27.07.2017 - 18:08 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Tim Neulinger findet seinen Hund nach eineinhalb Tagen Suche 38 Stunden ohne Teddy

Er hat Splitter im Arm und eine Gehirnerschütterung. Sein Auto ist Schrott. Alles halb so wild, findet Tim Neulinger. Viel schlimmer ist: Hund Teddy ist weg.

Da sind sie wieder vereint: Freund Valentin Paul (links) übergibt Teddy seinem überglücklichen Herrchen Tim Neulinger. Bilder: privat (2)
von ​Tina Sandmann Kontakt Profil

Es ist 4.30 Uhr. Tim Neulinger muss los in die Arbeit. Er setzt sich mit seinem Zwergpudel in sein Auto, fährt vom Kumpel in Waidhaus Richtung Weiden. Plötzlich fällt der 19-Jährige in den Sekundenschlaf. Was dann passiert ist, daran wird sich Neulinger nicht erinnern.

Der Weidener fährt mit seinem Auto bei Vohenstrauß mit 100 Kilometer pro Stunde über eine drei Meter Hohe Insel eines Kreisverkehrs, hebt ab und kracht mit der Front seines Wagens in den Graben, rekonstruiert die Polizei. Die Airbags lösen aus, das Auto raucht. "Ich muss kurz ohnmächtig gewesen sein. Als ich aufwachte, bin ich sofort raus aus dem Auto." Das Problem: Zwergpudel Teddy auch. Fort ist er.

Hilferuf im Netz

Sofort sucht der 19-Jährige nach seinem acht Monate alten Hund. Zwei Passanten beruhigen Neulinger und rufen die Polizei. Eine Freundin kommt dazu. "Sie hat es geschafft, mich etwas runterzubringen." Die Polizei und Neulingers Bruder Felix kommen, gemeinsam sucht die Gruppe nach Teddy. Um 7 Uhr gibt sie auf. Neulinger kommt ins Krankenhaus, muss über Nacht bleiben.

Dort schickt Tim Neulinger über Facebook einen ersten Suchaufruf raus: "Falls jemand einen braunen Hund mit Halsband und Erkennungsmarke von Waidhaus in Richtung Weiden beim ersten Kreisverkehr gefunden hat, bitte melden!" Er postet ein Foto und schreibt: "Er hört auf den Namen 'Teddy' und ist etwas schüchtern. Ich bin dankbar über jeden Hinweis!" Freunde und Familie suchen derweil in Vohenstrauß und Umgebung. Und tatsächlich: Immer wieder sehen sie Teddy, wie er über die Straße flitzt. Hinterhergekommen sind sie nicht. "Er ist klein und schnell", sagt Neulinger.

30 Leute suchen mit

Der 19-Jährige bittet wieder im Netz um Hilfe. Am Ende sind es drei Aufrufe. Sie werden 312 Mal geteilt. Das sorgt auch für die Überraschung, die Neulinger erlebt, als er Sonntagmittag aus dem Krankenhaus kommt. Er schreibt Freunden, dass er zur Unfallstelle fährt, um zu suchen. Als er ankommt, sind bereits um die 30 Helfer da. "Das war absolut klasse. Freunde haben ihren Freunden geschrieben, die haben wiederum Freunde mitgebracht - manche Leute kannte ich nicht mal."

Alle suchen sie nach dem Zwergpudel, sehen ihn immer wieder flitzen. Der Hund rennt vor den Leuten weg, scheint Angst zu haben. Er versteckt sich in den Maisfeldern. Immer wieder ist die Gruppe kurz davor, ihn zu fangen. Bruder Felix fährt sogar neben Teddy her, aber der flüchtet ins Feld. Nach sechs Stunden erfolgloser Suche und zig Versuchen, Teddy einzufangen, brechen die meisten ab. "Ich glaube, Teddy hatte auch Angst, weil so viele Leute hinter ihm her waren." Neulinger plant neu: "Wir wollten in der Nähe der Unfallstelle Zelte aufstellen. Ich wusste, dass er zurückkommt, um mich zu suchen." Plötzlich halten Autos auf der Straße an, Teddy scheint sie zum Bremsen zu zwingen. Es ist schließlich Kumpel Valentin Paul, der Teddy schnappt. Allerdings nur, weil der Hund beim Öffnen der Autotür freiwillig auf den Rücksitz springt.

An einem ruhigen Ort übergibt Valentin Teddy in die Arme seines Herrchens. "Ich habe mich so unglaublich gefreut!", sagt Neulinger. Der Zwergpudel hat Hunger und Durst. Und ist er verletzt?

"Er musste alle zehn Minuten pinkeln." Ansonsten scheint ihn die Hundetasche auf der Rückbank vor Verletzungen geschützt zu haben. Ein Tierarzt stellt schließlich fest, Teddy hat sich in der kalten regnerischen Nacht von Samstag auf Sonntag verkühlt. Teddy hat also nur eine Blaseninfektion - und sein Herrchen ihn zurück. Es ist 18.30 Uhr am nächsten Tag, 38 Stunden nach dem Unfall.

Angemerkt

Facebook hilft mit

Von Tina Sandmann

Es gibt nicht nur Katzenvideos, Beschimpfungen und Hetze im Netz. Das zeigt der Fall von Tim Neulinger. Sein Hund Teddy verschwindet nach einem Unfall. Das Herrchen plagt die Angst, dass der Zwergpudel auf die Autobahn läuft und überfahren wird. Also tut er das einzige, was er im Krankenbett tun kann: Er tippt Suchaufrufe auf Facebook.
Über 300 Menschen teilen die Einträge. So kommt es, dass sich an der Suche am Sonntag völlig fremde Menschen beteiligen – die hätte er ohne Facebook vielleicht nicht erreicht. „Ich bin absolut überwältigt von der Hilfsbereitschaft“, sagt Neulinger. Also lässt er die Leute auf Facebook auch weiterhin an Teddys Schicksal teilhaben – und kann am Sonntagabend um 22 Uhr mitteilen: „Teddy ist wieder da!“

Knapp 300 Menschen klickten den „Gefällt mir“-Knopf. Da merkt man: Sie haben die 38 Stunden mit Tim Neulinger mitgefiebert – und drücken jetzt ihre Erleichterung aus. Das sind doch endlich mal wieder gute Nachrichten aus den sozialen Netzwerken: Die sind auch zu was gut.

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