15.12.2017 - 20:10 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Tradition und Heidenspaß bei Schützen: Christbaumkugel-Schießen: Scherben unterm Weihnachtsbaum

Ein bisschen Scheppern darf es schon in der staaden Zeit, meinen die Mitglieder der Schützengesellschaft Freiheit Neunkirchen. Sie laden durch und zielen auf Christbaumkugeln. Mit jedem Klirren steigt die Spannung am Schießstand.

Lara Weidner zielt auf Christbaumkugeln. Am Ende erschießt sich die zwölfjährige Pestalozzi-Schülerin das Los mit der aussichtsreichen Nummer sechs.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

Neunkirchen. Das Spektakel in der Vorweihnachtszeit hat bei vielen Schützengesellschaften Tradition. "Wir machen das schon, so lange ich denken kann", sagt Albert Riedl. Er ist der dienstälteste Schützenmeister der Stadt. Seit 37 Jahren führt der 62-Jährige die Gesellschaft Freiheit Neunkirchen und an jenem Abend obendrein fleißig Buch. Denn wer hier und heute am Schießstand im Keller des katholischen Gemeindehauses seinen Finger an den Abzug legen will, muss sich anmelden.

So funktioniert's: Bis zu 200 Kugeln blitzen durchs Diopter des Luftgewehrs. Nur an einer steckt das begehrteste Los des Abends: das mit der Nummer eins. Jeder darf so oft schießen, bis er drei Treffer landet. Die Losnummer legt die Reihenfolge für die Preissuche am Folgetag bei der Weihnachtsfeier fest. Je kleiner, umso besser. Was es zu gewinnen gibt, fragt keiner der Schützen. Viel interessanter scheint, ob dieser kleine, goldene Zapfen, oben links am Baum der Träger des Loses mit der Nummer eins ist.

Angelika Thiel schnappt sich das 4,5-Kilogramm-Gewehr. Ihre Nägel am Abzug glänzen im zarten Rosé. "Auch wir Frauen können schießen", sagt sie und zielt: Einatmen, ausatmen, Luft anhalten - und Schuss. Eine lilafarbene Mini-Kugel zerspringt.

Schützen von 12 bis 82

1924 gründete sich die Schützengesellschaft Freiheit Neunkirchen, 1950 fand sie sich wieder zusammen. Aktuell zählt sie über 80 Mitglieder, davon 20 Aktive. Sie treffen sich immer freitags. Nachwuchssorgen macht sich der Vorsitzende nicht. "Wir sind zum Glück eine Dorfgemeinschaft." Von dieser Verbundenheit und dem Schießstand vor Ort profitiere der Verein. "Aktuell haben wir viele Mitglieder zwischen 11 und 25." Besonders sie empfinden das Christbaumkugel-Schießen als das, was es ist: ein Heidenspaß.

Denis Weidner lässt deshalb gar den 1. EV Weiden warten. Erst will der 14-Jährige sich drei Kugeln geben. Schuss - Treffer, Schuss - Treffer, Schuss - Treffer. Ratzfatz geht das bei dem Schützenkaiser, der erstmals mit neun Jahren zum Lasergewehr gegriffen hat. "Ich muss dann. Tschüss", ruft er. Lara Weidner winkt zurück. Dann schießt die Zwölfjährige mal kurz die Kugel mit der Los-Nummer sechs vom Baum. Mit Erfahrung wuchert der älteste Schütze des Abends: Wolfgang Roy tritt an den Schießstand. Mit 82 stellt er seine ruhige Hand und ein gutes Auge unter Beweis. Nur das Nummern-Glück ist ihm nicht hold.

Immer mehr glitzernde Glasstücke säumen den Boden. Vier Teppiche haben die Schützen in die Senkrechte gezerrt. Sie hängen zum Schutz vor der Wand. "Ganz früher haben wir auf Walnüsse geschossen", erzählt Sportleiterin Christine Poß. Was für eine Arbeit, die Nüsse im Vorfeld anzumalen, 50 davon zu knacken und darin das Los zu verstecken.

Bitte um Kugel-Spenden

"In Kaltenbrunn veranstalten sie ein Ostereierschießen." Was das mit Weihnachten zu tun hat? "Die müssen da jetzt schon dran denken, Eier auszupusten, wenn sie Plätzchen backen", kombiniert Poß. "Wir würden uns über Christbaumkugel-Spenden freuen. Also bitte nichts wegschmeißen, sondern zur Freiheit Neunkirchen bringen."

Auch Kunststoffkugeln sind begehrt. Sie sind gut im Einstecken, bekommen schon mal drei, vier, fünf Treffer ab und können trotz der Löcher wiederverwendet werden. Ebenso diese eine stoffummantelte Styroporkugel. "Die wird von mal zu mal schwerer, weil immer mehr Geschosse in ihr stecken", weiß Riedl. Ja, praktisch muss es schon auch zugehen bei den Schützen.

Deshalb sieht der Weihnachtsbaum, an dem die Kugeln baumeln, heuer auch anders aus. Statt Tanne oder Fichte aus Riedls Wald schreinerten Jonny Thiel und Sohn Alexander einen Baumersatz. "So müssen wir nicht mehr ewig zwischen den Nadeln und Zweigen nach den Lose suchen", erklärt Thiel. Stimmt. Ruckzuck steht fest, 78 Kugeln bleiben fürs nächste Jahr übrig - und Thiel ist der Sieger des Abends. Er erschoss sich das Los mit niedrigsten Nummer, der Zwei. Es hing tatsächlich an diesem kleinen, goldenen Zapfen, oben links.

 

 

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