Beruf sowie das Sterbedatum. Falls der Geburtstag nicht vermerkt ist, ließen die Angehörigen notieren, wie alt der Verstorbene geworden ist. Manchmal ist auch ein Porträt abgedruckt. Schmaußer besitzt ein Sterbebild von Anna Köstler, gestorben 1903, bei dem das Foto nach dem Druck aufgeklebt wurde. Das an einer Ecke beschädigte Sterbebild ist eine Besonderheit in seinem Fundus.

Außerdem sind auf den Zetteln Gebetsvorschläge notiert. Diese sollten dazu dienen, "dass man aus dem Fegefeuer herausgebetet wird", erklärt Petra Vorsatz. Sterbebilder gehören zum sogenannten "Arme-Seelen-Glauben". Die Leute dachten, dass die Seele eines Toten nur durch das Gebet der Trauernden erlöst wird. Daher wurden Sterbebilder ins Gebetsbuch gesteckt und darin aufbewahrt, berichtet Vorsatz. Deshalb heißt es bei Crescentia Wittmann: "Wir bitten Dich, o Herr, nimm die Seele Deiner Dienerin Crescentia, welche Du aus dieser Welt abgerufen hast, in die Wohnung Deiner Seligen auf und gieße über sie den Tau Deiner ewigen Barmherzigkeit! Durch Jesus Christus unseren Herrn. Amen." Die Angehörigen von Josef Plößner wählten: "Im festen Glauben an deine Barmherzigkeit, o Gott, ist dein treuer Diener Josef dahingeschieden; belohne diesen Glauben, erfülle deine Verheißung und nimm Ihn auf in die Wohnung deines Friedens, damit er selig ruhe und den Seligen ein Fürsprecher werde. Amen."

Außerdem ist auf den Totenzetteln die Druckerei und ihr Standort vermerkt. Oft ist dies die einzige Ortsangabe und hilfreich für Heimatforscher wie Josef Schmaußer. Auch Ahnenforscher nutzen häufig die Informationen, die Sterbebilder verraten.

Neuere Sterbebilder zeigen weniger religiöse Symbole. Auf der ersten von vier Seiten sind häufig eine stimmungsvolle Landschaftsaufnahme oder Blüten zu sehen. Angaben zum Beruf sind selten, Gebete kürzer. Schmaußer bedauert diese Entwicklung. Wie sein eigenes Sterbebild einmal aussehen soll, weiß er schon genau. Auf Seite eins soll sein Lieblingsmarterl im Schnee abgebildet sein.

Für Sie empfohlen

 

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.