19.01.2018 - 20:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Teilnehmerinnen aus acht Nationen büffeln im Deutschkurs für Frauen Verliebt in den Deutschkurs

Sie kommen aus dem Irak, aus Syrien, Tschechien, Serbien, Weißrussland, Russland, Ungarn und Eritrea. Sie sind zwischen 20 und 43 Jahre alt. Aber so unterschiedlich die Teilnehmer sind, haben sie doch zwei Dinge gemeinsam: Sie sind Frauen und sie möchten unbedingt in Deutschland bleiben.

"Da ist ein Tisch. Der Tisch ist neu." Alaa und Zeina (von links) wiederholen, was sie gerade gelernt haben, vor der ganzen Klasse. Freies Sprechen und Wiederholungen sind das A und O in dem Kurs.
von Jutta Porsche Kontakt Profil

Von Jutta Porsche

Damit das gelingt, brauchen diejenigen unter ihnen, die nicht aus der EU oder Spätaussiedler sind, eine Aufenthaltsgenehmigung. Die meisten haben diese zumindest schon befristet. Und sie benötigen gute Deutschkenntnisse. Deshalb sind sie hier: Im ersten Integrationskurs für Frauen am Beruflichen Fortbildungszentrum der Bayerischen Wirtschaft (bfz) in Weiden.

Seit Dezember lernen sie bei Anne Keté-Ebetina Deutsch. Zieht man die Weihnachtsferien ab, sind sie gerade mal in der vierten Unterrichtswoche. Nicht die Welt, wenn man bedenkt, dass einige von ihnen aus einem ganz anderen Sprachraum kommen, teilweise sogar die lateinische Schrift erst hier gelernt haben.

Vorkenntnisse variieren

Anastasia aus Weißrussland tut sich da schon leichter. Dabei ist die 35-Jährige erst seit Dezember in der Bundesrepublik. Aber ihr Mann ist Deutscher. Deshalb hat sie in Minsk bereits das Goethe-Institut besucht. Drei Jahre lang lief der Arbeitsvertrag für ihren Mann in Minsk, dann zog er mit Frau und Tochter nach Deutschland um. "Ich liebe diesen Kurs und meine Lehrerin", schwärmt Anastasia, die sich schon recht gut ausdrücken kann. Bei Reem (20) und Alaa (24), den Schwestern aus Syrien, läuft es noch nicht ganz so gut. Sie sind allerdings erst seit vier Monaten in der Bundesrepublik und mussten, was die Sprache betrifft, bei Null anfangen. Sie flüchteten übrigens mit ihrer Mutter gemeinsam, der Vater lebt immer noch in Syrien.

Unbestimmte Artikel und Adjektive stehen heute auf dem Unterrichtsplan. Wann heißt es "ein", wann "eine"? Was bedeuten die Wörter "alt" und "neu", "schön" und "hässlich", "teuer" und "billig"? Die Frauen verstehen schnell. Anne Keté-Ebetina hält viele Hilfsmittel parat, die den Unterricht anschaulich machen. Sie verteilt Modezeitschriften. Röcke, Taschen, Mäntel - ob die schön sind oder hässlich, alt oder neu, dazu hat jede Frau eine Meinung.

Hozeen ist eifrig dabei. Die 26-Jährige aus dem Irak ist ehrgeizig und schreibt ihre Sätze fast fehlerfrei ins Heft. Nebenbei hilft sie ihrer Nachbarin Shaymaa (28), ebenfalls aus dem Irak, die noch mit den lateinischen Buchstaben zu kämpfen hat. Hozeen, die mit Mann und Sohn (1) vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen ist, hat konkrete Zukunftsvorstellungen. "Ich möchte Dolmetscherin werden", sagt sie - noch mit arabischem Akzent. Ihre Voraussetzungen sind gut: Arabisch, Kurdisch, Türkisch und Englisch spricht sie bereits. Ziel: Die Dometscherausbildung an der Fachakademie für Übersetzer und Dolmetscher in Weiden.

Zwischendrin reißt die Lehrerin das Fenster auf. Für hiesige Verhältnisse ist es wirklich sehr warm in dem Raum, in dem sich heute 17 der 20 Kursteilnehmerinnen versammelt haben. Doch selbst Wärme ist relativ. Während die Europäerinnen fast schon ins Schwitzen geraten, sind die Syrerinnen warm angezogen. Sara (33) aus Eritrea lässt sogar den ganzen Vormittag über ihre Winterjacke an. "Deutschland ist sehr kalt", erklärt sie, darauf angesprochen. Offensichtlich gilt das sogar für das warm beheizte Klassenzimmer. Auch die Irakerin Hozeen hat vor zwei Jahren zum ersten Mal Schnee gesehen als sie nach Deutschland kam. "Brrrr, kalt", meint sie. "Aber es ist schön."

