16.05.2018 - 19:06 Uhr
Oberpfalz

Tag gegen Homophobie: Schwule Oberpfälzer erzählen "Akzeptiert euch selbst"

Wolfgang Klein erinnert sich gut an die Zeit, in der er gemerkt hat, dass er schwul ist. "Ich war 14 oder 15 Jahre alt. Vorher habe ich mich nicht für Sex interessiert. Aber dann stand ich von Anfang an auf das gleiche Geschlecht", blickt der Regensburger zurück. Diese Erkenntnis habe ihn in einen "wahnsinnigen Gewissenskonflikt" gebracht.

Händchenhalten zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts ist für manche immer noch ein Problem. Bild: Michael Reichel/dpa
von Eva Hinterberger Kontakt Profil

Regensburg/Weiden. "Ich war streng gläubig und habe gewusst, das ist eine 'Todsünde'." Er habe deswegen sogar über den Tod nachgedacht. "Aber das wäre auch eine Todsünde gewesen ..."

Schließlich habe er sich überwunden und sich einem Pfarrer anvertraut. "Das war das schlimmste überhaupt." Der Pfarrer habe sich ständig mit einem weißen Tuch die Augen bedeckt, "weil das, was ich erzählt habe, so sündhaft ist. Das war mir damals keine große Hilfe." Mit der Kirche hat Klein heute nichts mehr zu tun. "Ich habe gemerkt, ich habe da keinen Platz."

Ganz anders haben Kleins Eltern auf das Outing ihres Sohnes reagiert. Er hatte es ihnen erst erzählt, nachdem er von daheim ausgezogen war. "Ich habe meine Mutter besucht, Blumen und Sekt mitgebracht und gesagt: 'Ich bin schwul, und ich bin stolz drauf'", erzählt er. Seine Mutter habe mit "Ja, wenn es so ist" gefasst reagiert. Jahre später habe sie ihm erzählt, dass sie nach seinem Outing einen Psychologen gefragt hatte, was sie denn falsch gemacht habe, und ob man bei ihrem Sohn noch "was ändern" könne. "Sie ist zum Glück an einen modernen Psychologen geraten, der ihr gesagt hatte, dass sie nichts falsch gemacht hat."

Outing über die Zeitung

Und Kleins Vater? "Der hat aus der Zeitung erfahren, dass ich schwul bin." Konkret handelte es sich um einen Bericht zur Gründung von Resi, der Regensburger Schwulen- und Lesbeninitiative, im Jahr 1984. "Mein Vater hat angerufen, sich geräuspert und nur gesagt 'Schön, wenn man sich für eine Sache engagiert'", sagt Klein, der heute noch Resi-Vorstand ist. "Er wusste, dass er mir nichts sagen kann. Aber er ist zur Resi-Eröffnungsfeier gekommen. Das hat mich sehr gefreut."

Durch sein Engagement merkt Klein aber auch, dass diese Unterstützung der Eltern auch im Jahr 2018 nicht selbstverständlich ist. Er erinnert sich an einen jungen Mann, der sich noch nicht geoutet hatte, und bei seinen Eltern wohnte. Dieser wurde von seiner Mutter mit einem anderen Mann "in flagranti" erwischt. "Sie hat den Anderen zur Polizei geschleift und wollte ihn anzeigen, weil er ihren Sohn verführt haben soll", fährt Klein fort. "Das hätte auch 1970 sein können."

Fehlender Rückhalt in der Familie und Diskriminierung seien auch der Grund, warum sich viele Menschen gar nicht oder erst sehr spät outen, eine heterosexuelle Beziehung eingehen oder sogar eine Familie gründen. "Du musst selbst hinter dir stehen. Das schaffen viele nicht." Er selbst habe es auch mit Frauen probiert. "Ich wollte heterosexuell werden." Mit 17 Jahren habe er gemerkt, dass "das keinen Sinn macht. Ich hab zum Glück die Kurve bekommen. Das war dann meine letzte Freundin." Er fügt ernst hinzu: "Ich habe begriffen, dass alles andere ein riesiges Unglück bedeuten würde - für mich und eine mögliche Familie."

Mittlerweile geht Klein offen mit seiner sexuellen Orientierung um, beantwortet geduldig Fragen, zum Beispiel von Nachbarn. Ein älterer Herr sei besonders neugierig. "Er will alles ganz genau wissen, hat gefragt, ob einer den Mann spielt und einer die Frau." Für Klein sind solche Fragen "völlig okay, wenn er einfach neugierig ist und normal fragt."

