Tanja Koller hält einen Vortrag im Jugendcafé Scout
Toleranz statt Homophobie

"Ich selber habe gespürt, dass etwas anders ist. An Weihnachten wollte ich lieber mit dem neuen Porsche spielen, als mit einer Puppe." Zitat: Tanja Koller

"Homosexuell zu sein bedeutet nicht, dass Menschen nur mit Federboas herumlaufen", betont Tanja Koller bei der Gesprächsrunde. Es wird klar: Schwule, lesbische oder transidente Lebensweisen sind noch immer mit Vorurteilen behaftet.

Spielerisch verdeutlicht Tanja Koller gesellschaftliche Denkweisen. Los geht es mit dem "Ja-oder-Nein"-Spiel. Die Leiterin des Jugendcafés Scout stellt verschiedene Fragen: "Bist du ein Morgenmuffel? Ist Rosa eine Mädchenfarbe? Kennst du zehn Prominente, die schwul oder lesbisch sind?" Die rechte Seite des Raumes steht für "Nein", die linke für "Ja". Die jungen Gäste müssen entscheiden. Manche stellen sich in die Mitte, doch das lässt die Referentin nicht durchgehen.

Die Jugendlichen stellen fest: Ein Rollenwechsel in der Gruppe ist schnell vollzogen. Es gibt Fragen, bei denen sie alleine eine Ansicht vertreten oder sich der Masse anpassen. "Jetzt könnt ihr euch vorstellen, warum sich Schwule oder Lesben oft spät oder gar nicht outen. Dahinter steckt die Angst ausgeschlossen zu werden", sagt Tanja Koller. Das Jugendforum soll mehr Toleranz erreichen. Gesponsert wird die Veranstaltung durch das Bundesprogramm "Demokratie leben".

Die Moderatorin schickt noch eine Frage in die Gesprächsrunde: "Was meint ihr, wieviel Prozent der Menschen outen sich?" Es wird geraten: 20 bis 30 Prozent? Oder noch viel mehr? In Wirklichkeit trauen sich laut Tanja Koller nur sechs bis zehn Prozent, ihr Umfeld über ihre sexuelle Orientierung aufzuklären. "Es ist keine Selbstverständlichkeit, schwul, lesbisch, bisexuell oder transsexuell zu sein. Obwohl das Thema in jedem Schulplan festgeschrieben ist, lassen mich die Schulen in der Umgebung häufig nicht rein." Aufmerksam hören ihr die Jugendlichen zu. Sie geben ihr Recht, dass das Thema in ihrer Schulzeit häufig nur oberflächlich oder gar nicht behandelt worden sei.

Viele Fragen

"Merkt man es schon in der Kindheit, dass man homosexuell ist oder im falschen Körper steckt?", fragt die Sprecherin des Jugendforums, Theresa Waidhaus. "Ich selber habe gespürt, dass etwas anders ist. An Weihnachten wollte ich lieber mit dem neuen Porsche spielen, als mit einer Puppe. Ich denke schon, dass man es irgendwie merkt", meint Koller.

In vielen Erdteilen der Welt sei es enorm problematisch, sich zu outen. "Ein Junge aus Afghanistan erzählte mir, dass dort Schwule gesteinigt werden." Auch in den östlichen Ländern gebe es erhebliche Rückschritte zu der Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Unter den Jugendlichen in Deutschland beobachtet Tanja Koller allerdings vermehrt Toleranz.

Dass dem nicht immer so war, zeigt ein geschichtlicher Exkurs. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde der Paragraf 175, der sogenannte Schwulenparagraf, ins Leben gerufen. "Männer, die sich nur küssten, wurden eingesperrt." In der Hitler-Ära wurde das Gesetz noch verschärft. Homosexuelle wurden in Konzentrationslager gebracht, die Männer gekennzeichnet mit rosa Winkeln, die Frauen mit schwarzen. "Bis 1994 war der Paragraf in Deutschland Gesetz." Von den Jugendlichen geht ein erstauntes Raunen durch den Raum.

Am Ende breitet Tanja Koller die bunte Regenbogenfahne auf dem Boden aus. "Sie steht nicht nur für Homosexualität, sondern für Vielfältigkeit." Das Zeichen hänge in vielen Städten an Bars oder Cafés. "Es symbolisiert, dass wir dort nicht diskriminiert werden." Auch am Christopher-Street-Day wehe die Fahne. Sie bedauerte, dass Medien bei dieser Demonstration vor allem das bunte Treiben in den Fokus stellen. "Nur wenige wissen, das die Besucher ohne rosa Federboas dort hingehen, weil es der einzige Tag ist, ohne Angst auf die Straßen zu gehen und sich auszutauschen."

Ich selber habe gespürt, dass etwas anders ist. An Weihnachten wollte ich lieber mit dem neuen Porsche spielen, als mit einer Puppe.Tanja Koller
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