Selma aus Serbien dagegen ist die kühle Pracht gewöhnt. Vor drei Jahren kam sie mit Mann und Kind in die Oberpfalz. Zuhause war sie als Journalistin bei einem Radiosender tätig. Ihr Ziel: "Ich muss perfekt Deutsch lernen." Denn sie möchte auch hier wieder in ihrem Beruf tätig werden. "Der Kurs ist sehr, sehr gut", lobt sie begeistert. Neben ihr sitzt Amal aus Syrien. Die Chemielehrerin flüchtete mit Mann und drei Kindern vor einem Jahr in die Oberpfalz. Ihr Mann ist Ingenieur, absolviert derzeit ein Praktikum. Amal nutzt die Chance, durch den Integrationskurs ihre Deutschkenntnisse zu verbessern.

Kursstart mit Hindernissen

Dabei war es gar nicht so einfach, diesen Kurs auf die Beine zu stellen, gesteht Mareike Kaiser. Sie ist beim Bfz zuständig für den Koordinationsbereich Migration. "Es ist der erste Integrationskurs nur für Frauen in unserem Haus, und der liegt uns sehr am Herzen. Aber die Fluktuation, gerade bei den Flüchtlingen, ist groß. Sie werden häufig umgesiedelt." Zum Teil haben auch Gründe verhindert, dass der Kurs - wie ursprünglich geplant - schon im September starten konnte. Es gab zu wenig Teilnehmerinnen. Los ging's deshalb erst im Dezember.

Von Montag bis Freitag üben die 20 Kursteilnehmerinnen im Bfz-Gebäude am Stockerhutweg jeden Vormittag Deutsch. Doch wer Neues lernt, muss seine Wurzeln nicht automatisch aufgeben. Das beweisen die Syrerinnen Haimoud (26), Alfrej (37), Nahed (37) und deren Tochter Gunua (17). In Thermoskannen haben sie sich kräftig aromatischen Kaffee mitgebracht - und schenken der Redakteurin sofort eine Tasse ein, als die sich zu ihnen setzt. Typisch orientalische Gastfreundschaft eben.

In einem Jahr auf Sprachlevel B1

"Es hat eine ganze Weile gedauert bis der Kurs zustande kam. Aber jetzt haben wir es geschafft", freut sich Mareike Kaiser. Sie ist am Beruflichen Fortbildungszentrum (bfz) zuständig für den Koordinationsbereich Migration. Bewilligt wird der Kurs, der sich an den Vorgaben des Bundesministeriums für Migration und Flüchtlinge orientiert, erst ab 15 Teilnehmerinnen. 20 sind es jetzt in Weiden geworden.

"Sie sind engagiert und motiviert, auch wenn unsere Schriftsprache vor allem für die Frauen aus dem arabischen Raum sehr schwierig ist." Wenn Frauen unter sich bleiben, sei aber auch die Lernatmosphäre oft besser, hat Mareike Kaiser beobachtet.

Einige Teilnehmerinnen wohnen in Weiden. Die anderen reisen täglich mit Bus und Bahn aus Vohenstrauß, Windischeschenbach, Mantel oder Pressath an. In den meisten Fällen kommt das Jobcenter für die Kursgebühren auf. Valerie (42) aus Tschechien dagegen muss die Kosten selbst tragen. Warum? Weil ihr Mann gelernter Krankenpfleger ist, eine Anstellung bei den Kliniken Nordoberpfalz hat und damit ein festes Gehalt. Valerie, Mutter von zwei kleinen Töchtern (2 und 4), ist ebenfalls ausgebildete Krankenschwester. Die 42-Jährige hofft, dass sie nach dem Deutschkurs ebenfalls eine Anstellung in der Region findet, die seit 4 Jahren ihre neue Heimat ist. "Egal, welche Arbeit." Der Kurs endet im April 2019 mit dem Sprachtest für Zuwanderer, Level B1. Der ist zum Beispiel für die Einbürgerung erforderlich, wobei die Sprachkenntnisse hier nur einen Teil der Anforderungen bilden. (ps)

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.