Immer dazu gestanden

Auch an seinem Arbeitsplatz im Krankenhaus hat der Krankenpfleger immer dazu gestanden, dass er schwul ist. "Mit den Kollegen hatte ich nie Probleme." Mit einem Patienten gab es allerdings einmal einen Vorfall, der dem heute 58-Jährigen in Erinnerung geblieben ist. "Der Mann war betrunken und hat mich vor Patienten und Personal als 'schwule Sau' beschimpft. Ich habe ihn dann in Rücksprache mit meiner Pflegeleitung angezeigt." Aber auch, wenn seine Kollegen in dieser Situation hinter ihm gestanden hatten, fiel es Klein schwer, das Erlebte zu verarbeiten. "Das hat Wochen an mir genagt. Ich konnte in dieser Zeit keinen Sex mit meinem Partner haben." Am meisten habe ihn geärgert, dass das Verfahren eingestellt wurde.

Trotzdem rät der Resi-Vorsitzende allen, die Opfer von Homophobie werden, Anzeige zu erstatten. "Es handelt sich um einen Strafbestand. Den sollte man verfolgen lassen." Auch Kleins Partner - die beiden leben seit fünf Jahren in einer eingetragen Lebenspartnerschaft - wurde beim Ausgehen Opfer von Homophobie: "Wir wurden von einem Mann beschimpft, nur weil wir schwul sind. Er wollte uns schlagen, hörte erst auf, als ich mit der Polizei drohte." Die Situation hat ihn sehr belastet. "Es ist zwei Jahre her, und ich muss immer noch daran denken", sagt der Mann, der anonym bleiben möchte. Er wohnt unter der Woche in Weiden, dort weiß niemand, dass er in Regensburg mit einem Mann zusammenlebt. "Weiden ist sehr konservativ."

"Jeder Mensch hat seine eigene Meinung"

Ähnlich sieht das der 26-jährige Weidener Sascha Hartmann. "Zwei Männer oder Frauen Hand in Hand zu sehen, ist für manche Personen anscheinend immer noch schwer", sagt er. "Mein Partner versucht das auch zu vermeiden." Er selbst ist der Meinung, dass man Akzeptanz nur fordern könne, wenn "man auch selbst öffentlich normal damit umgeht". Natürlich nicht übertrieben. Aber: "Ich denke, es verletzt niemanden, wenn zwei Gleichgeschlechtliche Hand in Hand spazieren gehen." In Großstädten wie Berlin und München, aber auch in Nürnberg oder in Regensburg sei das allerdings wesentlich leichter.

Körperlich ist er noch nie angegriffen worden. Aber "oft wird man eben beleidigt und beschimpft". Auch das sei schwer zu verarbeiten. "Aber wir können nicht erwarten, dass jeder Homosexualität gut findet. Jeder Mensch hat eben seine eigene Meinung." Trotzdem wünscht sich Hartmann von der Gesellschaft Akzeptanz: "Es muss nicht immer alles nachvollziehbar sein, vor allem nicht beim Thema Liebe."

Geoutet hat sich Hartmann mit 16 Jahren. "Für mich stand einfach fest, dass ich mich damit auseinandersetzen muss, um mein Leben und die Liebe genauso genießen zu können, wie es auch einem Heterosexuellen zusteht." Und auch wenn er sich "viele Gedanken gemacht" hat, was Freunde und Familie sagen werden, waren diese Sorgen unnötig. "Die einen meinten, Sie hätten es sowieso geahnt, den anderen war es egal." Oft höre er auch, dass es schön sei, dass er offen damit umgehe und dazu stehe. "Ich sage auch oft zu anderen Homosexuellen, akzeptiert euch selbst und lebt euer Leben, damit ihr von anderen erwarten könnt, euch zu akzeptieren."

Du musst selbst hinter dir stehen. Und das schaffen viele nicht.Wolfgang Klein

Zwei Männer oder Frauen Hand in Hand zu sehen, ist für manche Personen anscheinend immer noch schwer.Sascha Hartmann

Tag gegen Homophobie

Seit 2005 wird am 17. Mai der Internationale Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie begangen. Er soll auf die Diskriminierung von Menschen hinweisen, die in ihrer sexuellen Orientierung von der Heterosexualität abweichen. Das Datum wurde zur Erinnerung an den 17. Mai 1990 gewählt. Damals beschloss die Weltgesundheitsorganisation, Homosexualität von der Liste der psychischen Krankheiten zu streichen. (ehi)

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.